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Die nächste Pop-Fabrik

X-Factor auf RTL

So scheint es zu laufen, wenn Kommerzkanäle planen: Immer renditefixiertere Technokraten feiern immer gleiche Ideen für immer anspruchslosere Zuschauer, als ginge es um die Neuerfindung des Mediums. Das erklärt, warum »X-Factor«, die Kopie des erfolgreichsten Castings der britischen TV-Historie nicht als Kopie anderer Talentshows startet, sondern als das einmalige, supertolle, neue Ding am Fernsehhimmel. Dieser Selbstbetrug sagt einiges darüber, was wir unter Pop und Stars verstehen: eher wenig. Pop ist den Deutschen verdächtig. Nach dem Krieg galt er lange als jugendlicher Angriff aufs Bestehende. In seiner Blüte vor gut 30 Jahren empfanden ihn die Angreifer als Affront gegen den neuen Ernst von Punk bis Wave. Heute hält ihn offiziell fast jeder für Kommerzmüll. Sein Erfolg ist zwar messbar, aber keiner will das Zeug gehört haben.

Das ist in den Mutterländern des Pop anders. Im angelsächsischen Raum darf Entertainment unterhalten, ohne banal sein zu müssen. Britischer Pop, sagte der berühmte Radio-DJ John Peel zu Lebzeiten, sei ungleich besser als andernorts, »weil das englische Publikum ein Gespür für dessen Seriosität hat«. Die Folge war stets: Akzeptanz.

Simon Cowell, der millionenschwere Juror seiner eigenen Erfindungen von »Britains Got Talent« bis »X-Factor«, ist ein so großes Tier im globalen Musikzirkus, dass er nicht mal fürs Dinner mit Barack Obama Zeit hatte. Während hiesige Casting-Gewächse ein paar Monate an deutsche Chartspitzen stupsen, werden Cowells zu Weltstars. Seine Produktionsfirma Syko diktiert Großkonzernen die Regeln. Und auch wenn der unmusikalische Musikmanager die Kandidaten seiner Shows in ähnlich rüdem Tonfall demütigt wie hierzulande Dieter Bohlen, ist ihm doch spürbar mehr am Pop gelegen. Der Fernseh- und Fastfoodfan Cowell weiß, was international erfolgreich ist, Bohlen und seine deutschen Kollegen wissen nur, was ihnen selber nutzt.

So wie RTL. »X-Factor« wird zwei Folgen lang beim Marktführer angeheizt, dann beim Tochterkanal Vox weiterkocht, um im Erfolgsfall zurückzukehren wie einst »CSI«, also gewiss. Schließlich sind die Deutschen unverdrossen im Votingfieber. Weil Risiken keine Lobby haben, läuft auch »X-Factor« nach Schema F: 19 000 johlende Bewerber vor einer sexy Jurorin zwischen zwei Kerlen, die Talenten und Freaks letzte Chancen zu großen Karrieren mit Stromlinienpop vorgaukeln.

Wenn in diesem Einerlei der Umstand zur Revolution erklärt wird, dass die Juroren als Paten einzelner Kandidaten zweier Altersgruppen agieren, wäre es umstürzlerischer, »Wetten, dass…« die Gummibärchen zu streichen. Alles wie gehabt: Moderator Jochen Schropp bewirbt sich um »Germany's Next Marco Schreyl«, Juror Till Brönner tauscht seine Jazztrompete gegen etwas Massenkultur, Produzent George Glueck gibt die Vaterfigur für sein Erfolgsprodukt Sarah Connor, die von der Suche nach etwas faselt, das »Deutschland im Sturm erobern kann und vielleicht die ganze Welt«. So wie Jennifer Hudson, Leona Lewis, Alexandra Burke, Adam Lambert oder Kelly Clarkson. Aber nein – das sind ja Simon Cowells Fabrikate.

RTL, heute, 20.15 Uhr

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