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Neue Kultur am Bankschalter

Die Metrobank will in London den Platzhirschen Kunden abluchsen

  • Von Sebastian Döring (dpa), London
  • Lesedauer: 3 Min.
In London startet die erste neue Privatkundenbank seit mehr als 150 Jahren. Die Metrobank will Geldgeschäfte »revolutionieren« und Etablierten Konkurrenz machen.

Die Wunden der Finanzkrise sind noch nicht ganz verheilt, Zuspruch und Vertrauen in die Banken haben einen Tiefpunkt erreicht – und da geht in der Finanzmetropole London, die wie keine zweite für die Gier der Branche gebrandmarkt wurde, die erste neue Privatkundenbank seit mehr als 150 Jahren an den Markt. Die Metrobank will mit einem völlig neuen Konzept enttäuschte Anleger und Sparer gewinnen. Ihr Angebot ist eine Mischung aus Anti-Bank, Hotel und Serviceparadies. Das Motto: »Join the revolution« (Schließt euch der Revolution an).

Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers hatten Aussteiger über unmoralische Geschäftsgebaren in der Finanzwelt ausgepackt. Statt Buße und Umdenken scheinen nun aber Gewinne und Profitgier in der Branche zurück zu sein.

Das soll bei der Metrobank anders sein. Banker dieses Geldhauses, das die britischen Nationalfarben rot, blau und weiß trägt, erhalten ihren Bonus nach Kundenzufriedenheit statt nach ihren Verkaufszahlen. Kunden werden von Menschen statt von Computern beraten. Das Geschäft hat werkstags von 8 bis 20 Uhr und auch am Wochenende geöffnet. Die Kommunikation soll offener, direkter und nicht überheblich wie bei den anderen sein, ein bisschen wie im Hotel: Kunde ist König. Keine Warteschlange, keine Pauschalaussagen. Wenn ein Kleinunternehmer keinen Kredit bekommt, soll er wissen, warum und mit welcher Strategie es doch klappt.

Das Wirtschaftsblatt »The Economist« sieht das Geldhaus als Impulsgeber für ein verändertes Kundenverständnis in Europas Bankenlandschaft – und für eine technische Generalüberholung. Veraltete Großrechner hätten regelmäßig Milliarden-Fehlbeträge angezeigt, sagte ein früherer RBS-Manager dem Blatt. Die Royal Bank of Scotland (RBS) wurde mit Milliardenhilfe vom Staat gerettet. Die Metrobank verspricht die Daten in der Filiale, wo das Konto geführt wird, statt auf einem Zentralrechner zu speichern. Die Kreditkarte wird in der Bank ausgedruckt statt per Post zugeschickt.

Die Metrobank wolle das »kuschelige Oligopol« im Bankenwesen knacken, sagt Bankdirektor Anthony Thomson. Er ist überzeugt, dass viele Kunden zu ihm wandern werden. »Wir behandeln das Bankgeschäft erstmals als Einzelhandel. Verbraucher brauchen keine aufdringliche Überzeugungsarbeit.« In zehn Jahren sollen 200 Geschäfte – nicht Filialen – bis zu zehn Prozent Marktanteil im Londoner Speckgürtel haben.

Hinter dem Geldhaus steht ein passionierter Banker und Hundebesitzer. Milliardär Vernon Hill hatte in den USA in den 70er Jahren die Commerce Bancorp aus dem Boden gestampft.

Die britische Bankenlandschaft verändert sich seit Jahresbeginn. Die spanische Gruppe Santander tritt unter einem Dach auf; zuvor hatte sie exquisite Namen auf dem Bankboulevard gekauft: Abbey National, Bradford & Bingley und Alliance & Leicester. Auch die Supermarktkette Tesco will neben Wurst und Käse Finanzprodukte verkaufen. Der schillernde Milliardär Richard Branson will mit seiner Marke Virgin ebenfalls ein Geldhaus gründen.

Die vier großen etablierten Banken HSBC, Barclays, Lloyds und RBS sehen sich in Zugzwang. Sie haben parallel zum Start der Metrobank neue Produkte eingeführt.

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