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Ja, von diesem Dichter geht Gefahr aus

Die FAZ warnt vor Peter Handke.

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 8 Min.

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Es sei still geworden um Peter Handke, stellt die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« vom 10. Juli fest. Eine Aussage über das Lärm-Bedürfnis, weniger über den Dichter.

Anlässlich des fünfzehnten Jahrestages der Massaker-Tode von Srebrenica erinnert der Germanist Jürgen Brokoff an die Jugoslawien-Texte Handkes und mahnt – Beendigung der Stille! – stärker als bisherige Kritiker: »Es wird Zeit, sich bewusst zu werden, dass von einem Autor solchen Ranges wie Handke eine Gefahr ausgehen kann. Seine auf vermeintliche Nebensächlichkeiten ausweichende, literarische Mittel einsetzende Ideologie gehört, gerade weil sie so subtil verfährt, zu den problematischsten Entgleisungen eines deutschsprachigen Autors nach dem Zweiten Weltkrieg.«

Das ist ein starker Vorwurf. Aber tatsächlich geht von Handke große Gefahr aus. Der Dichter, spricht er jugoslawisch, wird seit eh und je nicht staunend, neugierig, fragend, verwirrt zur Kenntnis genommen; er gerät sofort unter Beschuss, fraglos, prompt, entschieden. Der Österreicher Handke, verwandtschaftlich mit dem Slowenischen verbunden, hat sich immer wieder mit seiner inneren balkanischen Existenz auseinandergesetzt. Im Roman »Der Bildverlust« findet sich die Beschreibung einer »balkanischen Ecke« als poetisches Hohelied auf eine Lebensweise jenseits westeuropäischer Kaltbürgerlichkeit.

Handke, erbitterter Gegner der NATO-Bombardierung Jugoslawiens, hat nie serbische Verbrechen geleugnet. Aber er zürnte gegen alle Täter-Opfer-Einseitigkeit, er wählte einen anderen Beschreibungs- und Empfindungsort; Handke befindet sich »nebendraußen«, wie er seinen Dichterfreund Hermann Lenz einmal zitierte. Das ist ein verquerer, naiver, realitätsferner, unbotmäßiger, größenwahnsinniger, liebesblinder, unmaßgeblicher, ignoranter, kindischer, verantwortungsloser Ort. Dichters Ort und jedem Leser inniglich zu wünschen, einmal dorthin mitzugehen, wo der »Augenschein« auf die Oberfläche der alltäglichen Lebensdetails mehr wert ist als Ideologie.

Das ist sie, die Gefahr, die von Handke ausgeht.

Das Prinzip Handke ist im Grunde so zu erklären, als sähe man eine Fläche Lands, und plötzlich flattert da ein Vogel auf, und das Bild ist damit völlig verändert. »Die Flächen entrücken, und nehmen andrerseits spürbar Gestalt an; und die Luft zwischen ihnen und dem Auge wird stofflich. Das zum Überdruß Bekannte, Ortsgebundene ... wie gegenstandslos Gewordene steht dann für einmal in der richtigen Entfernung; als ›mein‹ Gegenstand« ( so Handke in »Die Lehre der Sainte-Victoire«, 1980).

Aber: So etwa auch auf Kriegsland schauen? So durch die Toten hindurchschauen auf Fluss, Schnee, Gras und sonstig Unwichtiges? Ja, sagt Handke, und er schaut den Frieden im Krieg, und die Logik jenes Apparates wankt, der Bomben wirft und Völker stempelt, als sei das ein Gesetz der Natur. Aber es ist stets nur die Natur derer, die ihre ideologische Eindimensionalität per Waffen und gleichgeschalteter Medien zum Gesetz erheben. Handke beobachtete den Prozess gegen Slobodan Milosevic in Den Haag, auf den die Welt schaute. Die Welt? »Was oder wer ist die Welt? Und welche Welt wird gemeint, wenn heute in unseren Zonen öffentlich ›die Welt‹ ausgesprochen und verlautet wird?«

Da ist er wieder, der wohltuende Zweifel an westlicher Moral-Vereinnahmung, aus der heraus, nach Handke, auch ein Milosevic längst verurteilt war – noch ehe alle politischen Verstrickungen, Ränke, Hinterlistigkeiten zur Sprache kamen, die vorm und im Krieg aufs westliche Kerbholz geschnitten wurden. »Keine Frage: Die Untaten auf dem Balkan, begangen so oder so, im Inland und an den Schreibtischen (Schreib-?) im Ausland, haben gesühnt zu werden, ob ›wir das den Opfern schuldig sind‹ oder auch nicht. Aber wie? Aber wo? Und von wem?«

Handkes Schreibakt ist immer auch ein Vorgang der Erschütterung, die Sätze fallen sich ins Wort, in eine Frage meist, die Aussage bleibt oft fragmentarisch der Sache gegenüber, über die sie etwas mitteilen will. Just in seiner Unsicherheit wirkt Handke stark; Subjekt und bedrohtes Subjekt, Sprache und Sprachkritik, Geschichte und verlorene Geschichte in eins zu fassen, das ist vielleicht eine mögliche Antwort auf eine unmögliche Wirklichkeit, von der keiner mehr weiß, wo sie anfängt und wo sie aufhört. Auch dort nicht, wo ein Gericht die Legitimation der letzten Klarheit beanspruchte, als »Weitergeber des Friedens«. Aber kann das heute überhaupt noch jemand anderes als die Kunst?

Botho Strauß über Handke: »Das allgemein Richtige, ein Gezücht unserer konsensitiv geschlossenen Öffentlichkeit, ist ein am Boden schleifendes träges Ungetüm, wie sehr es sich auch selbst gefallen mag. Einige andere aber müssen in der Höhe sich härter ausbilden und werden selbst aus einer Verrannt- oder Verstiegenheit heraus mehr Gutes unter die Menschen bringen als je 1000 Richtige zusammen.«

Die Comédie Française in Paris setzte ein Handke-Stück ab, weil der Autor beim Begräbnis von Milosevic war. In Pozarevac hatte der Schriftsteller zum Begräbnis des einstigen serbischen Staatschefs in kurzer Rede gesagt: »Ich weiß, dass ich die Wahrheit nicht kenne, doch ich blicke herum, höre zu, empfinde, erinnere mich. Daher bin ich heute anwesend, in der Nähe Jugoslawiens, in der Nähe Serbiens, in der Nähe von Slobodan Milosevic.«

Kaum war die Szene in europäischen Umlauf gekommen, folgten die Aufschreie, der Düsseldorfer Heine-Preis wurde Handke verweigert. Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz setzte dagegen: »Wenn es nicht zum öffentlichen Aufschrei führt, dass einer der größten Dichter derart geächtet wird, ist das ein Zeichen für den drohenden Bankrott unserer Kultur.« Auch während der Kosovo-Verhandlungen 1999 im französischen Rambouillet hatte sich Handke zu Wort gemeldet: Sein Platz sei in Belgrad, wenn die »NATO-Verbrecher« Serbien bombardieren sollten. Damit, so das schnellgerichtliche Urteil des bürgerlich-demokratischen Feuilletons, habe sich der Dichter endgültig aus der »Kultur des Humanen« ausgeschlossen.

Dabei verteidigte der Autor doch damals wie heute nichts, was als unmenschlich und verderbt benannt werden musste. »Ein Daseinsgrund für Kunst und Literatur in unserer immer wieder bis an den Rand der Lüge herbeigeschworenen demokratischen Gesellschaft ist doch auch das Hinterfragen des Konsenses, den die Politik in der Gesellschaft herzustellen hat. Die Feuilletons der Medien haben diesen Reibungsvorgang bisher kritisch begleitet. In einer beängstigten Einhelligkeit scheinen die aber jetzt aus dieser Verabredung auszusteigen und auf die Vernichtung eines nicht mehr passgerechten Zweiflers umzuschwenken.« Das schrieb 1999 der Schauspieler Sepp Bierbichler über Handke – heute noch einmal gelesen, mutet es wie eine Beschreibung dessen an, was nach dem 11. September 2001 allen Intellektuellen geschah, die nicht bereit waren, Erschütterung und Entsetzen und Abscheu über den Terroranschlag fraglos hinübergleiten zu lassen in einen unerschütterlich proamerikanischen Abdichtungszustand. Ein Phänomen, das beim Irak-Krieg erneut zu beobachten war.

Der einseitige westliche Blick auf die serbisch-kroatischen Spannungen, das zweierlei Maß im Umgang mit etwa Milosevic und Tudjman haben Handke immer wieder in flammenden Zorn getrieben. Ein Zorn, der im Übrigen auch schaffte, was wohl heilige Pflicht von Dichtern ist: Opfer (eben auch serbische Opfer!, das geopferte Jugoslawien!) im Dienste eines schmerzenden Gewissens und einer wachen Erinnerung, ja: zu idealisieren, sie somit unumkehrbar in Schutz zu nehmen gegen eine Profanisierung durch Journalismus, gegen Eingemeindung in »objektive« Geschichtsschreibung.

Er fuhr zum Gerichtshof in Den Haag, schrieb schwierige, suchende Texte, misstrauisch gegen alles, was im Urteil einhellig ist. Der Denker naturgegeben als Wagehals, der sich von außervernünftigen Gründen mitreißen lassen muss; es gibt eine Arglosigkeit in der Übersteigerung des Gefühls, welche es dem Dichter erst ermöglicht, in seiner Ohnmacht der Welt gegenüber, gegenüber den Fanatikern der Klarsicht ein freier, so ganz anders wirkender Mensch zu bleiben. Noch einmal: Dies ist die lauterste Gefahr, die von einem Dichter ausgehen kann!

»Schade«, schrieb der Schriftsteller Martin Mosebach in der »Zeit«, »dass der amerikanische Botschafter, der Milosevic zum Bosnienkrieg ermutigte, nicht zur Beerdigung kam. Ein Mann, der dem toten Milosevic die Treue hält, sollte uns jedenfalls lieber sein als die vielen Politiker des Westens, die dem lebenden Milosevic seine Verbrechen möglich gemacht haben.« Und Mosebach angesichts der hanebüchenen Übersteigerung in der Bewertung jenes Handke-Moments in Pozarevac: Die »berühmte Dame aus dem griechischen Theben, die den toten Staatsverbrecher gegen strenges Verbot beerdigte«, sei selber zu früh geboren worden, »als dass ihr Verhalten noch Verbindlichkeit begründen könnte«.

Das Spiel vom Fragen. Peter Handke hat dies Spiel zu seinem Lebensernst gemacht, und im gleichnamigen Stück heißt es: »In uns die Fragezeichen sind heutzutage krank. Können keine richtigen Fragen mehr bilden. Sind deshalb in unseren Köpfen ausgebrochen als die Pein des Geredes. Welches jede Frage erstickt.«

Der jüngste FAZ-Artikel endet mit Warnung: Dass Handkes »Ideologie nicht nur neben einem – fraglos bedeutenden – Werk existiert, sondern tief in dieses Werk hineinragt, sollte ein Anlass zur Beunruhigung sein«. Klingt danach, das Wort »fraglos« im Zusammenhang mit der Bedeutung des Werkes zu tilgen. Und was den Anlass zur Beunruhigung betrifft: 1996, als Handkes Reportage »Gerechtigkeit für Serbien« Unmut unter diensthabenden Moralisten erregt hatte, sagte Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld: »Bitte, wo steht geschrieben, dass ein Schriftsteller beruhigend sein muss! Ist es seine Aufgabe, harmlos zu sein, unproblematisch, dämpfend, schmerzlindernd? Nein, wir vergessen, was ein Schriftsteller ist und tut, wenn er seine Aufgabe wahr- und ernstnimmt – Schriftsteller sind Experimentatoren, Forscher, ihr Anliegen ist das Aufspüren nichtberuhigender, gefährlicher Substanzen.«

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