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Liebe, Freiheitskampf, Exotik

Isabel Allende legt einen neuen »Schmöker« vor: »Die Insel unter dem Meer«

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 4 Min.

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Chile im August 2010. Ein heftiger Streit tobt darüber, ob es nicht an der Zeit sei, den Premio Literaria endlich wieder einer Frau zu verleihen. Von drei Ausnahmen abgesehen ging dieser renommierte Literaturpreis in der Vergangenheit immer an Männer. In diesem Jahr hat sich eine starke Lobby für Isabel Allende gebildet. Während ihre alte Heimat Sexismus und literarische Qualität diskutiert, legt die mittlerweile in Kalifornien/USA lebende Autorin einen neuen »Schmöker« vor.

Allende kennt das Bestseller-Erfolgsrezept für den amerikanischen und internationalen Markt: Man nehme Liebe, Leidenschaft und Exotik. Dazu einen Hauch Gutmenschentum und ein brisantes Thema. Und so ist ihr jüngster Roman »Die Insel unter dem Meer« zwar weitaus weniger tiefgründig, als der Titel verspricht, doch die passionierte Erzählerin schreibt, wie ihre Leser sie seit ihrem ersten Buch »Das Geisterhaus« (erschienen 1982) und ihren literarischen Anschlusstreffern (»Von Liebe und Schatten«, »Eva Luna«, »Paula«, »Zorro«, »Inés meines Herzens«) kennen: einfühlsam und einfach gut. Dieses Mal ist der Schauplatz die magisch-mystische Welt der Karibik mit all ihren Farben. Versehen mit einem kräftigen Schuss (nordamerikanischer) Südstaatenromantik ist »Die Insel unter dem Meer« eine spannende Urlaubslektüre für die Nachsaison 2010.

Die Heldin der historischen Abenteuergeschichte ist die Sklavin Zarité, deren Schicksal mit der Geschichte Haitis und Louisianas eng verflochten ist: 1697 tritt Spanien Saint-Domingue, das westliche Drittel der Insel Haiti, an Frankreich ab. Das Land wird im 18. Jahrhundert, nicht zuletzt aufgrund der massiven Ausbeutung der Sklaven auf den Plantagen, zur reichsten Kolonie des französischen Überseeimperiums. 1791 kommt es zu einem Aufstand, 1804 erklärt Saint-Domingue, unter dem Namen Haiti, seine Unabhängigkeit. Auch Louisiana ist zunächst ein Teil Frankreichs, bis der Pariser Frieden den Westen des Staates 1762 Spanien zuspricht. 1800 kauft Napoleon I. ihn zurück. 1803 geht die französische Kolonie Louisiana schließlich an die USA.

Vor dem Hintergrund dieser Fakten strickt Isabel Allende eine berührende Geschichte. Im Alter von neun Jahren wird Zarité (genannt Tété) von der Kurtisane Violette Boisiers an den jungen und recht naiven Plantagenbesitzer Toulouse Valmorain verkauft. Valmorain ist der Prototyp des bigotten Mannes: Weit weniger (offen) brutal als sein Verwalter Prosper Cambray, hält er sich für einen aufgeklärten, liberalen Menschen. Als ideeller Gegner der Sklaverei – und vor Ort »schlicht der Not gehorchend« – legt er Wert darauf, seine Sklaven nicht (selbst) zu misshandeln. Einen gewissen Stolz empfindet er auch angesichts der Tatsache, dass er das erste Kind, das die von ihm vergewaltigte Tété bekommt, gleich nach der Geburt »in gute Hände« gibt.

In der Zeit der Sklavenrebellion verliebt sich Tété in den jungen Gambo Liberté, der auf der Seite der Guerilla für die Freiheit kämpft, während sich die »Grands Blancs« und die kreolische Oberschicht nach Kuba absetzen. Haiti befreit sich, und gemeinsam mit seinem Schwager Sancho Gracia de Solar zieht Valmorain via Havanna nach Louisiana, um dort den Anbau von Zuckerrohr erfolgreich fortzuführen. Er heiratet ein zweites Mal, und seine neue Frau, Hortense Guizot, setzt alles daran, einen Jungen zu gebären, um den Stiefsohn aus erster Ehe, Maurice, wie auch die zweite Tochter seiner Affäre mit Tété, Rozette, als potenzielle Erben aus dem Rennen zu kicken.

Allendes epischer Roman ist voller Handlungsstränge und Verwicklungen. Da gibt es die Romanzen von Tété und Zacharie oder Jean-Martin Relais und Violette; es gibt Inzest, denn auch Maurice und Rozette lieben sich; es gibt Homosexualität, denn Valmorains und Tétés »heimlichen« Sohn Jean-Pierre und den französischen Spion Isidore Morisset verbindet weit mehr als reine Männerfreundschaft. Und natürlich reibt man sich an frustrierenden Konventionen, die Valmorain und Hortense rettungslos aneinander binden und die schwarze Adèle und den aufgeklärten weißen Arzt Parmentier nicht zueinander finden lassen.

»Die Insel unter dem Meer« – nach guineischer Legende übrigens der Ort, an den die Seelen nach dem Tod zurückkehren und glücklich sind – singt aber auch das Heldenlied des haitianischen Befreiers Toussaint Louverture, seines mutigen Rebellenhauptmanns Gambo Liberté und der Freibeuter Jean und Pierre Lafitte. Der Roman preist die protestantische Aufklärung in Boston und klagt den Zynismus und die Untätigkeit der »Alten Welt« angesichts der Umbrüche in ihren (Noch-)Kolonien an.

Langweilig wird diese Sommersaga keinen Moment. Bleibt der Eindruck einer gewissen glättenden Leichtigkeit und romantischen Verklärung im Umgang mit der verheerenden Geschichte der Sklaverei auf dem amerikanischen Kontinent.

Isabel Allende, Die Insel unter dem Meer. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp. 553 S., geb., 24,90 .

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