Ungeheurer Verdacht

Zur neuen Anklage gegen Verena Becker: Gladio?

  • Von Susanne Härpfer
  • Lesedauer: 3 Min.

Waren an der Planung des Attentats gegen Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April 1977 auch Polizisten beteiligt? Und falls ja, wer und aus welchen – möglicherweise konträren – Beweggründen? Folgt man den akribisch recherchierten Informationen Ulf Stubergers, der als einziger Journalist beim Baader-Meinhof-Prozess zugelassen war, landet man bei quasi-militärischen sogenannten »stay-behind«- Kämpfern, die in den Zeiten des Kalten Krieges aufgestellt worden sind und in der Öffentlichkeit als »Gladio« bekannt wurden. Diese Einheiten sollten hinter feindlichen Linien zurückbleiben, falls die Bundesrepublik von DDR- oder Sowjettruppen überrannt werden würde. Sie sollten die Infrastruktur schützen, Brücken, Straßen, Wasserreservoirs, Energielieferanten. Falls dies nicht gelänge, waren sie angehalten, Sabotage zu verüben, damit lebensnotwendige Einrichtungen nicht in die Hand des Gegners fallen. Erhalten und Zerstören waren somit in ein- und demselben Auftrag vereint.

Diese Einzelkämpfer in Staatsdiensten waren die ersten »Feierabend-Terroristen« Deutschlands. Und auch die ersten »Schläfer«, denn im Alltag waren sie ganz normale Bürger, aber stets bereit, falls der Einsatzbefehl käme. Ihr Wissen gelangte aber offenbar auch an diejenigen, die dann unser Bild von Terroristen prägten – die Frauen und Männer der RAF. Wie dies geschah, wer aus welchem Grund wem für welchen Zweck welche Information gab, das könnte der Schlüssel sein, um den Mord an Buback wirklich aufzuklären.

Nach Stuberger passierten die Täter im Karlsruher Stadtteil Wolfahrtsweier einen Bahnübergang, ein Wasserwerk und eine Autobahnbrücke: »Die Pfeiler solcher Bauwerke hatten verschlossene und verriegelte Sprengkammern, die dazu dienten, im Fall eines Krieges Brücken zerstören zu können, um einen etwaigen Vormarsch feindlicher Truppen zu verhindern«, schreibt er in seinem Buch »Die Tage von Stammheim. Als Augenzeuge im RAF-Prozess«. Eine solche Kammer sei vor der Tat unbemerkt aufgebrochen worden. »Die Motorradfahrer öffneten sie und versteckten darin ihre Maschine, sprangen in einen bereitstehenden Alfa Romeo, in dem ein dritter Täter bereits gewartet hatte, und fuhren über nur Einheimischen bekannte Schleichwege … Dort passierten sie völlig unbeanstandet eine der Straßensperren, die im Rahmen der Ringfahndung inzwischen eingerichtet worden waren. Bis heute weiß niemand, warum und wie diese schwere Fahndungspanne geschehen konnte.« Stuberger fragt, ob Knut Folkerts, der wegen vermuteter Beteiligung am Buback-Mord 1980 verurteilt und 1995 vorzeitig entlassen worden ist, vielleicht einem der Polizisten aus der Region bekannt war? Er wundert sich jedenfalls, »was die Täter so in Sicherheit wiegte, an dieser Stelle mit sicherem Gefühl die Polizeisperren passieren zu können«.

Wussten Staatsdiener vom geplanten Attentat? Wenn ja, warum verhinderten sie es nicht? Waren sie direkt beteiligt? Billigten sie es, falls ja, weshalb? Haben sie es gar in Auftrag gegeben? In welche Struktur war wer eingebunden? Wussten Helfer von Hintermännern und deren Motivation? Waren weitergegebene Informationen ursprünglich in einem anderen Kontext gedacht? Das sind Fragen, mit denen sich diejenigen beschäftigen müssten, die erneut Anklage gegen Verena Becker, die als Informantin für den Bundesverfassungsschutz gearbeitet haben soll, erhoben haben und jetzt prozessieren.

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