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Begegnung

Mademoiselle Chambon - von Stéphane Brizé

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.
Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon
Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon

Er ist ein wortkarger Mann, einer, der die passende Antwort auf jede Frage nicht immer schon parat hat. Ein Arbeiter, der gut ist mit handwerklichen Dingen. Ein Versorger von Frau und Kind, der sich um seinen verwitweten Vater kümmert, auch wo das praktische Pflege bedeutet. Einer, der sich nicht leicht aus der Ruhe bringen lässt, sollte man meinen. Er baut Häuser, die ein Leben lang halten – wenn man sie auf ein solides Fundament stellt. Wie eine Ehe. Nur gerät das Fundament eines Hauses nicht plötzlich aus den Fugen, weil der Sohn eine neue Grundschullehrerin hat.

Sie ist Vertretungslehrerin, eine flüchtige Erscheinung in dieser südfranzösischen Stadt, die auch jede andere Kleinstadt sein könnte, schon weil keiner der Alteingesessenen den heimischen Dialekt spricht. Eine, die nur befristete Stellen annimmt und nie länger als ein Jahr an einem Ort bleibt. Die nicht immer ans Telefon geht, wenn die Familie anruft. Die mal eine musische Karriere anstrebte und sich von ihrer Mutter anhören muss, dass ihre Schwester erfolgreicher ist als sie. Oder jedenfalls messbarer erfolgreich.

Als er kurz von der Arbeit weg muss, um den Sohn von der Schule zu holen, weil seine Frau sich bei der Fabrikarbeit verhoben hat – und es spricht Bände über ihr Vertrauensverhältnis, dass er das seinem Chef nicht weiter zu erklären braucht –, trifft er auf sie. Eine flüchtige Begegnung, die an den Grundfesten seiner Existenz rüttelt. Beim Hausbau, wird er bald darauf vor ihrer Schulklasse erzählen, muss man auf unerwartete Situationen reagieren. Ein anderes Fundament wählen, damit es später keine Risse gibt. Manchmal nur eine Kleinigkeit ändern, manchmal alles abreißen und völlig neu hochziehen. Prophetische Äußerungen.

Mit dem Sohn geben seine Frau und er sich Mühe, die Lehrerin ist zufrieden. Aber bei der Hausaufgabenhilfe stoßen sie an ihre Grenzen. Er ist ein gestandener Mann, die Mutter eine patente Frau, aber was ihr Sohn da an Grammatik lernt, das können sie ihm auch nicht mehr erklären. Eine geigespielende Lehrerin mit bürgerlichem Hintergrund, mit Klassik-CDs und Büchern statt großblumiger Tapeten an den Wänden ist eine neue Welt für ihn. Eine Entdeckung, ein Lichtstrahl aus unerwarteter Richtung, eine Hoffnung auf – was?

Als er ihre zugigen Fensterrahmen ersetzt – gegen Bezahlung, schließlich ist er Handwerker -, bricht sein Arbeitslärm in ihre Stille wie ein Störfaktor. Oder ein Weckruf. Anfangs schreckt sie auf, dann gefällt ihr die Gegenwart des Mannes im Haus, der Dinge für sie richtet. Man hat ihr eine Verlängerung angeboten, nun will sie plötzlich sesshaft werden. Für einen Moment hängen unausgesprochene Möglichkeiten in der Luft. Dann nicht mehr. Sie hat keinen Kontext, jedenfalls nicht vor Ort. Er schon. Zurück bleibt das Gefühl, diese Chance nie wirklich gehabt zu haben.

Vincent Lindon und Sandrine Kiberlain, im wirklichen Leben getrennt lebend, spielen diese Chance mit Blicken und Pausen, mit Körperhaltung und heimlichen Tränen. Mit Wutausbrüchen. Und mit Musik. »Mademoiselle Chambon« ist ein ruhiger, melancholischer Film. Regisseur Stéphane Brizé (»Man muss mich nicht lieben«) beobachtet seine Figuren bei der Arbeit, auf dem Bau, in der Großdruckerei, bei der Korrektur von Schulheften. Ohne viel Hintergrundmusik, einfach wie im wirklichen Leben.

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