Das Ende der Reflexion

Jugendrichterin Kirsten Heisig hat eine problematische »Streitschrift« hinterlassen

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Der von mafiösen Strukturen organisierte Drogenhandel ist wie in allen Großstädten auch in Berlin ein Problem, die dabei eingesetzten Kinder sind aufs höchste zu bedauern und als die ersten Opfer dieses Phänomens zu betrachten. Ebenso ist – von dieser Drogenszene unabhängiges – aggressives Alltagsverhalten auch bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund abzulehnen. Hochproblematisch wird es aber, wenn diese beiden Phänomene unwissenschaftlich und unzulässig vermischt werden. So geschehen in den bislang bekannten Auszügen des Buches »Das Ende der Geduld« der Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die sich Ende Juni das Leben nahm. Zusätzliche Aktualität erlangt die am 26. Juli erscheinende »Streitschrift« (scheinbar) durch das wiederholte Aufgreifen eines 12-jährigen Heroindealers in Kreuzberg.

Heisigs Bericht über Neuköllner Zustände unterscheidet sich anfangs wenig von dem in zahlreichen Medienbeiträgen transportierten Bild des Bezirks. Im Vorabdruck im Nachrichtenmagazin »Spiegel« werden als Einstimmung in dramatisierender Sprache drei Fälle arabisch dominierter Jugendgewalt geschildert. Zu bemängeln ist hierbei aber nicht nur, dass Heisig diese Übergriffe in einen nicht bestehenden Zusammenhang mit internationalem Drogenhandel stellt. Auch sind all diese (verbalen oder physischen) Gewaltausbrüche für sich genommen natürlich schockierend und dürfen nicht bagatellisiert werden. Gleichzeitig ist aber ihre allgemeine Aussagekraft gleich Null. In einer Millionenstadt, in der täglich (und wahrhaftig nicht nur in Neukölln) Gewalt ausgeübt wird, könnte man (jenseits empirischer Fakten) mit drastischen Einzelfällen auch andere Bezirke als Horte der Aggression darstellen.

Das von Heisig und anderen gezeichnete düstere Bild eines Viertels, in dem man sich nicht mehr auf die Straße trauen kann, muss jedem Neuköllnbesucher geradezu verrückt erscheinen. Je nachdem, wer sich hier bewegt, kann das subjektive Sicherheitsgefühl in Neukölln sogar durchaus höher sein als etwa in Friedrichshain, wo die Aggression eher deutsche Züge trägt. Die Schreckensberichte fördern noch eine andere Schieflage: Während die Kriminalstatistik abnimmt, nimmt die Angst zu. So ist die Gruppe, die am wenigsten zu befürchten hat (ältere Damen) am verschrecktesten. Heisigs Buch ist da ein weiterer Beitrag, irrationale und diffuse Ängste zu verstärken.

Und Ängste vor Arabern im allgemeinen schürt die auch »Richterin Gnadenlos« genannte Heisig in verwerflicher Weise – trotz ihres Einwurfs, dass Angst »ein schlechter Ratgeber« sei. So sei das bei den arabischen »Clans« eben so, »dass die weiblichen Familienangehörigen vorwiegend stehlen und die männlichen Straftaten aus allen Bereichen des Strafgesetzbuches begehen«. Und »bevor die Mütter das letzte Kind gebären, haben sie bereits Enkelkinder. Deshalb vergrößert sich der Clan in atemberaubender Geschwindigkeit«. Zudem werde Neukölln »islamisiert«, wenn nichts geschehe, sei »in zehn Jahren die ganze Stadt kaputt«.

Trotz alledem, fährt Heisig fort, würden »Millionenbeträge in die Alimentierung dieser Gruppen fließen«. Als Gegenmaßnahme müsse unter anderem »der Bewegungsradius begrenzt« und straffällige Kinder natürlich kräftig verurteilt werden – auch wenn das nicht das sei, was »der Jugendrichter sich von seinem pädagogischen Auftrag« verspreche. Heisig plädiert zudem für Unterscheidungen nach rassischen Kriterien, wenn sie für die Araber die harte Knute fordert, aber anfügt: »Kommen Kinder aus Afrika oder Iran (...), sind diese Entscheidungen selbstverständlich anders zu treffen.« Außerdem müsse man Kinder auch in Heimen einsperren dürfen. Alles andere sei »pseudoliberale Heuchelei«.

Wahrhaft abenteuerlich wird es auch, wenn Frau Heisig nebenbei den internationalen Drogenhandel und dessen Folgen für Berlin erläutert – wie einige ihrer Thesen zumindest des Vorabdrucks statt durch Quellenangaben, mit Floskeln wie »nach meiner Einschätzung...« oder »nach meinen Erkenntnissen...« untermauert. Dabei ist die Tatsache, dass es eine Drogenmafia auch in Berlin gibt und dass diese auch Kinder als Kuriere einsetzt, ein bekannter und nie bestrittener Fakt. Was man Heisig anlasten muss, ist, dass sie diese an einem Milliardengeschäft beteiligten internationalen Gangster auf eine Stufe mit dem jugendlichen Ladendieb, Schwarzfahrer oder auch Schläger aus Neukölln stellt. So wird das Bild eines vom Drogenhandel beherrschten Stadtteils erzeugt – ein Eindruck, dem auch die Polizei entschieden widerspricht. Zudem wird die Sicht auf die unterschiedlichen Motivationen der Täter und dadurch auch der Weg für Lösungen versperrt.

So muss der Kampf gegen die Drogenmafia natürlich anders geführt werden, als der gegen normale Teenager, die ihre Frustgewalt ausleben. Zu wünschen wäre etwa eine Richter-Initiative für eine stark reglementierte Legalisierung aller Drogen. Der seit Jahrzehnten beschrittene, erfolglose und teure Weg des Drogenverbots stärkt einzig die von Heisig beschriebenen Kartelle, während es wohl an keinem Tag seit 1970 den Heroinhandel in Berlin unterbinden konnte.

»Soziale Ursachen« oder »Flüchtlingstraumata« lässt Heisig als Erklärung für migrantische Jugendgewalt nicht gelten. Auch der Verweis auf verfehlte Integrationspolitik »verfängt allmählich nicht mehr«, stellt Heisig anmaßend fest. Ganz so als würden diese Verfehlungen nicht permanent weiter wirken, als seien sie sozusagen abgehakt in dem Moment, in dem man sie anspricht. Das international als rassistisch bezeichnete Auswahlsystem an deutschen Schulen, das einen Großteil der arabischstämmigen Kinder automatisch in die Hauptschule abschiebt, ist da nur die Spitze eines reaktionären Eisberges.

So verführerisch es für Frau Heisig wohl war, die autoritäre Karte zu ziehen und ihre »unbequemen Wahrheiten« zu verbreiten: Mit Verboten kommt man der Drogenmafia nicht bei, und nichts sichert den Straftäternachwuchs besser, als Jugendliche jahrelang mit Verbrechern zusammenzusperren oder gar Kinder bereits »geschlossen« unterzubringen. In der Sache hilft Heisigs Schrift also ebenso wenig weiter, wie die eitlen Monologe eines Thilo Sarrazin.

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