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Begrünen statt bewachen

Seit 20 Jahren dient ein ehemaliger Grenzturm als Naturschutzstützpunkt

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Einsatz für die Umwelt. Marian Przybilla und Helga Garduhn im Garten vor ihrem Naturschutzturm
Einsatz für die Umwelt. Marian Przybilla und Helga Garduhn im Garten vor ihrem Naturschutzturm

Früher gab es hier nur leblosen Sand. Auch einige Tote. Jetzt ist es ein blühender Garten, von rauschenden Kiefern umgeben. Mitten auf dem ehemaligen Todesstreifen in Hohen Neuendorf, nördlich von Berlin, hat die Deutsche Waldjugend ein grünes Kleinod geschaffen – und ein Stück Geschichte in lebendigen Umweltschutz verwandelt. Man stelle sich vor: Es stand einmal ein Grenzturm an der Berliner Mauer. Aus grauem Beton, umgeben von Stacheldraht. Nicht ungewöhnlich – es gab über 300 seiner Art. Ungewöhnlich ist hingegen das Schicksal, das ihn nach der Wende ereilte. Eine Gruppe Kinder machte den gefürchteten Kommandoturm zu ihrem Umweltstützpunkt – dem »Naturschutzturm Berliner Nordrand« der Deutschen Waldjugend Berlin/Brandenburg. Weiß getüncht steht der knapp neun Meter hohe Bau zwischen Hecken und Gräsern in dem Garten. Er ist ein Relikt der deutschen Teilung, vielmehr aber ein Zeichen der Einheit. Denn ermöglicht wurde die Verwandlung durch eine ganz besondere Zusammenarbeit. Helga Garduhn, Lehrerin in der DDR, und Marian Przybilla, Lehrer in der Bundesrepublik, taten sich mit ihren Jugendgruppen zusammen, um auf dem einst abgeriegelten Gelände etwas Positives zu schaffen – einen Ort, an dem sie ihre Liebe zur Natur ausleben konnten.

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Beide hatten sich schon jahrelang für eine lebendige Umweltpädagogik und den Schutz der heimischen Natur eingesetzt. Nur wenige Kilometer voneinander entfernt und doch in verschiedenen Welten. Helga Garduhn unterrichtete Biologie in Brandenburg, an der EOS Rungeschule Oranienburg, nördlich von Berlin. Marian Przybilla an der Katholischen St. Franziskus Schule in Berlin-Schöneberg. Beide wollten mehr vermitteln als bloßen Unterrichtsstoff. Ihre Schüler sollten die Natur mit allen Sinnen erfassen. Helga Garduhn brachte oft Anschauungsmaterial aus dem eigenen Garten mit. Sie bestimmte mit den Kindern Bäume im nahegelegenen Briesetal und baute dort ein Naturlehrkabinett auf. Irgendwann wurde ihr der schulische Rahmen zu eng, sie wollte »Naturarbeit leisten. Nicht in der Schule, aber mit Schülern!« Mit ihrer Arbeitsgruppe zog sie darum in den Keller ihres Hauses – die »Ökokekis«, die Öko-Kellerkinder, waren gegründet. Auf westdeutscher Seite organisierte Marian Przybilla zu gleicher Zeit Jugendwaldeinsätze unter dem Dach der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Seine Gruppe nannte sich »Brummbären«, auch sie bestand größtenteils aus Schülern, die der engagierte Biologie-Lehrer für den Wald begeisterte. Er lehrte sie, mit Axt und Säge umzugehen und den Wald als Lebensraum wahrzunehmen.

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Dann kam die Wende. 1990 erfuhr Marian Przybilla, damals 37 Jahre alt, dass es im Osten eine Lehrerin gibt, die auch in der Umweltbildung aktiv ist. Die müsse er unbedingt kennenlernen, hatten ihm andere Naturschützer empfohlen. Er findet ihre Adresse heraus, schreibt einen Brief an die 53-jährige Helga Garduhn. Am 24. Mai 1990 findet das erste Treffen der beiden Jugendgruppen statt. Noch wissen die Leiter nicht, dass dies der Beginn einer langjährigen Freundschaft ist – und eines einmaligen Projekts. Die Ökokekis suchten gerade einen neuen Treffpunkt, denn Helga Garduhn musste ihr Haus verlassen. Nach der Grenzöffnung standen die Nachkommen des Eigentümers vor der Tür und wollten den Besitz zurück. Gemeinsam mit den Brummbären beschlossen die Kellerkinder, einen Ort für die Zusammenarbeit zu finden. Aus der Spaß-Idee, einen der überflüssig gewordenen Grenztürme zu nutzen, wurde Ernst. Nur einen Monat nach dem ersten Treffen, am 25. Juni 1990, hält Helga Garduhn ein offizielles Schriftstück in der Hand – die Grenztruppen der DDR übergeben ihr kostenlos die ehemalige Grenzsicherungsanlage. »1 Stück Führungsstelle Hohen Neuendorf/Bergfelde und zugehöriger Bunker. Garantieleistungen, Ersatzteillieferungen und Instandsetzungen werden durch den Übergebenden nicht gewährt«, heißt es in dem Schreiben.

Ganz so einfach ging es aber doch nicht. Die Umwälzungen der Wendezeit machten das Übergabeprotokoll wertlos. »Alle 14 Tage war jemand anderes für den Turm und den zugehörigen Grenzstreifen zuständig«, erinnert sich Marian Przybilla. Die Behörden-Odyssee endete erst 1993 oder 1994 – Herr Przybilla vermag nicht mehr zu sagen, wann der Eintrag ins Grundbuch endlich erfolgte und welche Behörde letztlich zuständig gewesen ist. Den Turm haben sie dann kaufen müssen. »Leider nicht für die symbolische Mark.«

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Der Naturschutzturm hat drei Etagen, je 16 Quadratmeter groß, einen Keller und ein flaches Dach. Die winzige Abstellkammer im Erdgeschoss wurde zu DDR-Zeiten als Arrestzelle genutzt. Der holzverkleidete Gruppenraum im zweiten Stock, in dem Informationsbroschüren zum Naturschutz und der Berliner Mauer liegen, ist rundum mit Fenstern versehen. Er diente als Führungsstelle für jeweils zwei Wachposten. Über eine original erhaltene Eisenleiter erreicht man das Dach. Wo früher der Suchscheinwerfer nach Republikflüchtigen fahndete, glänzen heute Solarzellen im Sonnenlicht. Rund um den Turm stehen Kiefern, alle sind gleich hoch gewachsen. So sehen 20 Jahre alte Bäume aus. 80 000 Stück haben Marian Przybilla und Helga Garduhn mit ihrer Waldjugend und der Hilfe von Schulklassen gepflanzt. Im Turm hängen Fotos aus den Anfangszeiten des Projekts. Sie zeigen Kinder und Jugendliche in Karottenjeans, die auf einer öden Fläche stehen und dünne Bäumchen in den Sand einsetzen. Der fruchtbare Mutterboden wurde beim Bau der Grenzanlage abgetragen, um eine gut überblickbare Brache zu schaffen.

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Noch heute kämpft Frau Garduhn gegen den feinen märkischen Sand, der überall zwischen den Pflanzen durchschimmert. Mit Arbeitshandschuhen hockt sie zwischen den Beeten und verlegt einen Wasserschlauch. Rund 4000 Quadratmeter hat das Grundstück, um das sich die Deutsche Waldjugend Berlin/Brandenburg kümmert. Ihre fast 74 Jahre sieht man Frau Garduhn nicht an. Das dichte Haar ist ordentlich frisiert, und durch ihre Brille blicken wache braune Augen. Ein Rundgang mit ihr durch den Garten ist wie eine Biologiestunde, nur lebendiger. Blätter werden gekostet und Halme berührt. Verschiedene Biotope haben die Kinder rund um den Turm angelegt. Es gibt eine kleine Streuobstwiese, ein Sumpfpflanzenbeet, einen Totholzhaufen, eine Regenwurmkiste, auch einen »Unkrautzoo« – ein Beet voller Wildpflanzen. Viele Klassen aus der Umgebung verbringen ihren Unterricht auf dem Grundstück, um sich von Frau Garduhn und anderen die Wunder der Natur zeigen zu lassen. In einer Ecke hat sich vor zwei Jahren die AG Junge Imker ihr Domizil eingerichtet. Der 15-jährige Jonas betreut seit Kurzem sein eigenes Bienenvolk, heute schleudert er zum ersten Mal Honig. Goldgelb läuft die dickflüssige Masse in den bereitstehenden Eimer. Etwa zwölf Liter passen hinein. Einen Teil der Ausbeute behalten die Jungimker, der Rest wird verkauft, um die Gerätschaften zu finanzieren. Jeden Freitagnachmittag trifft sich die Gruppe am Turm, ebenso wie die Deutsche Waldjugend. Dann wird beratschlagt, was zu tun ist und worauf die Kinder Lust haben. Waldarbeiten sind beliebt, Unkraut jäten weniger. Heute sind es fast nur erwachsene Helfer, die am Turm eintreffen und sich die Gartenarbeit teilen.

»Es ist schon beachtlich, was hier seit damals passiert ist – und das alles in der Freizeit«, staunt Marian Przybilla. Hochgewachsen, mit Igelhaarschnitt und kurzen Hosen steht er auf dem Gelände und schaut sich um. Er ist jetzt bald 58 und arbeitet noch immer an der St. Franziskus Schule. Seit 2008 ist er außerdem Abgeordneter der Linksfraktion Hohen Neuendorf. Trotzdem fährt er jeden Tag zum Turm, kümmert sich um Garten und Bäume. Im Kofferraum hat er immer einige Kanister Wasser, um die Bäume zu gießen, die anlässlich von Hochzeiten und Jubiläen gepflanzt wurden. Es ist eines der Projekte, die nicht nur den Bestand des Waldes erweitern, sondern zugleich das Bewusstsein der Menschen für dessen Pflege, denn jeder übernimmt die Patenschaft für seinen Baum. Der Wald wurde auf diese Weise schon um 60 Bäume bereichert. Auch als man 2009 eine »grüne Mauer« aus 65 Bergahornen entlang des ehemaligen Mauerverlaufs pflanzte, fand sich für jeden Baum ein Pate.

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Neben dem Naturschutz verfolgt die Deutsche Waldjugend hier noch eine andere Aufgabe – das Gedenken an die Maueropfer. In einer Nische wird an vier junge Menschen erinnert, die zwischen 1964 und 1980 ganz in der Nähe erschossen wurden. An vier Holzpfeilern hängen Tafeln, auf denen die Geschichten der jungen Leute zu lesen sind. Zum Beispiel die der 18-jährigen Marienetta Jirkowsky, die mit ihrem Freund in den Westen fliehen wollte. Fast hätte sie es geschafft, dann löste sie einen Alarmdraht aus, und die Grenzsoldaten eröffneten das Feuer. Marienetta starb, ihrem Freund gelang die Flucht.

Umgrenzt ist die Gedenkstätte von Original-Mauerstücken und Zaunteilen, die Herr Przybilla mit den Kindern nach der Wende einsammelte. Bei einem Streifzug durch den Wald stießen sie auch auf ein Stück sogenannten Stalinrasen. Das Metallgitter mit den langen Spitzen wurde zu Grenzzeiten als Flächensperre eingesetzt, um Flüchtige aufzuhalten. Kaum erkennbar am Boden liegend, führte es oft zu schweren Verletzungen. Herr Przybilla und die Kinder haben die Wirkung selbst gesehen – ein Kind bohrte sich einen der Nägel in den Fuß und musste ins Krankenhaus. Jetzt hängt der Stalinrasen als Mahnmal in der Gedenknische.

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Nur noch vier Grenztürme sind entlang des Berliner Mauerwegs erhalten. Seit 2009 steht der Naturturm unter Denkmalschutz, ebenso der zugehörige Bunker, in dem heute Gartengeräte aufbewahrt werden. In langen Reihen stehen die Spaten an der Wand. Es sind größtenteils Geschenke von ehemaligen Grenzern. Marian Przybilla schwärmt noch immer von deren Hilfsbereitschaft. Statt die Sägen und Spaten auf die Deponie zu fahren, wie ihnen bei der Auflösung der Truppen aufgetragen wurde, brachten sie die Geräte den Umweltaktivisten.

Für ihr Engagement wurden Helga Garduhn und Marian Przybilla 1999 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Es ist nur eine von vielen Ehrungen, wenn auch die höchste. Ihren ersten Preis bekamen sie schon 1991 vom Bezirksamt Berlin-Reinickendorf verliehen. Im April dieses Jahres nahmen sie ihre jüngste Auszeichnung entgegen: den Berliner Naturschutzpreis. Vielleicht sind es aber eher die alltäglichen Früchte ihrer Arbeit, die Helga Garduhn und Marian Przybilla für alle Mühen entlohnen. Wenn zum Beispiel ein Kind in den Totholzhaufen greift, eine Hand voller Erde herauszieht und begeistert erkennt: »Das war mal ein Baum!«

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