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Kaum Zeit für die Familie

Ein Lkw-Fahrer aus Uckro machte sich selbstständig – und muss dafür einiges in Kauf nehmen

  • Von Michael Sagorny
  • Lesedauer: 3 Min.

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Giesbert Köhr sieht seine vierjährige Tochter nur selten.
Giesbert Köhr sieht seine vierjährige Tochter nur selten.

Der blaue Sattelschlepper füllt den Hof des Einfamilienhauses in Uckro bei Luckau (Dahme-Spreewald) fast ganz aus. Allerdings nur an wenigen Tagen im Monat. Ansonsten ist Giesbert Köhr mit seinem eigenen Lkw auf der Straße unterwegs. »Meistens hole ich Container vom Hamburger Hafen und transportiere sie dann deutschlandweit. Container haben den Vorteil, dass sie leicht zu laden sind. Bei Stückgut muss der Fahrer beim Laden meist mit anfassen.« Wenn der Lkw eine Plane habe, müsse die ständig geöffnet und festgezurrt werden, erklärt Köhr. Und das sei immer sehr anstrengend. Heute könne er so eine Knochenarbeit nicht mehr bewältigen.

Der 50-Jährige sitzt schon seit 31 Jahren am Steuer. »Angefangen habe ich 1979 beim Kraftverkehr Nauen. Damals war ich jeden Abend zu Hause.« Seit der deutschen Einheit fährt er für verschiedene Firmen im deutschen Fernverkehr. »Westfirmen meistens, die sind oft 40 Jahre länger im Geschäft. Die wissen besser, wie der Hase läuft.«

Giesbert Köhr verliert 2008 seinen Job. Mit der Abfindung und einem dicken Bankkredit kauft er sich im Jahr darauf einen eigenen Lkw. Eine Investition im sechsstelligen Bereich. »Die Bank will jeden Monat die Rate sehen, pünktlich«, erzählt der Lkw-Fahrer. Deswegen könne er sich Ausfälle wegen Krankheit oder technischer Probleme am Auto nicht erlauben. »Als ich mich einmal operieren lassen musste, hat ein Kollege den Wagen so lange gefahren.«

Der immense Arbeitsdruck hat seinen Preis. Nach einer gescheiterten Ehe zieht Köhr 1995 von Nauen zu seiner neuen Lebensgefährtin nach Uckro. »Ich bin die meiste Zeit auf mich allein gestellt«, sagt seine Partnerin Elke Bartels. »Nicht nur bei der Erziehung unserer vierjährigen Tochter Jamila-Joy, sondern auch in Haus und Garten.«

Damit nicht genug: die 47-Jährige betreibt einen Blumenladen in Uckro und kümmert sich außerdem noch um ihre pflegebedürftige Mutter. »Da bleibt keine Zeit für mich. Gemeinsame Entscheidungen treffen wir am Telefon, Giesbert ist ja dauernd unterwegs.« Eine gemeinsame Planung für Urlaub oder Ausflüge gibt es nicht. Die Arbeitszeiten des selbstständigen Lkw-Fahrers sind dafür viel zu unbeständig.

Zu der Belastung im Privatleben kommen für den Unternehmer noch Probleme auf der Straße. Die Spritpreise steigen, die Mautgebühren spürt er täglich. Staus sorgen zudem für Verspätungen. Schlafplätze auf den Autobahnraststätten sind knapp. Deswegen muss Köhr gelegentlich die Lenkzeiten überschreiten. Besonders verärgert ist er über das dichte Kontrollnetz der Polizei.

Häufig wird er angehalten. Ein Fahrtenschreiber belegt alle Geschwindigkeitsübertretungen und Fahrtzeiten der letzten zwölf Monate. »Als Unternehmer muss ich für Sozialverstöße wie die Übertretung der Lenkzeit das Doppelte von dem zahlen, was ein angestellter Fahrer berappen muss. Denn es gibt Bußgeldsätze für Fahrer und höhere für die Fahrzeughalter.« Weil ihm der Lkw gehöre, müsse er automatisch die höheren Sätze zahlen. Und das ärgert Köhr: »Diese Reglung finde ich ungerecht.« Auch körperlich macht ihm sein Job schwer zu schaffen. »Hüfte und Rücken schmerzen von der Dauerbelastung. Mit 57 höre ich auf. Das habe ich meiner Familie versprochen.«

Es ist Sonntagabend, Giesbert Köhr verabschiedet sich von Partnerin und Tochter. Der große blaue Sattelschlepper verschwindet wieder vom kleinen Hof. Für zwei Wochen. Und dabei hat er noch Glück. Denn die Auftragslage ist für den Selbstständigen stabil, im Moment.

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