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Einwürfe, Fußnoten

Fußball-WM (22)

DAS LAND SCHWIEG. Es lag ein Verstummtsein über der großen Stadt, das man so nicht gewohnt war, und ich nahm es nicht nur als Zeichen der Stadt, sondern als Botschaft aller Städte. Es war, als sei etwas Unerwartetes geschehen, das alle tänzerische Lust, die doch bis eben in der Luft lag, alle überschäumende Freude am Dasein hinweggefegt hatte. Die Straßen, vor Kurzem noch ein ohrenbetäubendes Hupkonzert und Frischefest der Begegnungen, sie glichen jetzt offenen, aber erschrocken stillen Mündern, weit aufgerissen für einen Schrei, der nicht kam. Es gibt diese Zwischenmomente des irritierten Innehaltens, in denen man meint, es müsse etwas geschehen, das die Zeit zurückdreht in einen glücklicheren Augenblick, aber nichts geschieht; irgendetwas Lähmendes hat sich über die Stadt gelegt; die Menschen begreifen für eine Sekunde, dass es Dinge gibt, die man nicht begreifen kann, irgendein Glück ist hinweggefegt worden, nun schaut man ihm mit traurigen Augen hinterher.«

So kann man es nachlesen in einem Bericht des Reportage-Klassikers Bruce Chatwin. Manchmal braucht Literatur gewisse Zeit, um auf eine Realität zu treffen, die sich angesichts der Dichterworte die Augen reibt und fragt: Woher weiß der Autor das von mir? So würde wohl Fußballdeutschland, läse es diesen Text, jetzt fragen – nach diesem bitteren Spiel gegen Spanien.
Anika Stralau

IMMER IST ALLE RUHE trügerisch. Sie ist lästig. Und langweilig vor allem. Also nicht auszuhalten. Immer finden sie deshalb – im Gegensatz zu den Königskindern – zusammen: eine Nachricht und deren mediale Vervielfältigung. Es muss gar keine Nachricht sein, es genügt eine Ahnung, ein Gerücht. Philipp Lahm möchte sich nicht die Kapitänsbinde herunterreißen lassen, also reiste der eigentliche, aber verletzte Kapitän Michael Ballack beleidigt ab aus Südafrika. Hieß es. Seitdem rackert die Kolportage. Das wärmende Sommermärchen der Harmonie wird aufgeheizt.

Aufschlussreich am banalen Fall ist wieder der gleichnishafte Wink: Als vor Wochen die Nachricht von Ballacks Ausfall kam, sorgte die feste Gewissheit von dessen offenkundiger Unersetzbarkeit für Schockstarre in der einschlägigen Berichterstattung. Jetzt erinnert die Situation an Brechts Gedicht vom Staatsmann, dessen Husten zwar ausreichte, um Weltreiche zu erschüttern – aber sechs Wochen nach dem Tod des Großen, so Brecht, fände sich für ihn im ganzen Land nicht mal mehr die Stelle eines Pförtners. So der üblich geringe Zeitwert menschlicher Bedeutsamkeit. Wer die Frage verbreitet, ob die überraschend guten Deutschen in Südafrika die bis vor Kurzem geradezu geheiligte Beihilfe Ballacks überhaupt gebraucht hätten – er fragt nicht, er antwortet und verbarrikadiert schon mal alle Pförtnerhäuschen.

Immer ist alles wie einst auch bei Steffi Graf. Sie siegte und siegte und siegte, dann wurde sie niedergeschrieben, und ein Sportreporter sagte im Fernsehen: »Ganz klar, die gute Steffi wirkt zu eintönig.« Tontaubenschießen: hochsteigen lassen, um abschießen zu können. Lahms übereilte Bemerkung zur Kapitänsbinde wurde sofort auf die Goldwaage gelegt, mittels derer nichts abgewogen, sondern alles mit falschen Gewichten beschwert wird. Und so meinte RTL noch in der Nacht der Niederlage gegen Spanien, dass dieses 0:1 doch bestimmt »Oberwasser« für Michael Ballack sei.

Das ist die Praxis der medialen Machtausübung: Teile aus und herrsche!
Hans-Dieter Schütt

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