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Der Mensch, dieser Abgrund

Büchners »Woyzeck« im Weimarer e-werk

Christian Ehrich (l.), Markus Fennert
Christian Ehrich (l.), Markus Fennert

In Georg Büchners genialem »Woyzeck«-Fragment gibt es viele von diesen kurzen Sätzen, die mehr als das Jahrhundert auf den Punkt bringen. Doch der eine, so gefährlich wahre, den sagt dieser Woyzeck so ganz nebenbei: »Der Mensch ist ein Abgrund und es schwindelt einen, wenn man hineinsieht.« Am Ende hat Woyzeck nicht nur hineingesehen, sondern ist selbst darin abgestürzt. Denn da ersticht er seine Marie, weil sie ihn mit dem Tambourmajor betrogen hat und er das nicht aushält.

Nach jedem Messerstich tritt er ein paar Schritte zurück und sieht zu, wie sie sich krümmt vor Schmerzen. Dann rennt er auf sie zu, umarmt sie und sticht wieder zu. Nur in diesem Augenblick, in dem er Marie und sich selbst zerstört, ist er souverän, frei. Genau das ist das Vernichtungsurteil für diese Welt, die eine kalte Hölle ist.

In ihrer Inszenierung für das e-werk nimmt Nora Schlocker den »Woyzeck« im ersten Teil auf eine originell berührende und dann auf eine eher konventionelle Weise ernst. Während der ersten knappen halben Stunde nämlich müssen sich die Zuschauer zunächst selbst ihren Weg durch das urbane Bühnenbild von Steffi Wurster bahnen, darin verweilen, können wie Straßenpassanten bei allem, was passiert, hin- oder wegsehen.

Zwischen den angedeuteten, auf zwei Etagen verteilten Zimmern lernen sie eine aufgedonnert lebensgierige Marie (Stefanie Rösner) kennen, die verkrampft ihren (leeren) Kinderwagen festhält und ihn immer wieder schaukelt, die plaudert und dem Tambourmajor (Ingo Tomi) schöne Augen macht. Sie treffen auf den verschwitzten Woyzeck (Christian Ehrich) und seinen Kumpel Andres (Martin Andreas Greif). Sie begegnen dem Hauptmann (Markus Fennert), sowie dem Doktor (Elke Wieditz).

Wenn dann der Weg zu den Zuschauerplätzen freigegeben wird, dann gibt zunächst Marie das Pferd, das in der Manege ausgestellt und begafft wird. Vorgeführt wie eine Attraktion. So wie der junge Büchner mit wissenschaftlicher Ambition sein Wort-Skalpell und seine Szenen-Lupe nimmt, um den Menschen zu sezieren, so folgt dann die Regisseurin, ganz dicht an der Seite ihres Autors, den Stationen Woyzecks in dessen Katastrophe. Schritt für Schritt.

Als Barbier seift er dem Hauptmann nicht nur das Gesicht, sondern den ganzen Kopf ein. Doch es ist nicht das Rasiermesser, das hier zur Waffe werden könnte. Woyzeck muss den Hauptmann daran hindern, sich selbst zu erwürgen. Dem in seine absurden Experimente verliebten Doktor bietet er dann so klar Paroli, dass der ihn für einen besonderen Fall hält und eine Zulage zahlt.

Überhaupt wirkt der unscheinbare Mann mit den hängenden Schultern und den traurig leeren Augen lange Zeit wie der einzig normale Mensch in einer ver-rückten Welt. Man will gerne glauben, dass er eine Chance hat in seinem aussichtslosen Lebens-Kampf. Aber eigentlich ist man doch froh über das Ende mit Schrecken. Denn zunehmend kommt der Inszenierung ihr berührender Auftakt-Coup in die Quere.

Mitten im Gewühl und unter uns sind die Figuren interessant. Ist die Theaterordnung hergestellt, rückt die Distanz zwischen Zuschauern und Bühne die Figuren immer mehr in die Ferne. Das Bemühen, sie zu überbrücken, ist für die Schauspieler so schweißtreibend, wie am Ende dann doch vergeblich. Die Anstrengung freilich wurde vom Publikum honoriert.

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