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Die Nandus kommen

Vor zehn Jahren entliefen in Norddeutschland sechs Tiere einem Züchter. Bald gibt es dort hunderte

  • Von Grit Büttner, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Groß, fremd und manchem unheimlich ist der südamerikanische Nandu, ein straußenähnlicher Laufvogel. Nach zehn Jahren ist er im rauen Norddeutschland heimisch geworden – trotz des harten Winters.

Schattin. Von der argentinischen Pampa in die norddeutsche Niederung: Der Nandu hat sich in freier deutscher Wildbahn vermehrt und inzwischen als Brutkolonie fest etabliert. Vor zehn Jahren waren sechs dieser straußenähnlichen Großvögel aus Südamerika einem Züchter entlaufen. Nun breiten sich die Exoten vom Flüsschen Wakenitz zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern immer weiter aus.

Der extrem lange und kalte Winter 2010 merzte jedoch erstmals den gesamten Jungtierbestand aus. Nur eines von 82 Riesenküken sei nicht verhungert, bilanzierte der Artenschutzbeauftragte im Biosphärenreservat Schaalsee, Mathias Hippke. Das 300 Quadratkilometer große Schutzgebiet reicht von Schattin in Nordwestmecklenburg bis Zarrentin im Kreis Ludwigslust.

Kaum noch zu stoppen

Keine Probleme mit hartem Frost und metertiefem Schnee hätten aber die »Alten« gehabt – 36 erwachsene Nandus. »Die ersten Männchen brüten wieder«, berichtete Hippke. Ein Gelege fasse bis zu 20 Eier. Bis August werde die nächste Generation geschlüpft sein. »Irgendwann wird der norddeutsche Nandu-Bestand drei- bis vierstellig sein«, prophezeit Hippke. Aus Klima-Gründen werde die Art in Deutschland nicht mehr verschwinden. Negative Folgen für die Natur seien durch die Ansiedlung des Neozoons, des tierischen Einwanderers, bislang nicht zu beobachten. »Die Nahrung besteht zu 80 Prozent aus Rapsblättern, außerdem Mais, Beeren, Haselnüssen und nur wenigen Käfern«, sagt Hippke. Dies hätten Untersuchungen von toten Nandus ergeben. »Die fressen hier nichts leer«, betont der Artenschützer.

Das sieht Biobauer Thomas Böhm aus Schattin anders. Er empfindet keinerlei Freundschaft für die ungebetenen Dauergäste in Mecklenburgs Pampa. Die bis zu eineinhalb Meter großen Exoten seien Nahrungs- und Lebensraumkonkurrenten für heimische Großvögel wie Kraniche. Selbst seine Galloways – robuste Rinder aus Schottland – hätten in der Vergangenheit vor balzenden Nandu-Hähnen verschreckt die Flucht ergriffen und Koppelzäune durchbrochen. Die Nandus seien eindeutig »Aggressoren« und ein größerer Störfaktor für das sensible Ökosystem an der Wakenitz als die Ostseeautobahn A 20, meint der Bauer. Schon vor zehn Jahren hätte er vor dem drohenden Multikulti in der freien Tierwelt gewarnt. Doch die Behörden hätten geschlafen, nun sei die Ausbreitung der Vögel nicht mehr zu stoppen, meint Böhm. »Die bringen den Naturhaushalt durcheinander, das ist nur eine Frage der Menge«, sagt er. Er sorge sich um das natürliche Gleichgewicht in der Wakenitzniederung. Einmalige Grashüpfer wie die Blauflügelige Ödlandschrecke seien bedroht, weil die gefräßigen Südamerikaner – hauptsächlich Vegetarier – mit eiweißreichen Insekten ihre Brut aufzögen.

Christof Herrmann, Artenschutzdezernent im Landesumweltamt (LUNG), will indes auch künftig den Nandu nur beobachten, aber keinen »sinnlosen Aktionismus« an den Tag legen. Folgen für die heimische Flora und Fauna seien bisher nicht bekannt, also werde auch nichts aktiv zum Begrenzen der Art getan, erklärt er.

Unter Artenschutz

Fehlende Forschungen kritisiert Frank Philipp. Der studierte Landespfleger aus Dresden zählt zweimal pro Jahr die Nandus im Norden, die auch unter das Washingtoner Artenschutzabkommen fallen. Wegen »zwei Wölfen« würden Managementpläne vom Land erstellt, Waschbär und Marderhund seit Jahren wissenschaftlich untersucht, doch in den friedlichen Laufvögeln sehe kaum jemand eine wirkliche Bedrohung, kritisiert er. »Wenn die Population aber erst explodiert, ist es für Umweltschutzmaßnahmen zu spät.«

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