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»Herr Anständig«

Mit einer lichten Höhe von zwei Metern ist Petr Necas (Foto: dpa) nicht zu übersehen. Aber nicht deshalb hatten die rechtsliberalen tschechischen Bürgerdemokraten (ODS) nur 61 Tage vor den Parlamentswahlen den früheren Minister gegen Expremier Mirek Topolanek ausgetauscht und zum neuen Spitzenkandidaten gemacht. Miese Umfragewerte, diverse Affären und eine drohende Negativ-Kampagne der Sozialdemokraten gegen Topolanek machten den 45-Jährigen zum letzten Hoffnungsträger. »Politik ist eine ernste Sache, kein Showbusiness«, sagte der stets korrekt gescheitelte Brillenträger einmal und nahm lieber den Ruf des gepflegten Langweilers in Kauf. Necas, der in den tschechischen Medien gern als »Herr Anständig« oder »Herr Sauber« firmiert, gilt heute als einer der wenigen ODS-Spitzenleute ohne Skandale oder grobe Sprache. Es reichte Anfang Juni zwar dennoch nicht zum Wahlsieg, aber am Ende konnte er zumindest eine regierungsfähige Mitte-Rechts-Koalition präsentieren.

Necas trat der ODS schon im Gründungsjahr 1991 bei. Ein Jahr später zog der studierte Physiker aus dem ostböhmischen Uherske Hradiste, der seine Doktorarbeit über Plasmaphysik schrieb, zum ersten Mal in das Prager Parlament ein. 1999 wurde er zum stellvertretenden ODS-Vorsitzenden gewählt, um schließlich von 2006 bis 2009 als Arbeits- und Sozialminister Regierungserfahrungen zu sammeln.

Damals entdeckte der Katholik und vierfache Vater für seine Partei, die von ihrem Gründer und Übervater Vaclav Klaus auf die »reine Lehre des Marktes« getrimmt worden war, gleichsam die Sozialpolitik. Elternurlaub für Väter oder die Förderung von Kinderkrippen – mit solchen Maßnahmen blieb Necas den Wählern durchaus im Gedächtnis. Nachdem er sich jetzt für einen strikten Sparkurs ausgesprochen hat, bleibt allerdings abzuwarten, was davon politisch überlebt.

»Wir sind überzeugt, dass dieses Team in der Lage ist, die grundlegenden Schritte zu unternehmen, um das Anwachsen der Schulden zu stoppen, die Herrschaft des Gesetzes zu stärken und Korruption zu bekämpfen«, sagte Necas gestern über sein Kabinett. Er selbst will mit gutem Beispiel vorangehen – und mit Ausnahme von längeren Auslandsreisen oder besonderen Risikosituationen beim Personenschutz durch Leibwächter sparen. Schließlich drohe ihm keine spezifische Gefahr. Deshalb werde er auch nicht in die Dienstvilla nahe der Prager Burg ziehen, sondern mit seiner Familie in der bisherigen Vier-Zimmer-Mietwohnung bleiben und weiter viel mit der Metro und der Straßenbahn fahren.

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