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Selbstbewusst

Die Erinnerungen der Helga Lange

  • Von Franziska Klein
  • Lesedauer: 3 Min.

Acht Tage nach der Hochzeit verlangte mein Ehemann, dass ich alle Fotos aus meiner Jugendzeit verbrennen solle.« Es wäre schlimm gewesen, hätte sie sich seinem Willen gebeugt. Nicht nur, dass ihre jüngst erschienenen Memoiren bildlos geblieben wären, sie wäre eines Teils ihrer Identität beraubt worden. Ein zu hoher Preis für eine Ehe, die nicht lange hielt.

»Warum bin ich nicht weggelaufen? Ich hoffte wohl, dass sich dieser Mann ändern könne«, schreibt Helga Lange im Rückblick. Sie musste ihre Arbeit aufgeben, wurde von ihrem Mann, der beruflich viel unterwegs war, allein gelassen, ohne Freunde und Freude. Von Nachbarn bekam sie eines Tages einen Boxerwelpen geschenkt. »Ich hatte nun zumindest eine Aufgabe.« Bis dann Sohn Thomas geboren wurde.

Helga Lange lebte in der DDR. Und so blieb es nicht aus, dass sie sich emanzipierte und fortan selbstbewusst ihren Lebensweg ging. Auslöser hierfür war der Tag, an dem sie sich in einer Wohngebietsgruppe des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD) anmeldete.

Geboren am zweiten Weihnachtsfeiertag 1929 in Simmern, einer Kleinstadt im Hunsrück, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, die auch die kleine Autoreparaturwerkstatt des Vaters traf, hat sie eine relativ unbeschwerte Kindheit verlebt. Das wache Mädchen registriert dann aber sehr wohl die mit zunehmender Aggressivität verfolgte Ausgrenzung der Juden. Helga Lange berichtet von der Familie Scholem, denen das Haus gehörte, in dem sie mit ihren Eltern lebte; sie wurden 1940 nach Köln und von dort nach Theresienstadt und Treblinka deportiert. Die Autorin erinnert sich an die »schöne Synagoge« in der Hunsgasse in Simmern mit der Inschrift »Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker der Erde«, die in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 in Flammen aufging. Im Jahr zuvor war sie mit ihren Eltern jedoch bereits nach Wittenberg übergesiedelt, wo der Vater in den Arado-Flugzeugwerken arbeitete. Auch hier erlebte sie Antisemitismus. Eine Mitschülerin, Tochter eines Rechtsanwaltes, galt nach den Nürnberger Rassengesetzen als Halbjüdin. »Wir haben Erika gut behütet – bis 1945. Das uns dies gelang, grenzt an ein Wunder. «

Es sind nicht nur solche Passagen, weshalb man dankbar ist, dass die Autorin ihre Erinnerungen niedergeschrieben hat. Ihre Memoiren sind ein deutsches Geschichtsbuch der besonderen Art.

Am 22. Juni 1941, dem Tag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion, ist die Mutter überzeugt: »Ein schrecklicher Krieg nimmt ein schreckliches Ende.« Helga Lange wird später Mitglied der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft (DSF) und in die Sowjetunion reisen. Als FDJlerin nimmt sie am I. Deutschlandtreffen der Jugend in Berlin Pfingsten 1950 teil. Die Drogistin empört sich über Korruption und Bereicherung im Kleinen in der DDR. Im VEB Getreidewirtschaft Rangsdorf belebt sie die Kulturarbeit. Die stolze Mutter kämpft selbstbewusst um einen Studienplatz für ihren Sohn – und später, nach der Vereinigung, auch gegen die in Rangsdorf »einfallenden« Alteigentümer.

»Das, was ich hier zu Papier bringe, sind keine Weltereignisse, aber eine Beschreibung von wahren Begebenheiten, und ich finde solche Dinge sind nicht unter den Tisch zu kehren«, schreibt Helga Lange. Dem kann man nur zustimmen. Man hätte der Autorin jedoch einen Lektor gewünscht.

Helga Lange. Mein Leben. Edition Biografien. 362 S., br., 17,60 €.

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