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Im Büro wird Arabisch gesprochen

Die Neuköllner Sonnenallee ist für viele arabischstämmige Berliner eine neue Heimat geworden. Farid Nouf, Mahoammed Faour und Shukry Omairat haben sich hier niedergelassen und selbstständig gemacht

  • Von Nissrine Messaoudi
  • Lesedauer: 7 Min.

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Farid Nouf, Geschäftsinhaber des Fotostudios »Farid«
Farid Nouf, Geschäftsinhaber des Fotostudios »Farid«

Um sich wie in Libanon oder in Syrien zu fühlen, muss man nicht weit fahren. Ein Spaziergang durch die Sonnenallee im Berliner Stadtteil Neukölln genügt, um arabische Akzente zu spüren. Besonders bei den sommerlichen Temperaturen erwacht die Straße zum Leben. Der Geruch von Apfeltabak steigt einem in die Nase – er kommt aus den unzähligen Wasserpfeifen, aus denen die Männer vor den Schischa-Bars den Wasserdampf aufsaugen.

Shukry Omairat sitzt in einem seiner prunkvollen Sessel
Shukry Omairat sitzt in einem seiner prunkvollen Sessel

Die rund 4,5 Kilometer lange Allee beherbergt viele Geschäfte, die von arabischen Mitbürgern für arabische Mitbürger betrieben werden. Vom Lebensmittelgeschäft über Restaurants, Fotografen, Reisebüros, bis zu Apotheken, die meisten Läden fallen durch zweisprachige Namen auf, wie auch »Foto Farid«. Links am Eingang steht der Name auf Deutsch, rechts auf Arabisch. Farid Nouf hat sich 2005 selbstständig gemacht. Da er in Libanon studiert und sich dort auf Hochzeitsfotos spezialisiert hat, war für den 35-Jährigen klar, dass er sein Geschäft in der Sonnenallee eröffnen möchte, weil »ich den Geschmack arabischer Kundschaft besser kenne«, erklärt der Fotograf.

Warten auf den deutschen Pass

Geboren und aufgewachsen ist der Vater dreier Kinder in Libanon, doch eigentlich ist Nouf Palästinenser. »Natürlich fühle ich mich in Libanon zu Hause, meine Eltern, meine ganze Familie lebt dort. Trotzdem bin ich Palästinenser«, versichert der Neuköllner mit den hellen, freundlichen Augen. Dass sich der Palästinenser weder im Libanon noch in Deutschland als vollwärtiger Bürger fühlt, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass er weder die libanesische noch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Auch die anfänglichen Schwierigkeiten, mit denen Farid Nouf in Deutschland zu kämpfen hatte, hinterließen Wunden. »1997 habe ich den Libanon wegen des Krieges verlassen. In Deutschland habe ich Asyl beantragt, weil ich nicht zu weit weg von meiner Familie wollte.«

Mittlerweile stellen arabischstämmige Menschen eine der größten Zuwanderergruppen in Berlin dar. Ihre Zahl wird auf etwa 37 000 geschätzt. Exakt lässt sich diese Zahl jedoch nicht belegen, da viele staatenlose Palästinenser in die Hauptstadt gekommen sind. Nord-Afrikaner – Marokkaner, Tunesier oder Algerier – sind kaum darunter, diese sind vor 40 Jahren als »Gastarbeiter« vor allem von Nordrhein-Westfalen angeworben worden, um die vielen freien Stellen in der Industrie zu besetzen. Die meisten in Berlin lebenden Araber kamen demnach als Flüchtlinge oder als Studenten, selten als Arbeitnehmer.

So auch Nouf. Als Asylbewerber hatte er es in Deutschland schwer. »Ich durfte nicht zur Schule gehen, ich hatte Probleme bei der Wohnungssuche und finanziell war ich auch in Not.« Von der Politik fühlte er sich im Stich gelassen. Ohne die Hilfe seines Vaters, der ihm Geld schickte, hätte sich der 35-Jährige nicht selbstständig machen können. Trotz dieser Erfahrungen hat er sich entschieden, den deutschen Pass zu beantragen. Den Einbürgerungstest hat er bereits absolviert und bestanden. Jetzt heißt es warten. Der deutsche Pass bedeutet nicht nur endlich anzukommen, für Palästinenser bedeutet er weitaus mehr. »Mit der deutschen Staatsbürgerschaft kann ich endlich versuchen, nach Palästina zu gehen, denn als Palästinenser darf ich nicht ins Land.« Eine Garantie, dass er von Israel hinein gelassen wird gibt es indes nicht. Aus diesem Grund hat es seine Frau, eine Deutsche mit palästinensischen Wurzeln, bis heute nicht versucht.

In Neukölln zu leben und zu arbeiten heißt für den Fotografen, auch einem Gefühl von Heimat näher zu kommen. Seine Kinder wachsen zweisprachig auf, ihre Schule liegt allerdings nicht in Neukölln. »Meine Kinder sollen eine gute Ausbildung erhalten und später studieren. Sie gehen in Kreuzberg, am Potsdamer Platz zur Schule, damit sie kein Deutschdefizit haben.«

In Neukölln haben 38,5 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund. In Nord-Neukölln sind es über 51 Prozent. Hier gibt es Schulen, wo bis zu 90 Prozent aller Schüler keine deutschen Wurzeln haben. Das sei ein Grund für die schlechten Sprachleistungen, sind sich Kritiker einig.

Mohammed Faour sieht das auch so. Seit Januar 2010 betreibt der 46-Jährige ein kleines Reisebüro, gegenüber von Farids Fotoladen. Mit seiner Frau und seinen vier Kindern lebt er in Rudow. Dort gehen seine Kinder zur Schule. »Neuköllner Schulen sind nicht alle schlecht, sie brauchen allerdings mehr Förderung, die sie meiner Meinung nach nicht bekommen.« Auch ihm ist eine gute Ausbildung seiner Kinder wichtig. Zwei Töchter gehen bereits aufs Gymnasium, der Sohn hat ebenfalls eine Empfehlung bekommen und das vierte Kind ist noch zu klein. Die arabische Sprache ist dem Palästinenser aus Libanon jedoch auch wichtig. Deshalb lernen sie seine Kinder in einem außerschulischen Zentrum.

Seit 1986 lebt der Geschäftsmann in Deutschland. In Berlin hat er Medizintechnik studiert, seinen Beruf jedoch nie ausgeübt. Da er am Ende seines Studiums einen Lebensmittelladen betrieb, entschied er sich dafür, weiterhin selbstständig zu bleiben. Auf der Sonnenallee sind 80 Prozent seiner Kunden arabischstämmig. »Kontakt zu Deutschen haben wir hier wenig«, beklagt Faour, der, obwohl er hier studiert hat, mit seinem Deutsch unzufrieden ist. »Es könnte besser sein, aber im Büro und zu Hause spreche ich fast ausschließlich Arabisch, da kann es ja nicht besser werden«, sagt er und lacht. Seine Frau hat ebenfalls mit Migranten zu tun, sie ist »Elternlotse« und hilft Familien in Kreuzberg, sich besser »zu integrieren«.

Faours Kinder sprechen fließend Deutsch und sehen sich selbst als Deutsche. Besonders während der Fußball-WM wurde das deutlich. »Während ich der argentinischen Mannschaft die Daumen gedrückt habe, freuten sich meine Kinder über jedes deutsche Tor.« Mohammed Faour versucht schon seit fünf Jahren, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen. Der Palästinenser wurde bisher allerdings immer wieder abgelehnt.

Wie der Fotograf Farid ist auch Faour staatenlos und hat Palästina nie gesehen. Die Suche nach der eigenen Identität in seiner neuen Heimat ist nicht leicht. »Dass die Bundesrepublik Israel unter anderem mit Waffenlieferungen unterstützt und einfach dabei zusieht, wie wir entrechtet werden, ist schwer«, so Faour. Fünf Jahre Ablehnung des deutschen Passes tragen nicht gerade dazu bei, sich hier akzeptiert zu fühlen. Trotzdem versucht es Faour immer wieder.

Shukry Omairat fühlt sich hingegen in Deutschland sehr gut aufgehoben. Der deutsche Staatsbürger ist 1978 als Kind nach Deutschland gekommen. Seine Familie musste aus dem kriegsgeschüttelten Libanon fliehen, da war er sieben Jahre alt. »Zuerst haben wir in Baden-Würtemberg gelebt, dann sind wir nach Berlin gezogen. Meine ganze Familie lebt hier, nach Libanon fliege ich nur noch in den Urlaub oder geschäftlich.« Omairats Laden fällt schon von Weitem auf. »El-Salam Style« verkauft Möbel und Einrichtungsdekoration. Prunkvoll glitzern die mit Gold verzierten Kronleuchter und Vasen. Die einen mögen es für Kitsch halten, für andere ist Kunst.

Man kann hier auch handeln

»Die Sonnenallee ist mittlerweile bei arabischen Menschen in ganz Europa bekannt. Wer in Berlin Urlaub macht, kommt hier her«, ist sich Omairat sicher. Seine Lampen und Kronleuchter seien sehr begehrt. Die Preise pendeln zwischen 100 und 2000 Euro, »man kann mit mir auch handeln«, sagt der 40-Jährige schmunzelnd.

Ein Großteil seiner Familie ist selbstständig. Sein Bruder betreibt eine Schischa-Bar, ein anderer eine arabische Konditorei. Auch ein Gemüseladen gehört zum Familienbetrieb – alles auf der Sonnenallee. Seinen Dekoladen führt Omairat mit seiner Schwiegermutter. Seine Frau kümmert sich um die gemeinsamen neun Kinder. Der Jüngste ist vier, die älteste Tochter 19 Jahre alt und schon verheiratet, »weil sie es so wollte«, versichern Omairat und seine Schwiegermutter. Eigentlich möchte auch er seine Kinder lieber woanders zur Schule schicken. Aber sie ständig hin und her zufahren sei zu zeitaufwendig. Seine älteste Tochter hat die Schule zwar beendet, eine Ausbildung hat sie jedoch nicht gemacht. Wofür sich die heranwachsenden Kinder entscheiden werden, wird sich erst noch zeigen. »Die Selbstständigkeit wird in Neukölln jedenfalls immer eine Option bleiben.«

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