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Noch einmal Kommunismus

Slavoj Zizek über die inneren Widersprüche des Kapitalismus, das Versagen der Linken und ein Schicksal, das es zu ändern gilt

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Der Titel der Konferenz »Idee des Kommunismus«, die Ende Juni in Berlin stattfand, signalisierte den Versuch, eine Diskussion über den Kommunismus erneut anzustoßen. Im Zentrum des Interesses stand die Frage, was aus den Ruinen jener Experimente zu retten sei, die unter diesem Namen gescheitert sind. Als die Volksbühne, der Ort der Veranstaltung, schon wieder umdekoriert wurde und die letzten Teilnehmer längst gegangen waren, trafen sich SAMI KHATIB, JAN ROLLETSCHEK und BENEDIKT WAHNER zu einem Gespräch mit dem Philosophen SLAVOJ ZIZEK, der die Konferenz zusammen mit Alain Badiou initiiert hatte.

ND: Herr Zizek, warum sollten wir den Kommunismus – die Idee, das historische Phänomen – heute erneut in Betracht ziehen, während die meisten Leute sich doch einig sein dürften, dass der Fall abgeschlossen ist?
Zizek: Als Hegelianer behaupte ich, dass der Moment des Sieges immer auch der Moment der Niederlage ist, in genau diesem Sinn: Wenn eine bestimmte Tendenz obsiegt, entfaltet sie ihre Widersprüche und zerfällt. Und ich denke, genau dies ist mit dem Kapitalismus geschehen. Es schien, als hätte er gesiegt. Die neunziger Jahre waren die fröhliche Fukuyama-Ära: »Oh, wir sind angekommen!« und so weiter. Wenn jedoch das erste Jahrzehnt dieses Jahrtausends eine Bedeutung hat, dann ist es eben jene, dass wir nicht am »Ende der Geschichte« sind; neue Antagonismen bilden sich heraus.

Mit anderen Worten: Ich denke, es gibt genügend Antagonismen, um zu behaupten, dass das System als solches ihnen nicht begegnen, dass es sie nicht lösen kann. Ich denke hier nicht nur an einzugrenzende Exzesse, sondern an die fundamentale Struktur des Systems. Und da sie alle im Grunde die alten kapitalistischen Antagonismen sind, die auf neue Weise explodieren, und da sie alle das betreffen, was ich unsere »Commons«, unser Gemeinsames, nenne, gehe ich bewusst das Risiko ein und benutze den Begriff des »Kommunismus«. Der einzige Weg, den ich sehe, ist es, wieder vom Null-Punkt zu beginnen, aber vom Null-Punkt im Kommunismus.

Meinen Sie, was die Linke heute benötigt, könnte – um eine religiöse Metapher zu verwenden – eine ernsthafte »missionarische« Anstrengung sein?
Ich würde sagen: Okay, wir brauchen eine große »missionarische« Bewegung. Aber das entscheidende Problem ist, dass die gesamte herrschende Ideologie gegen uns ist. Warum? Die gesamte herrschende Ideologie ist nicht nur gegen das, was wir als unsere Mission erachten könnten, sondern gegen das Prinzip der Misson als solches. Deshalb erwähnte ich gestern das Problem des Zynismus. Was ist Ideologie heute? Hier hat Badiou recht: Sie ist »weltlos«. Sie ist keine »Weltanschauung«, sondern eine Art generalisierter, spiritualisierter Hedonismus, eine Mischung aus dem Dalai Lama und Judith Butler: »Sei wahrhaft du selbst, nimm keine feste Identität an!«

Wir stehen immer wieder vor demselben Schlüsselproblem: Wir, die Linke, kritisieren das heutige Geschehen aus der Perspektive eines Sollens, eines Ideals.

Sie sagen selbst, und identifizieren es als ein Problem, dass es heute kein überzeugendes Gegenprojekt gibt, mit dem die Linke aufwarten könnte.
Ja, hier bin ich ein ziemlicher Pessimist. Manche Kritiker benehmen sich, als wären all die Kompromisse und liberalen Alternativen der Grund, warum die radikale Linke versagt hat. Ich behaupte, es ist genau anders herum. Die Linke hat in sich selbst versagt und diese liberalen Kompromisse sind »Ersatz-Phänomene«, um die Lücken zu stopfen. Die Krise ist also viel tiefer. Und das ist es, was ich mit meinen, ich weiß, langweiligen und repetitiven Interventionen während der Konferenz sagen wollte: Machen wir es uns nicht zu leicht! Ich mochte diese Vorträge nicht, die alle mit irgendeiner triumphalen Formel endeten, wissen Sie? Verdammt! Okay, das ist schöne Poesie: »Wir hier beginnen bereits.« Scheiß drauf, die Linke beginnt so schon seit 50 Jahren, das ist das Problem! Und ich denke, um das Problem zu lösen, müssen wird diese schwierigere, pragmatischere Frage stellen: Was sind die Lücken und Inkonsistenzen der Realität, der sozialen Wirklichkeit, die einen Raum für ein kommunistisches Engagement eröffnen. Und mein Problem mit Badiou ist, dass er dies nicht wirklich in Angriff nimmt.

Aber stößt nicht Badiou, gerade gegenüber der heutigen Ideologie, wie Sie sie beschrieben haben, in eine solche Lücke, indem er etwa der »Treue zur Wahrheit« oder der »Idee des Kommunismus« wieder Gewicht verleiht?
Badiou kann vom Kommunismus reden, wie er es hier getan hat, aber wenn Sie sein Werk kennen, ist doch das Erste, was ins Auge fällt, die völlige Abwesenheit der Kritik der politischen Ökonomie. Es ist zwar Antikapitalismus, aber für Badiou verschwindet diese Dimension einfach. Die Ökonomie ist für ihn ganz Teil dessen, was er so geringschätzig die »animalische Dimension« nennt: bloßes, utilitaristisches Überleben, und dann kommt die Gnade der Subjektivierung, das »Ereignis« und so weiter. Hier bleibe ich mit Negri Marxist. Mein Punkt ist, dass es absolut zentral ist, die Kritik der politischen Ökonomie – kritisch natürlich – zu rehabilitieren, wenn wir heute den globalen Kapitalismus bekämpfen wollen.

Ebenfalls mit Badiou führen Sie eine Diskussion bezüglich seines Diktums einer Politik in Distanz zum Staat. Sie hingegen scheinen den Staat in nicht-staatlicher Weise gebrauchen zu wollen. Ließe sich Ihrer Meinung nach sagen, dass die Opposition von parteiförmiger und nicht parteiförmiger Organisation in der Tat eine falsche ist, weil die tatsächliche »Partei« – um nochmals auf eine religiöse Metapher zurückzugreifen – eine »pneumatische«, eine ideelle Angelegenheit ist, die sich nicht direkt mit einer organisatorischen Position identifizieren lässt?
Parteilich, außerparteilich, das hat mich nie sehr interessiert. Das ist Badious Thema, ich bin hier weit ambivalenter. Ich würde die Parteiform nicht so schnell fallen lassen. Ich denke noch stets und akzeptiere also vollauf dieses hegelianische Paradox, dass man, wenn man eine Politik der Universalität möchte, eine »Partei« braucht, die paradoxerweise ein Teil ist, der beansprucht: Im Gegensatz zu euch und euch, die ihr für das Partikulare steht, stehen wir für das Universale. Ich denke, das ist notwendig. Für mich ist das ein ganz und gar pragmatisches Problem: Wir machen, was wir wollen, und was besser funktioniert! Das ist doch der schlimmste Teil der Linken: anstatt es pragmatischen Entscheidungen zu überlassen, verwickelt man sie in endlose Diskussionen darüber, ob man sich in der Partei oder außerhalb der Partei zu organisieren habe. Schauen Sie sich etwa Evo Morales an. Der hat so eine Art Partei, um Wahlen zu gewinnen und gleichzeitig hat er all diese indigenen Organisationen.

Wir befinden uns in einem historischen Moment, da der Kapitalismus sich gerne als die neutrale Oberfläche sähe, auf der die Differenzen verteilt sind. Wir befinden uns in einem historischen Moment, da der Kapitalismus sich gerne als die neutrale Oberfläche sähe, auf der die Differenzen verteilt sind. Könnte es daher gerade die Überwindung des Kapitalismus sein, die allein in adäquater Weise unseren Ehrgeiz zu beschäftigen vermag? Der Kapitalismus: eine Art großer Endgegner, abgesehen vielleicht vom politischen Islam?
Ja vielleicht; andererseits sollte deutlich sein, dass ich nicht dieser Ansicht bin, der Negri mich gerne beschuldigt: diese Vorstellung von einer hegelianischen Totalität, wo alles immer schon vereinnahmt ist. Was das Großartige am Kapitalismus ist, großartig im Sinn, dass er uns trotz allem eine Chance gibt, ist, dass er zutiefst inkonsistent ist und kein völlig stabiles System. Und hier haben wir eine gewisse Öffnung, um zu handeln. Nochmals, wenn wir den Kapitalismus bekämpfen, bekämpfen wir kein monolithisches Monster, sondern ein System voller Widersprüche.

Am Ende der Konferenz wurden Sie gefragt, warum so wenige Frauen auf den Podien waren. Da sagten Sie, dass etwa Judith Butler ihre Teilnahme abgelehnt hätte, weil Sie nicht mit dem Begriff des Kommunismus assoziiert werden wollte.
Judith ist für mich das perfekte Beispiel für die Logik dessen, was Saroj Giri gestern als einen »demokratischen Antikapitalismus« beschrieb: »Ooooh, einige sind deprivilegiert. Lasst sie uns hineinholen!« Das ist mein Problem mit ihr; und hier bleibt ihr grundlegendes Bezugssystem liberal. Das ist für mich das typisch liberale Problem der minoritären Stimmen: »Können wir unsere Arme weit genug machen?«

Sind es in einer solchen Situation aber nicht – in Butlers Sinn – die Ausgeschlossenen, ist es nicht der Anteil der Anteillosen, der für das Universale, für die Menschheit als solche steht?
Das ist ein guter Einwand, aber was sie nicht akzeptiert, ist eben meine hegelianische Wendung des Problems, dass dieser Anteil der Anteillosen das Universale verkörpert. Sie vertritt diese typische postmodern liberale Ansicht, dass wir verstreute Partikularitäten sind und jede Universalität, wenn sie zu unmittelbar behauptet wird, unterdrückerisch ist.

Ihr Antiliberalismus hat Ihnen viele Anfeindungen eingetragen. Was, denken Sie, läuft schief mit der Demokratie, wie wir sie kennen?
Ich habe nichts gegen die Demokratie. Ein Paradox riskierend, kann ich nur sagen, dass die Demokratie nicht demokratisch genug ist. Was ich gestern kurz entwickelte, als ich mich implizit auf Claude Lefort bezog, ist, dass es einen wunderbaren Kern der Demokratie gibt. Das wirkliche Wunder der Demokratie ist es, Terror in gewisser Weise in eine neue positive Form zu übertragen. Denn es gibt Demokratie nur nach dem Terror, im symbolischen Sinn. Der ganze Sinn des Terrors, ich meine des egalitären Terrors, ist es, all jene einen Kopf kürzer zu machen, die so tun, als hätten sie das Recht, zu herrschen. Wissen Sie, niemand sollte höher stehen. In der Demokratie wird dies dann institutionalisiert. Lefort hat das sehr schön entwickelt. Das heißt, was in vorangegangenen Ordnungen das Problem war: Der Thron ist leer und Panik bricht aus, wird in der Demokratie zur Lösung: Man akzeptiert, dass es niemanden gibt, der legitimerweise herrschen dürfte.

Man nimmt gelegentlich Anstoß an Ihrer Vorstellung eines unbegründeten und selbst gründenden »Aktes«. Ihren Kritikern gilt er regelmäßig als willkürlich und terroristisch.
Es geht mir um die sehr einfache Behauptung, dass ein Akt etwas ist, das nicht in gewöhnlicher Weise »möglich« ist, keine strategische Kalkulation. In gewissem Sinn machen Sie eine riskante Geste, die rückwirkend ihre eigenen Voraussetzungen schafft. Es ist etwas, das sogar intuitiv verständlich ist. Nehmen wir ein sehr privates Beispiel, sagen wir, Sie sind in einer persönlichen Situation mit Ihrem Partner, Freunden, wie auch immer. Eine ausweglose Situation. Und dann, auf einmal, macht jemand die richtige Bemerkung und die gesamte Situation erscheint in einem völlig anderen Licht, die Zwickmühle zerfällt, die Lösung ist offensichtlich. Das ist ein Akt!

Es gibt in Ihren Büchern andere paradoxe Formulierungen, die in diese Richtung weisen. Sie sagen, es gehe heute darum, »gegen die historische Notwendigkeit zu handeln«, darum, »sein Schicksal zu ändern«. Wie ist das zu verstehen?
Der gesamte Protestantismus dreht sich um nichts anderes. Wissen sie, Frederic Jameson hat mir diese Idee zugetragen, eine wunderbare Idee. Er sagte mir: »Wenn es eine theologische Vorstellung gibt, die für den historischen Materialismus von Nutzen sein kann, dann ist es die Vorstellung der Prädestination.« Und dann lenkte er meine Aufmerksamkeit auf diese wunderbare Tatsache. Wir kennen alle die Gemeinplätze: Der Katholizismus ist eher mittelalterlich, der Protestantismus ist die Religion des Kapitalismus. Aber halt! Wenn es etwas gibt, das den Kapitalismus auszeichnet, dann doch, dass er eine unglaubliche Aktivität auslöst. Wie aber geht das mit der Vorsehung im Protestantismus zusammen? Wenn alles vorherbestimmt ist, wäre es dann nicht logisch zu sagen, ich bleibe zuhause und masturbiere und schaue mir schmutzige Filme an, was auch immer? Was kümmert es mich, wenn doch alles entschieden ist? Nun, der Kniff ist die zeitliche Dimension. Alles ist entschieden, aber Sie wissen nicht, was die Entscheidung ist. Erst dadurch, dass Sie etwas tun, konstruieren Sie rückwirkend dessen Notwendigkeit. Dies ist auch der Grund – jetzt werden Sie sagen, dass ich träume, aber ich träume nicht –, warum Hegel für mich materialistischer ist als Marx. Warum, meinen Sie, fliegt die Eule der Minerva erst am Abend? Wenn die Substanz auch das Subjekt ist, ist die einzige konsequente hegelianische Antwort, dass die Dinge »in der Sache selbst« noch nicht entschieden sind.

Übersetzung aus dem Englischen: Jan Rolletschek

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