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Konfrontative Grenzüberschreitungen

»FischGrätenMelkStand« – die finale Ausstellung in der Temporären Kunsthalle Berlin

Es sollte eine fulminante Abschiedsschau werden. Teilweise ist das auch gelungen, wenn man die von dem Künstler John Bock kuratierte, letzte Gruppenausstellung für die Temporäre Kunsthalle mit dem seltsamen Titel »FischGrätenMelkStand« nicht als reines Sinnbild für das streckenweise konfuse Konzept eines zweijährigen Experiments interpretieren möchte.

Nicht weniger als 63 Künstler und Künstlerinnen und über 150 Exponate zeigt der 1965 im schleswig-holsteinischen Gribbohm geborene und mittlerweile in Berlin ansässige Aktionskünstler auf recht ungewöhnliche Art und Weise. Denn Bock wäre nicht Bock, wenn er die sowohl vom Alter, dem Popularitätsgrad sowie dem zuzuordnenden Genre her – von bildender Kunst über Mode, Film, Theater, Architektur, Design und Musik bis hin zu Parapsychologie – höchst unterschiedlichen Protagonisten einfach im klassischen Stil im »White Cube« platziert hätte. Seine Vorliebe für arme, alltägliche Materialien floss diesmal in die dadaistisch anmutende Ausstellungskonzeption und -konstruktion ein. Was der Kurator gerne mit Kunst- und Wunderkammer umschreibt, gleicht einem kollektiven Gesamtkunstwerk, erinnert aber auch an den legendären »Merzbau« von Kurt Schwitters, einen Abenteuerspielplatz oder an ärmlich-chaotische Materialsammelsurien von Wohnhütten aus Slumvierteln. Sicher ist dies alles irgendwie auch impliziert und dennoch nicht streng ausgedacht oder vorgegeben. Denn John Bock plädiert für ein offenes Konzept, für Austausch, Konfrontation, Grenzüberschreitung und Blickwechsel (wobei er manchmal selber nicht so genau die Inhalte einzelner Arbeiten kennt).

Vorgegeben hat Bock eine elf Meter hohe Konstruktion aus Stahl in Gerüstbauweise als begehbare Installation ohne Außenfassade. Bis knapp unter die Decke der Kunsthalle reichen die vier Ebenen mit je 150 qm Fläche. Jede Etage enthält acht Themenkabinette in individuellster Ausformung und Gestaltung aus Materialien wie Stoffdecken, Spanplatten, Netze aus Autoreifen oder gefüllten Socken oder Wände aus verbrannten Pizzas. Die Kabinette sind eng und verschachtelt angeordnet, miteinander verwoben und zwingen den Besucher in die Rolle eines Erforschenden. Der Gang durch dieses wohlgeordnete Wirrwarr wird zur Entdeckungsreise mit vielen optischen, akustischen tast- und riechbaren Überraschungen. Überhaupt steht das sinnliche Erlebnis an erster Stelle. Im zweiten Geschoss etwa führt ein dünner Steg in luftiger Höhe unter Julian Rosenfelds Neonschrift »Open« hindurch zu Matthew Burbidges barock überladener Raumgestaltung »Backstage« mit absurden beweglichen Einsprengseln. Durch das persönlich anmutende, inszenierte Chaos aus Fundstücken des Alltäglichen fühlt sich der Besucher hier besonders als Eindringling. Auch Boden und Außenhaut der Kunsthalle bleiben bei dieser letzten Schau nicht unangetastet, werden aufgerissen bzw. mehrfach durchbrochen. Angesichts des nahenden Abbaus der Halle beunruhigt dies nicht weiter.

Das Ende des zeitlich begrenzten subjektiven Blicks auf Berlins aktuelle Kunstszene sei, so betonen die Macher der Temporären Kunsthalle, ganz bewusst bereits am Anfang besiegelt worden. Sie verabschieden sich mit einem leichten, unterhaltsamen Kunstspektakel, das ein Lächeln in die Gesichter der Besucher zaubern will und keinesfalls gedankenschwere inhaltliche Auseinandersetzungen provozieren soll.

Bis 31. August, Temporäre Kunsthalle, Schlossfreiheit 1, Schlossplatz, Berlin-Mitte, Informationen zum Begleitprogramm unter www.kunsthalle-berlin.com
Der Katalog zur Ausstellung erscheint im August.

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