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Eine Nadel

Mother von Bong

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wie doch diese Mutter ihren Jungen stets im Auge hat, sie hütet ihn wie ihren Augapfel, bewacht jeden seiner Schritte – das kranke Kind ist immer das am meisten geliebte Kind. (Hier allerdings liegt der Fall zudem noch ein bisschen anders, teilt sich später mit.) Sohn Yoon Do-jun (Won Bin) ist schon 27 Jahre alt und – ein armer Tor. Sein Nachdenken erlebt man als einen mühsamen Prozess, Gedanken formt er wie in Schlaftrunkenheit ziehend schwerfällig, und er spricht mit einer Diktion, als wäre er höchstens fünf. In einem Alter wie damals, als die Mutter versucht hatte, ihn mit Unkrautvertilgungsmittel umzubringen – und sich mit. So groß war ihre Verzweiflung, weil – der Film lässt es offen – vielleicht gerade der Vater die Familie verlassen hatte oder gestorben war. Und möglicherweise ist auch das Fehlen des Vaters der Grund für Do-jun, immer mit dem Tunichtgut Jin (Gu Jin) herumzuhängen. Das sieht die Mutter nicht gern, aber der junge Mann scheint so dumm (oder listig-eigensinnig?) zu sein, dass es fraglich ist, ob das Umgangsverbot überhaupt in seinem schwachen Kopf ankommt.

Und eines Tages passiert, was einfach nicht vorstellbar ist: Die Polizei holt ihn ab, er stünde unter Mordverdacht. Die Mutter kann und will es nicht glauben, dass der Sohn jemanden umgebracht haben soll. Auch wenn das Mädchen für Lüsternheit bekannt ist und sie ihm am Abend, bevor er wegging, ein Trank zur Stärkung der Manneskraft verabreicht hatte. Was sie aufbietet, ihr einziges Kind, mit dem sie in einer (inzestuösen?) Symbiose lebt, wieder frei zu bekommen, gleicht einem Schicksalslauf in der Art der griechischen Tragödie.

Diese extreme Mutterliebe ist mit Schuld grundiert, und die aufdringliche Fürsorglichkeit der Mutter lässt darauf schließen, wie dominant das Schuldbewusstsein im Seelenleben der Frau ist. Und, kaum mehr als zu erahnen: Die bedingungslose Hingabe an den Sohn ist zum Teil gespeist aus Selbstliebe: Sie entspringt dem Bedürfnis nach Schutz der demütig-zarten Frau selbst.

Frau Yoon zeigt aber eine Couragiertheit auf den Wegen, die sie unternimmt, um die Unschuld Do-juns zu beweisen, die man ihr nicht zugetraut hätte. Wie eine Katzenmutter, die ihr Junges verteidigt, zäh und einfallsreich. Im Gegensatz zur Polizei, die in bürokratischer Routine erstarrt ist, sich mit leichten Lösungen zufriedengibt. Oder dem arroganten Anwalt, dem es nur ums Geldverdienen geht. In einem hellen Moment aber, durch die Erfahrung eines anderen Lebens im Gefängnis befreit, wird Do-jun erkennen, dass das »Bemuttern« für ihn auch Fessel ist und sich der entwinden.

Das Sich-Erinnern ist der helle, scharfe Oberton, der über der Handlung schwingt und am Ende des Films auf verblüffende Weise ausklingt. Die Mutter, die als Kräuterfrau den Lebensunterhalt verdient, praktiziert illegal Akupunktur. Sie kennt einen Punkt auf der Schenkelinnenseite oberhalb des Knies, wenn die Nadel dorthineingesetzt wird, verschwindet die Erinnerung an das Böse, wird das Trauma erstochen.

Regisseur Bong Joon-ho, der mit seinem sensationellen, sozial- und umweltkritischen Monsterfilm »The Host« auch in Deutschland bekannt wurde, bietet in wiederum beeindruckenden Bildern eine vielschichtige psychologische Studie. Denn nicht den durchaus höchst spannungsvollen Kriminalfall stellt er ins Licht, sondern er fixiert die Gefühlswelt der Mutter. Die Frau wird von der berühmtesten Charakterschauspielerin Südkoreas dargestellt, von Kim Hye-ja. Was es bedeutete, die Figur ambivalent anzulegen, nämlich gegen die traditionelle Rolle der Selbstaufopferung, ist hier schwer zu ermessen. Für europäische Augen fesselt allein das Spiel der 67-Jährigen, die eine Meisterin des Minimalismus ist. Sie trägt fast alles, was an diesem Film lustig ist, traurig, brutal, ja schockierend, auf eine seltsame Weise jeden Moment fesselnd.

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