Von Daniel Schnettler, dpa

Die neue Gefahr an den Börsen

Computergestützter Handel an den Finanzmärkten birgt Risiken

Ohne elektronische Handelssysteme wäre die moderne Börsenwelt kaum mehr vorstellbar, zu komplex sind die globalen Transaktionen. Doch die Computer führen zuweilen ein Eigenleben. Börsencrashs aus dem Nichts könnten zur Normalität werden.

Panik an der Wall Street: Ohne ersichtlichen Grund rauschte die Aktie der Citigroup Ende Juni in die Tiefe. Erst bei einem Minus von 17 Prozent war Schluss mit dem freien Fall. Dann griff eine »Notbremse«, die die Börsenaufsicht SEC kürzlich eingebaut hatte. Der Handel mit Titeln der US-Großbank wurde für fünf Minuten ausgesetzt, die Lage beruhigte sich.

Die Börsenwächter machen einen einzelnen, ungewöhnlichen Verkaufsauftrag für den Minicrash verantwortlich. Ein Anleger hatte ein Aktienpaket deutlich zu billig auf den Markt geworfen. Die Computer sahen dies als Kurssturz an, ein automatischer Verkaufsauftrag löste den nächsten aus. Ein klassischer Dominoeffekt.

Erinnerungen an den 6. Mai werden wach: Damals war der bekannteste Börsenindex der Welt, der Dow Jones, um satte zehn Prozent gefallen. Auch hier waren es Computer, die außer Kontrolle geraten waren. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Händler die Lage in den Griff bekamen. Genauso schnell wie die Kurse gefallen waren, stiegen sie dann wieder.

Warum häufen sich Panikattacken an der Börse? Experten sagen, die Computer seien schuld. Sie schätzen, dass mittlerweile 60 Prozent des Handels durch Algorithmen vonstatten gehen, vor fünf Jahren waren es erst 28 Prozent. Die Rechner agieren nach festgelegten Formeln. Sie können nicht erkennen, ob ein Verkauf nach menschlichen Maßstäben Sinn hat.

Händler dienen vielerorts nur noch als Staffage für die Fernsehkameras. Beispiel Frankfurt am Main: Nur etwa jeder zwanzigste Auftrag läuft über das Parkett, der Rest über das Xetra-System. Allerdings muss nicht hinter jedem Kauf- oder Verkaufsauftrag ein Computer stecken. Es können auch Privatanleger oder Händler einer Bank sein, die das System füttern.

»Der Anteil des elektronischen Handels hat in den letzten drei Jahren stark zugenommen«, so ein Sprecher der Deutschen Börse. »Das kommt durch die superschnellen Computersysteme.« Mittlerweile sind bereits Nanosekunden entscheidend.

In gleichem Maße, wie die Geschwindigkeit steigt, sinkt die menschliche Kontrolle. Das »Wall Street Journal« nannte es ein High-Tech-, High-Speed-Pokerspiel mit Milliardeneinsatz. Große Investoren versuchten mit ausgeklügelten Programmen, einen Zeitvorsprung herauszuarbeiten. Traditionelle Anleger seien bemüht, Geschäfte möglichst unentdeckt von Computern abzuwickeln. Das Szenario erinnert ein wenig an den Kultfilm »Matrix«, in dem Maschinen die Weltherrschaft übernahmen und die Menschen sich in der Erde verbergen. Mit dem Unterschied, dass es an der Börse eine dritte Partei gibt, die Regeln vorgibt.

Nach dem Crash im Mai, dessen Ursache immer noch nicht ganz geklärt ist, hatte die SEC die Sicherungssysteme verschärft. Wenn ein großer Wert binnen fünf Minuten um über zehn Prozent fällt, wird er vom Handel ausgesetzt. Das gibt Menschen die Möglichkeit, die Computer einzufangen.

Für die Citigroup erwies sich die »Notbremse« als Rettung. Nach dem Innehalten lag der Kurs nur noch fünf Prozent im Minus. Am nächsten Tag schien das Malheur ganz vergessen – die Aktie legte gleich wieder um drei Prozent zu.

Lexikon

Beim Xetra-System (Exchange Electronic Trading) handelt es sich um ein elektronisches Handelssystem der Deutsche Börse AG für den relativ kurzfristigen Kassamarkt (längerfristige Geschäfte werden am Terminmarkt getätigt), dessen Zentralrechner in Frankfurt am Main stehen. An diese können sich Clientrechner weltweit über Internet oder Standleitungen anschließen. Als Xetra 1997 eingeführt wurde, kritisierten besonders Verfechter des Parketthandels die Risiken des Systems, das ausschließlich auf den computergestützten Handel setzt. ND

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