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Der poetische Earl

»Der Mann, der Shakespeare erfand« – eine Enthüllung von Kurt Kreiler

Der Umschlag des Buches zeigt einen selbstbewussten, gepflegten, schönen, etwas eitlen Mann in höfischer Kleidung mit leicht kritisch-distanziertem Blick. Hat man das Buch gelesen, dann wird einem gerade Letzteres besonders bewusst. Dieses Bild ist das einzige erhaltene Bild des Edward de Vere, des siebzehnten Earl of Oxford (1550-1604). Wer war dieser Edward de Vere? Kurt Kreiler hat nach jahrelangen Studien (und vorausgehenden Veröffentlichungen) sein Leben bis in alle auffindbaren Details erforscht. Dieser Oxenford, wie er selbst unterschrieb, war ein »höfisch gebildeter Spross aus alter, kämpferischer englischer Adelsfamilie«, zuhause in allen höfischen Sitten und Schmeicheleien, in Spielen und Tournieren, ein Schützling von Königin Elizabeth, ein Frankreich- und Italienreisender, ein großer Kenner antiker und italienischer Dichtung, ein Herausgeber und Verfasser von Lyrik, ein Liebhaber der Freiheit, ein großzügiger Verschwender. Alles in allem, wie Elizabeth in ihrem Empfehlungsschreiben an die europäischen Höfe formulierte: »Ein glänzender, junger Mann von höchster Vortrefflichkeit.« In Kurt Kreilers Darstellung lernen wir diesen »Angehörigen der universitären und aristokratischen Elite« auch als »königlichen Dieb«, als »Meister der Menschenerfindung, als verborgenen und enthüllenden Autor« kennen. Mehr noch: als den »Mann, der Shakespeare erfand«.

»Shakespeares Werk ist nicht aus dem Nichts entstanden, auch wenn die Welt bisher keinen Autor dazu vorweisen kann«, schreibt der Literaturwissenschaftler Kurt Kreiler zu Beginn. Dass der des Lesens und Schreibens kaum kundige Handschuhmachersohn aus Stratfort-upon-Avon der Autor der welthaltigen Shakespeare-Stücke war, ist seit mindestens 150 Jahren bezweifelt worden. Aber alle rund fünfzig angebotenen alternativen Autorenschaften führten zu nichts. 1920 gab es eine kleine sensationelle Veröffentlichung. Ein englischer Lehrer brachte erstmals Edward de Veres Namen ins Spiel. Endgültig bewiesen wurde auch von ihm nichts, Zweifel blieben. Nun aber, mit diesem Buch, räumt Kurt Kreiler ordentlich Zweifel und Ungereimtheiten aus, bringt hundertfache Belege. Also: Edward de Vere hat den William Shakespeare, den Eroberer und (musischen) Speerschwinger, erfunden. Warum? Ganz einfach: Der höfische Kodex erlaubte dem Lord gar nicht, seine Dramen unter eigenem Namen zu veröffentlichen. Lord Oxford war der Shakespeare. Im Jahre 1573 ist mit »Venus und Adonis« dieses Pseudonym erstmals in die Welt gekommen, und – Kreiler belegt auch dies – einige Eingeweihte wie der Dichter Thomas Nashe wussten davon.

Das Verschweigen, dem nach Shakespeares Tod die Jahrhunderte lange »Verirrung« (Kreiler), der »große Betrug« (Henry James) folgten, hatte seine eigenen, sehr persönlichen Gründe, von denen wir auch erfahren und die für uns heute allein schon sehr viel Shakespearehaft-Komödiantisches haben. Das muss man einfach lesen.

»Dieses Buch ist ein Buch der Findungen. Mitunter hängen seinen Sätzen noch die Eierschalen der Wissenschaft an – keiner bitteren oder farblosen Wissenschaft – aber einer fröhlichen, zu Überraschungen geneigten.« So schreibt der Autor im Vorwort. Tatsächlich, dieses Buch ist nicht nur das Ergebnis von unendlich vielen sehr genauen wissenschaftlichen Recherchen, Funden und Findungen, Belegen und Argumenten, zum Glück sind »die Eierschalen« fröhlicher Wissenschaft an dieser Darstellung hängen geblieben, geht es doch um Dichtung prall voll Lebensfülle, Welthaltigkeit, Tiefe und Schalk. Dem wird der Autor in aller Wissenschaftlichkeit genial gerecht.

Kurt Kreiler geht mit dem Leser zusammen de Veres eigenwilligem Lebensweg nach. Allein der ist schon spannend. Dahinein und in die dramatischen Zeitläufe gebettet ist das Werk, das lyrische; und das dramatische von »Titus Andronicus« (1573/74) bis »King Lear« (1603/04). Für Kreiler ergaben sich aufgrund der neuen Erkenntnisse teilweise neue Datierungen. Es entsteht zugleich ein lebendiges Bild der Zeit in England und Europa, die von Intrigen und Kriegen bestimmt war, in der Schwachköpfe und die intelligente Elisabeth regierten, in der Maria Stuart hingerichtet und die spanische Armada vernichtet wurde.

Und Shakspere aus Stratford-upon-Avon (1564-1616)? Auch ihm wird der richtige Platz zugewiesen (schön das Kapitel »Shakepeare und Shakspere«). Wir erfahren, wie der kleine Schauspieler durch die große »Verwechslungskomödie« immerhin zu einigem Wohlstand gelangte, Teilhaber am »Globe« wurde und als angesehener Bürger in seiner Geburtsstadt sein Leben vollendete. Und schließlich hat er ja auch noch immer dort sein Denkmal und die vielen Touristen.

Kurt Kreiler: Der Mann, der Shakespeare erfand. Edward de Vere, Earl of Oxford. Insel Verlag. 595 S.,, zahlreiche Abbildungen, 29,80 €.

Abb: Das Shakespeare-Porträt in der ersten Folio-Ausgabe von 1623 (Foto: dpa) und das Bildnis des Edward de Vere, Earl of Oxford, auf dem Umschlag von Kurt Kreilers Buch: Nach Ansicht des Literaturwissenschaftlers habe der höfisch gebildete »Oxenford«, der unter dem Namen Shakespeare veröffentlichte, den Schauspieler Shakespere aus Stratford-upon-Avon durchaus gekannt. Bei einer Honorarzahlung soll es einmal sogar zu einer Verwechslung gekommen sein.

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