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Traum von grenzenloser Stadt als Tor zum Balkan

Pécs ist Europäische Kulturhauptstadt 2010 – und will es in gewisser Weise für immer bleiben

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 7 Min.

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Junge Gesichter und alte Geschichte in Pécs. Die Europäische Kulturhauptstadt 2010 hat für jeden und von allem etwas im Programm.  Fotos: M. Müller
Junge Gesichter und alte Geschichte in Pécs. Die Europäische Kulturhauptstadt 2010 hat für jeden und von allem etwas im Programm. Fotos: M. Müller

Was sie in Pécs erwarten? – »Spaß, Spaß, Spaß!«, skandieren die Mädchen, die sich für diesen großen Spaß offensichtlich mit viel Spaß zurechtgemacht und angezogen haben, auf die Reporterfrage in der Király-Straße. Zum größten ungarischen Rockfestival waren im Juli für zehn Tage 150 Bands aus 25 Ländern von fünf Kontinenten angesagt. Worauf sie am meisten gespannt sind? – »Auf Blind Myself. Die sind so was wie zwischen Dampfwalze und Gewitter«, frohlockt eine etwas katastrophenlüstern, »zwischen Metal und Hardcore«, ergänzt eine andere mehr fachfraulich. Dann stellen sie sich fürs Foto noch ganz cool in Pose – und weg sind sie. Verschwunden im für das westungarische Pécs ohnehin üblichen Trubel, der für die gegenwärtige Europäische Kulturhauptstadt 2010 allerdings sogar prägend ist.

Was sie in Pécs erwarten? – »Kultur und Kunst«, sagt ein älterer Herr aus einer slowenischen Reisegruppe vor der Moscheenpforte am zentralen Széchenyi-Platz. »Vor allem auch Multikulturelles«, ergänzt die Dame an seiner Seite. Sie mit einem Baedeker unterm Arm, er behütet von einem Basecap. Das Gemäuer, in das sie dann entschwinden, bietet ihren Intentionen übrigens probaten Raum. Nach der osmanischen Zeit widmeten die Pécser die Moschee in eine katholische Pfarrkirche um. Sie gestatteten sich dabei eine tolerante Reminiszenz: auf der Kuppel oben unterm Kreuz einen Halbmond und innen, klein in einer Ecke, eine islamische Gebetsnische sowie die erste Koransure in Arabisch. Viel Multikulti steckt übrigens auch im Reiterstandbild gegenüber der Moschee. Dieser Heerführer Janos Hunyadi ist als Türkenbesieger (1456) ein ungarischer Nationalheld, dessen Sohn in der rumänischen Nationalhymne verewigt ist.

Grandios und zerrissen

»Na, toll«, kommentiert Beáta Seres diese beiden aktuellen Reporter-Momentaufnahmen aus dem Zentrum von Pécs. »Jung und Alt, Modernes und Geschichte. Das klingt ja wie eine Klammer für unser Kulturhauptstadtmotto: die grenzenlose Stadt«, für deren internationale Kontakte Frau Seres zuständig ist.

2010 gibt es bekanntlich drei europäische Kulturhauptstädte: Istanbul, das Ruhrgebiet, Pécs. Wobei – was kein Wert-, sondern lediglich ein funktionales Urteil sein soll – Pécs dem Kern des Begriffes wohl am ehesten gerecht wird. Seine 150 000 Einwohner widerspiegeln die durchschnittliche europäische Urbanität; seine ältere sowie seine Zeitgeschichte sind wahrlich grandios und zerrissen europatypisch; seine Fußballmannschaft ist schlicht zweitklassig; der Niedergang seiner Industrie ist symbolisch postmodern. Istanbul hingegen ergießt sich bei aller gleißenden Modernität und aller berauschenden historischen Kulisse mit seinen über zwölf Millionen Menschen als eine Megalopolis über zwei Kontinente. Und »Ruhr.2010« beinhaltet eben nicht nur eine Kultur-S t a d t, sondern klotzt in über 50 Städten mit der Sicht auf eine Kultur-R e g i o n.

»Zudem war Pécs im Vergleich zu Istanbul und Ruhr bisher europaweit weit weniger bekannt«, räumt Frau Seres ein. »Was dazu führte, dass der Titel Europäische Kulturhauptstadt in unserer Kommune sicher einen relativ höheren Stellenwert hatte und hat als in den beiden anderen Städten. Eben wegen seines Prestigegehalts und des in ihm steckenden Perspektivpotenzials«, erläutert sie.

Der daraus resultierende Eifer zeitigte in den vergangenen vier Jahren bis heute nicht nur Licht, sondern auch manch Schatten. Taxifahrer Sandor Hiller schimpft immer noch: »Seit 2006 wusste die Stadtverwaltung, dass wir 2010 Kulturhauptstadt sind. Und was ist passiert? Nichts oder Hickhack. Was haben wir jetzt? Juli 2010 und überall Baustellen.«

Csaba Ruzsa, bei »Pecs.2010« für die wirtschaftlichen Belange zuständig und derzeit auch geschäftsführend, räumt die Versäumnisse ein. Er wirbt mit Informationen über Ursachen von leicht bis mittelschwere Organisations- und Finanzierungskatastrophen um Verständnis. Und er versichert für den Rest des Jahres grünes Licht: Alle restlichen großen Projekte würden demnächst fertig. Die Stadtbibliothek (Kosten: 14 Millionen Euro), der benachbarte neue Konzertsaal (25 Millionen), das Museumsquartier auf einem ehemaligen Industriegelände (35 Millionen).

Ähnlich optimistisch ist eine zeitweilige Péscer Bürgerin: die ansonsten in Berlin lebende junge Schriftstellerin Maike Wetzel, für das zweite Halbjahr 2010 die Stadtschreiberin von Pécs: »Kritiken in den Medien über nicht fristgerecht fertige Bauvorhaben haben den Eindruck erweckt, dass auch sonst in Pécs nichts liefe. Das aber stimmt nicht«. Und was die Stadt selbst angehe, ist Maike Wetzel, die sich ihr vorurteilsfrei nähern will »wie ein Marsmensch, der in Ungarn gelandet ist«, nach vier Wochen geradezu euphorisch: »Ich hatte ob meiner Recherchen eine sehr schöne Stadt erwartet. Aber meine Erwartungen wurden eigentlich übertroffen.«

Ergänzend und fairnesshalber soll hier auf einen gravierenden Punkt hingewiesen werden, den Direktor Ruzsa bei den möglichen Ursachen für Verzögerungen gar nicht erwähnte. Pécs war bis Anfang der 90er Jahre eine Bergbaustadt. 12 000 Beschäftigte förderten Kohle, zuvor hatten das 8000 auch mit Uranerz getan (weshalb beispielsweise ein Pécser Stadtbezirk Uran heißt). Die Deindustrialisierung hat nicht nur Halden von Arbeitslosigkeit hinterlassen. Sie erforderte auch enorme kommunale Kopfstände, wenigstens das Gröbste zu lindern. Dergestalt nimmt sich »Pécs.2010« vorerst wie ein extravagantes Sahnehäubchen auf dünnem Malzkaffee aus.

Doch das selbstkreierte Motto von der grenzenlosen Stadt soll keins fürs Jahr, sondern eins für Jahrzehnte sein. »Wir sehen 2010 als eine Initialzündung, die uns auch in Richtung kulturelle Ausstrahlung weiter voranbringt«, hofft Bürgermeister Zsolt Páva. Was meint, dass sich Pécs mehr und mehr als kulturelles Zentrum einer großen, Landesgrenzen übergreifenden Region positionieren will. Die könnte von Maribor in Ostslowenien über Osijek in Nordostkroatien bis ins serbische Novi Sad und Arad und Timisoara in Westrumänien reichen.

Die geografische Lage Pécs' ist dafür geradezu eine Empfehlung. Rechts und links der Grenze zu Kroatien fehlen nur noch wenige Dutzend Kilometer, und dann könne man flott von Wien via Pécs bis Zagreb oder auch nach Belgrad reisen. Es gebe mit dem Flughafen im kroatischen Osijek Pläne für einen ständigen Transfer. Die Universität von Pécs wolle das fremdsprachige Lehrangebot über das bisherige in Deutsch und Englisch stark erweitern. Pécs macht zudem in der Region gerade in einer ganz elementaren Frage der Menschheitskultur von sich reden: Jahrelang widersetzte sich eine Bürgerinitiative bis hin zum Obersten Gerichtshof erfolgreich gegen den Bau einer NATO-Radarstation auf dem Tubes-Berg, einem Naherholungsgebiet der Stadt. »Wir wollen schließlich nicht, dass unsere Stadt zu einem militarisierten Einfallstor zum Balkan wird«, sagt Péter Ferenzy, einer der Anti-NATO-Aktivisten.

Auch kulturgeschichtlich drängt sich die Gestaltungsidee der grenzenlosen Stadt geradezu auf. In Pécs verschmolzen über Jahrhunderte römische und deutsche, türkische und ungarische, serbische und kroatische Einflüsse – ohne wesentlich eigene Identität einzubüßen. Kommunal üben sich heute neun ethnische Minderheiten in weitgehender Selbstverwaltung. Der Bischof des Pécser Bistums hört auf den donauschwäbischen Namen Mihály Mayer, das in der Stadt seit Jahren beheimatete Gandhi-Gymnasium für junge Roma ist nicht nur für Ungarn einzigartig. Vor wenigen Tagen wurde ein Denkmal für die 3000 jüdischen Holocaustopfer der Stadt eingeweiht – am Bahnhof, von wo die nazideutschen Todeszüge nach Auschwitz abgingen.

Mahnendes Magasház

Der Titel einer europäischen Kulturhauptstadt habe Pécs, so heißt es, bereits jetzt über die Hälfte mehr Touristen gebracht als im üblichen Jahresdurchschnitt. Nicht nur wegen der 365 Ereignisse aller Art im Veranstaltungskalender; zu den nächsten Höhepunkten gehören die Ausstellung Ungarische Bauhauskünstler im August, das Internationale Tanztreffen im September, ein Balkanisches Weltmusikfestival im November. Zudem ist es von geradezu mediterranem Reiz (Westwind von der Adria!), durch Straßen und Gassen um den Széchenyi-Platz zu flanieren. Ebenso inspiriert die Stadt architektonisch ungemein. Unterirdisch mit Zeugnissen aus über 2000 Jahren, oberirdisch fast lückenlos stilecht seit dem 16. Jahrhundert.

Wobei man sich beim weiteren Bummeln unversehens auch einem eher nachdenklich stimmenden Guinnessbuchrekord gegenüber sieht: »größtes unbenutztes Wohnhochhaus Europas«. Im fast 100 Meter hohen Magasház sind seit 20 Jahren nur noch Hunderte von Tauben zu Hause. Wegen verschlamperter Baustatik. Alles andere als ein städtebauliches Kleinod. Aber allemal ein warnendes Beispiel für den Kulturstadtbauendspurt 2010.

  • Europäische Kulturhauptstadt, H-7621 Pécs, Mária ut. 9, Tel.: 0036- 72- 514 801, www.pecs.2010.hu
  • Ungarisches Tourismusamt, Deutschlanddirektion sowie Regionaldirektion Berlin & Deutschland Ost, Wilhelmstr. 61, 10117 Berlin, Tel.: (030) 24 31 460, www.ungarn-tourismus.de
  • Ungarn von Matthias Eickhoff, DuMont Reiseverlag, Ostfildern, 2009, 425 S., reich bebildert, brosch., 22,95 Euro

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