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Blick über den Beetrand

In Göttingen wurde 1996 der erste interkulturelle Garten angelegt. Heute gibt es über 100

Seit fast 15 Jahren stehen interkulturellen Gärten in Deutschland für die Integration von Migranten. Die Idee: Durch das gemeinsame Pflanzen, Säen und Ernten wird ein Ort der Begegnung zwischen Zuwanderern, Flüchtlingen und Deutschen geschaffen.
Auch international: die Gärten der Welt im Erholungspark Berlin-Marzahn ND-
Auch international: die Gärten der Welt im Erholungspark Berlin-Marzahn ND-

Göttingen. Wasser plätschert auf die Blätter der grünen Bohnenpflanze. Mit einer Plastikgießkanne steht Nesim Alam in seiner Parzelle im Friedensgarten im Göttinger Stadtteil Grone. Sein Gemüsebeet mit Bohnen, Kürbissen, Petersilie, Mangold und Bockshornklee ist Teil der »Internationalen Gärten« in der Stadt. Seit fast 15 Jahren stehen die interkulturellen Oasen für die Integration von Migranten. Hier gärtnern fast 20 Nationen miteinander. Das einstige Modellprojekt hat mittlerweile Nachahmer in ganz Deutschland gefunden.

»Hier fühle ich mich wohl«, sagt Nesim Alam, der aus Afghanistan nach Deutschland gekommen ist. Um ihn herum blühen rote Stockrosen und orangefarbene Ringelblumen, wachsen sternenförmige Akeleien und zartrosa Malven. Der Blick über den eigenen Beetrand hinaus ist ausdrücklich erlaubt, hier, wo trockene Gräser außerhalb der Parzellen manchmal bis zu den Knien reichen und es weniger geordnet zugeht als in einem typisch deutschen Schrebergarten.

Flucht aus Bagdad

Die Idee der »Internationalen Gärten«: Durch das gemeinsame Pflanzen, Säen und Ernten wird ein Ort der Begegnung zwischen Zuwanderern, Flüchtlingen und Deutschen geschaffen. Die Soziologin Christa Müller bezeichnet interkulturelle Gärten als »hervorragendes Heilmittel bei Erfahrungen von Armut und Mangel«. Es gelte, Differenzen und Gemeinsamkeiten zu entdecken und sich wertzuschätzen.

»Wir hätten am Anfang niemals gedacht, dass unsere Gärten so viel Anerkennung bekommen würden«, erzählt Najeha Abid von den Internationalen Gärten in Göttingen. 1990 flüchtete sie aus Bagdad. Zu dieser Zeit entstanden in New York City die ersten Community Gardens, in denen Menschen gemeinsam aus brachliegenden Flächen der Metropole blühende Landschaften machten. 1996 begann die Bewegung in Deutschland. In Göttingen wurde der Keim für den ersten interkulturellen Garten Deutschlands gelegt: Abid und elf weitere Flüchtlingsfrauen wollten raus aus den engen Wohnungen und andere Menschen kennenlernen. »Deshalb fingen wir in einer Baulücke in Göttingen-Geismar an, den Boden zu beackern. Im Sommer manchmal bis in die Nacht«, erinnert sich die Irakerin, während sie unter einem Gravensteiner Apfelbaum Schatten sucht.

Bis heute hat Abid ihre Parzelle. »Mein Leben ohne die Internationalen Gärten wäre kein Leben mehr«, erzählt die 56-Jährige. Die Grundstücke sind öffentlich zugänglich: »Da kommt immer jemand und fragt, was wir anbauen oder wie wir es schaffen, die Schnecken vom Salat fernzuhalten.« Und so kommen Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund über Salat, Schädlingsbekämpfung und Saatgut automatisch ins Gespräch. Nicht immer funktioniert die Idee aber problemlos. Najeha Abid steht mit dem Vereinsvorsitzenden Hansjörg Gutberger an einem verblassten, schief zusammengehämmerten Holzlattenzaun, der die Parzelle einer Vietnamesin umgibt. »Auf ihrem Grundstück wurde schon mal Feuer gelegt«, sagt Gutberger. Zuletzt sei die gemeinschaftliche Grillstelle zerstört worden. Die Täter wurden nie ermittelt. Trotzdem: In all den Jahren ist Gemeinschaft gewachsen.

International vernetzt

Vielfach ausgezeichnet blickt der Verein auf etliche Integrationsprojekte: mit Kindergartenkindern etwa, die Karotten aus den Böden gezogen und dabei etwas über ökologischen Anbau erfahren haben, oder auf Fahrradtouren mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub, bei dem Migranten und Einheimische gemeinsam die Natur erkundeten.

»Mit mehr als 100 interkulturellen Gärten ist die deutsche Entwicklung im Vergleich zu vielen anderen Ländern enorm«, sagt Ingrid Reinecke von der Stiftung Interkultur in München, die als Koordinierungsstelle auch mit ausländischen Gärten vernetzt ist. Besonders reichlich Früchte trägt die Idee in Berlin mit bislang fast 20 interkulturellen Pflanzeninseln.

»Entstanden sind sie aus ganz unterschiedlichen Motivationen«, beschreibt Berlins Integrationsbeauftragter Günter Piening. Im Stadtteil Moabit gebe es einen interkulturellen Heilgarten, der zu Therapiezwecken für Folteropfer und kriegstraumatisierte Flüchtlinge genutzt wird. In einem Garten in Kreuzberg stehe das Zusammenleben der Generationen im Mittelpunkt.

Auf seiner Parzelle im Göttinger Friedensgarten zupft Nesim Alam ein paar Blätter von seinem Minzestrauch. Die Bewegung beim Gärtnern tut dem einstigen Staatsanwalt gut. Erlernt habe er die Pflanzenkunde als Asylsuchender in Hardegsen bei Göttingen. »In Afghanistan hat sich mein Vater darum gekümmert.« Mit Stolz blickt er jetzt auf seine gut zwölf Quadratmeter große Parzelle, die ihn an seine Kindheit erinnert. »Das hier ist auch ein Stückchen Heimat für mich.«

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