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Gruß aus Grünau

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Draußen die Sonne genießen – vielleicht auch eine Eisschokolade – das Kaffeehaus auf dem Bild lädt dazu ein. Wüsste man nicht aus Eberhard Panitz' Buch, dass es sich in Berlin-Grünau befindet, man könnte es auch anderswo – in Konstanz oder Heiligendamm – vermuten. Aber das Haus steht in der Regattastraße 158 direkt gegenüber der Dahme. »Es ist das einzige im Originalzustand erhalten gebliebene Berliner Jugendstil-Kaffeehaus, wo man wahrlich aus dem Staunen nicht herauskommt, hat man die kleine Klapptür geöffnet und den Raum mit den hohen Spiegelsäulen, den Bleiglasornamenten und verzierten Ecknischen unter weißgoldener Stuckdecke und Kronleuchtern betreten und sich an einen der Altwiener Tische gesetzt.«

Stefan Heym soll seinen Lieblingsplatz an Tisch 23 in der Mokka-Bar gehabt haben. Damit wirbt das Restaurant, und in Eberhard Panitz' Buch ist auch die Stele zum Gedenken an den Dichter abgebildet. Ebenso wird an Rudi Strahl erinnert, der bis zu seinem Tod 2001 in einer zum Wohnhaus umgebauten alten Gaststätte am Dahmeufer lebte, auch an den Grünauer Förster Horst Hellmig, der 1952, als 25-Jähriger, seinen Dienst begann und 1994 starb, drei Jahre nachdem er in den Ruhestand gegangen war.

Aber eine ganz besondere Rolle im Buch spielt der »Alte Fritz«. Der hat nämlich das Kolonistendorf »Grüne Aue« gegründet – für Zugezogene aus nichtpreußischen Gebieten, um die er warb, um – hört, hört! – die »faule und schläfrige Art des Landmanns durch neues Blut zu korrigieren und dem Lande ein Exempel besserer Wirtschaft zu geben«. Hochgespannte Erwartungen – nun ja, immerhin wurde in Grünau damals auf magerstem märkischen Ufersand Neuland erschlossen. Gehöfte entstanden, jeder Siedler erhielt Ackerland und Wiese – das hat Eberhard Panitz akribisch recherchiert. »Ich weiß wohl, dass die Menschen nicht imstande sind, die Natur umzuändern«, so zitiert er Friedrich den Großen, »aber mich dünkt, durch vielen Fleiß und viele Arbeit bringt man es doch dazu, dass ein dürrer Boden besser und wenigstens mittelmäßig werde. Damit müssen wir uns begnügen«.

Preußischer Fleiß und preußische Strenge – Eberhard Panitz hat Grundbücher und Chroniken studiert und anhand eines Ortes ein Stück deutscher Geschichte veranschaulicht. Im Juni 1933 wurden in Säcke verpackte Leichen ans Dahmeufer geschwemmt; in der DDR wurde den Opfern der Köpenicker Blutwoche ein Gedenkstein errichtet. Zur Olympiade 1936 grüßte Hitler von der Regattatribüne, und Sportler aus Arbeiterclubs wagten eine Flugblattaktion. Dem Leben von Antifaschisten aus Grünau ist der Autor nachgegangen. Den Begriff »verordneter Antifaschismus« will er nicht hinnehmen. Eberhard Panitz, dessen Biografie schließlich zu großen Teilen mit der DDR verbunden war, nimmt es persönlich, wenn das Land, das ihm Heimat war, pauschal verunglimpft wird.

Erzählen, was war – und was vielleicht sein könnte. Zum Beispiel mit der »Brigg Maria«, einem hölzernen Wrack, das eines Tages verschwunden war. Hat es sich jemand wieder hergerichtet, um heimlich damit davonzusegeln?

Eberhard Panitz: Die Grüne Aue des Alten Fritz. Bilder und Geschichten aus Grünau. Das Neue Berlin. 128 S., geb., 14,95 €.

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