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Viel Zoff um einen Stoff

Kunststoffbaustein Bisphenol A allgegenwärtig – und wohl doch riskant

Ein erbitterter Streit geht in die nächste Runde. Gegenstand des Konflikts ist eine farblose, kristalline Chemikalie. Sie ist unverzichtbar für die Herstellung von Polycarbonat-Kunststoffen und einigen Kunstharzen: Bisphenol A (BPA). Doch BPA hat einen unerwünschten Nebeneffekt: Es beeinflusst den Hormonhaushalt.

Mehr als zwei Millionen Tonnen Polycarbonat werden jährlich weltweit produziert. Der BPA-haltige Kunststoff steckt in Autoteilen, CDs, Mikrowellengeschirr, Wasserkochern, Lebensmittelverpackungen, Babyfläschchen oder Schnullern.

Die Substanz kann in geringen Mengen aus Plastikflaschen und anderen Kunststoffprodukten freigesetzt werden und unter anderem in Lebensmittel übergehen. In zahlreichen Tierversuchen zeigte BPA eine ähnliche Wirkung wie das weibliche Sexualhormon Östrogen. Werden junge Mäuse vor und kurz nach der Geburt niedrigen Dosen von Bisphenol A ausgesetzt, leiden sie gehäuft an Fehlbildungen der Sexualorgane, Übergewicht, erhöhten Blutfettwerten, Typ-2-Diabetes sowie Bluthochdruck und Herzkrankheiten.

Uneinigkeit herrscht darüber, wie gefährlich geringe Mengen der Alltagschemikalie für den Menschen sind. Die offizielle Antwort der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) lautet derzeit »gar nicht«, solange die tägliche Dosis 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht nicht überschreitet.

Anderswo sieht man das kritischer: Kanada, Frankreich und Dänemark hat Babyflaschen und Lebensmittelverpackungen aus BPA-haltigen Kunststoffen verboten, Schweden will nachziehen. Auch das deutsche Umweltbundesamt sprach sich dieser Tage für Beschränkungen bei bestimmten Produkten aus.

Jüngste Untersuchungen belegen zudem, dass Bisphenol A nicht nur für die Entwicklung von Babys und Kleinkindern Risiken mit sich bringt, sondern auch Erwachsenen gefährlich werden kann. So stellte in der bisher umfangreichsten Studie David Melzer von der Peninsula Medical School im südenglischen Exeter einen möglichen Zusammenhang zwischen der Chemikalie und Herzkreislauferkrankungen fest. Melzer und sein Team untersuchten 1493 Amerikaner im Alter zwischen 18 und 74 Jahren. Versuchsteilnehmer, die höhere Konzentrationen von Bisphenol A im Urin hatten, berichteten häufiger von Herzleiden als jene mit geringer Belastung. Ein ursächlicher Zusammenhang ist damit freilich noch nicht bewiesen. Denn auch andere Faktoren, wie etwa Übergewicht, verursacht durch zu wenig Bewegung oder fetthaltige Ernährung, können das Risiko für Herzkreislauferkrankungen erhöhen. Mehrfach äußerten Wissenschaftler jedoch den Verdacht, dass eine höhere BPA-Konzentration nicht nur Mäuse, sondern auch Menschen dicker macht, ihre Blutfette und damit indirekt ihr Risiko für Herzerkrankungen erhöht.

Deshalb prüften die Forscher, ob die Probanden mit den hohen BPA-Werten deutlich mehr wogen oder einen höheren Cholesterinspiegel hatten als die Vergleichsgruppe mit niedrigeren Werten. »Doch wir konnten keinen Zusammenhang zwischen Körpergewicht oder Cholesterinspiegel und BPA finden«, so Melzer. Es scheint also, als würden die höheren Bisphenol A-Werte unmittelbar das Risiko für Herzkreislauferkrankungen erhöhen. Wie genau die Chemikalie auf Herz und Gefäße wirkt, muss noch weiter erforscht werden.

Derweil taucht ein neuer Verdacht gegen die Chemikalie auf. Chinesische Arbeiter einer Epoxidharz-Fabrik, in der Bisphenol A bei der Produktion eingesetzt wird, berichten vermehrt von Sexualstörungen. Auch hier sieht eine im vergangenen November veröffentlichte Studie im Bisphenol A den Auslöser.

Auf der Internetseite des Bundesinstituts für Risikobewertung ist dazu bislang nichts zu lesen. Stattdessen erfährt man, dass Untersuchungen zu möglichen gesundheitsschädigenden Wirkungen kleinster Mengen von Bisphenol A teilweise widersprüchlich seien.

Wie lassen sich solche Widersprüche deuten? Der Biologe Frederick vom Saal von der Universität von Missouri (USA) hat eine für Wissenschaftler wenig schmeichelhafte Erklärung. Nach seiner Recherche hängen die Studienergebnisse offenbar davon ab, wer sie finanziert. Der BPA-Kritiker prüfte insgesamt 163 Studien zur Wirkung niedriger BPA-Dosen, die bis November 2006 veröffentlicht wurden. Während die elf von der Industrie geförderten Studien ausnahmslos keine Hinweise auf gesundheitliche Schäden zeigten, wies der weitaus größere Teil, nämlich 138 der 152 öffentlich finanzierten Untersuchungen, dagegen auf Schäden hin. Und noch etwas fiel vom Saal auf: Die Ergebnisse der Studien sind relativ einfach zu manipulieren. Denn schon die Wahl einer bestimmten Rattenart garantiert das gewünschte Resultat. Ratten vom Stamm Charles River-Sprague Dawley (CD-SD) etwa reagieren unempfindlich auf weibliche Geschlechtshormone.

Die Verfünffachung des BPA-Grenzwerts durch die EU-Lebensmittelbehörde EFSA stützt sich auf eine industriefinanzierte Studie, bei der der Toxikologe Gilbert Schönfelder von der Universität Würzburg Hinweise auf etliche methodische Fehler fand. Zusammen mit 35 anderen renommierten Wissenschaftlern hat er in einem Fachartikel die Unstimmigkeiten der Untersuchung zusammengetragen. Auch hier wurden bestimmte Versuchstiere gewählt – Mäuse, die erst bei hohen Östrogen-Dosen Reaktionen zeigen. Die Wissenschaftler legten deshalb Einspruch ein bei der US-Behörde für Lebensmittel und Arzneimittelsicherheit (FDA), die ihre Entwarnung in Sachen BPA revidierte, nachdem sich die Studienautorin bei einer Anhörung in weitere Widersprüche verstrickte.

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