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Anwalt zwischen Schach und Tennis

Ulrich Gass startete mit Ex-Weltmeister Boris Spassky einen höchst ungewöhnlichen Duathlon

Flosbury Flop, Dreifacher Rittberger, Kovacs-Salto. Solch begrifflich geadelter Nachruhm ist eine besondere Krönung sportlicher Karriere. Der Rechtsanwalt ULRICH GASS aus Heilbronn hat das auch schon geschafft. Mit dem »Busch-Gass-Gambit«. Eine Zugfolge, die als Ouvertüre eines Matches den Gegner mit einem mutigen Opfer ködert. ND sprach mit dem 62-jährigen Juristen, der früher in der Schachbundesliga für Marktheidenfeld (Unterfranken) gepunktet hat.
Heute will Gass (l.) Weltmeister Anand (r.) in Mainz überraschen.
Heute will Gass (l.) Weltmeister Anand (r.) in Mainz überraschen.

ND: Sie haben den Traum eines jeden Schachspielers wahr gemacht: eine Spur in der Schachgeschichte hinterlassen.
Gass: Allerdings eine bescheidene Spur, aus meiner Sicht. Ursprünglich noch eher ein Gag. Als Ausdruck meiner taktischen Neigung, um für ungewöhnliche Bilder auf dem Brett zu sorgen.

Aber immerhin zog Ihr Gambit doch namentlich in die Schachliteratur ein.
Um der historischen Genauigkeit Willen möchte ich allerdings anmerken, dass diese Idee bereits vor gut hundert Jahren ein Herr Busch entdeckt hat. Ich wusste das aber nicht, als ich mir die besagte Opfervariante ausgedacht habe. Und weil ich der erste gewesen bin, der dieses Gambit wieder in die Praxis eingeführt hat, ist dafür jetzt offenbar der Begriff »Busch-Gass-Gambit« geprägt worden.

Was ist das für ein Gefühl gewesen, als Sie zum ersten Mal gehört haben, dass Ihr Gambit Marke Eigenbau künftig auch Ihren Namen trägt?
Ich muss noch einmal relativieren, weil »mein Gambit« ja keinen Eingang in die seriöse Praxis der Meister gefunden hat, sondern hauptsächlich meinem »Eigenverbrauch« in Blitz- und Open-Turnieren diente. Ich habe mich nicht einmal getraut, es in der Bundesliga anzuwenden.

Also kein bisschen stolz?
Aus den genannten Gründen nicht besonders. Schachlich stolz bin ich allenfalls auf eine in jungen Jahren geglückte Mattkombination, die bei Chessbase als eine der besten aller Zeiten gelistet worden ist.

Wie können Sie den zeitintensiven Anwaltsberuf mit dem auch zeitraubenden Schachspiel in Einklang bringen?
Das ist auch nur am Anfang meiner beruflichen Karriere auf akzeptablem Niveau gelungen. Meine Gegner in Bundesligakämpfen waren meist gut vorbereitet, während ich teilweise direkt von Gerichtsterminen zu Punktspielen hetzte. Damals – noch ohne Computervorbereitung – war es noch leichter, als kreativer Amateur hin und wieder mitzuhalten.

Trotzdem finden Sie heute dazu auch noch Zeit, neben Schach im Tenniszirkus mitzumischen. Sie zeichnen seit 1984 für das ATP-Turnier Heilbronn Open mitverantwortlich.
Das ist ein Challenger-Turnier, für aufstrebende junge Spieler mit einem Preisgeldfonds bis 150 000 Dollar. Ohne Überheblichkeit darf ich sagen, dass unser Turnier weltweit als eines der besten auf dieser Ebene gilt. Bei uns sind Topleute wie Michael Stich und Carl-Uwe Steeb mit ihren ersten internationalen Turniersiegen und selbst Roger Federer und Rafael Nadal als damals noch »kleine Qualifikanten« durchgestartet.

Schach und Tennis – ein verrückter Duathlon. Wie kamen Sie dazu?
Exweltmeister Boris Spassky ist ebenfalls Tennisfan. Er schlägt eine schöne beidhändige Rückhand. Und so haben wir beide Mitte der 90-er Jahre beschlossen, bei einem Schach-Tennis-Duathlon in Zürich teilzunehmen. Das Turnier war damals sehr stark besetzt. Tennis wird als Doppel ausgetragen, begrenzt auf jeweils acht Spiele pro Match, danach geht es mit den gleichen Gegnern zu den Blitzpartien, Spassky natürlich an Brett 1. Für mich war dies gar nicht so einfach, wenn man als »normaler Patzer« den kritischen weltmeisterlichen Blick im Nacken verspürt. Ich bin wohl dennoch über mich hinausgewachsen und wir erzielten beide im Schach jeweils 7 Punkte aus 8 Partien, während wir im Tennis nur einmal mit 4:4 etwas abgegeben haben, was die Basis für unseren klaren Turniersieg war. Beim diesjährigen internationalen Duathlon im Schweizer Biel habe ich zusammen mit dem ehemaligen Vize-Präsidenten des Deutschen Schachbundes, Dr. Matthias Kribben aus Berlin, den dritten Platz geschafft.

Respekt. An diesem Wochenende stellen Sie sich beim Mainzer Chess Classic im Simultan dem Weltmeister Viswanathan Anand. Werden Sie ihn mit Ihrem Busch-Gass-Gambit überraschen?
Zweimal habe ich schon beim Simultan gegen Anand als Letzter durchgehalten und trotz gewinnträchtiger Stellungen am Ende noch verloren. Es ist ein fantastisches Erlebnis, wenn man dann in gemeinsamer Analyse Einblicke in die genialen Gedankengänge eines Weltmeisters gewinnen darf. Vielleicht sollte ich ihm wirklich mal mein Gambit vorsetzen, damit rechnet er bestimmt nicht!

Gespräch: René Gralla

Kurze Darstellung zum »Busch-Gass-Gambit« im Forum »Gameknot»: gameknot.com/fmsg/chess/1747.shtml ; Chess Classic Mainz 2010 noch bis zum 8.8.2010, siehe www.chesstigers.de ; 28. ATP-Heilbronn Open 24.-30.1.2011, Website www.heilbronn-open.de ; »Froms Gambit«, weitere Infos unter

www.chessbase.de/nachrichten.asp?newsid=6878

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