USA: Lust auf Shopping war gestern

Bankrottwelle lässt Verbraucher kürzer treten – Erneut Verkaufsrückgang bei Kaufhausketten

  • Von John Dyer, Boston
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Zahl der Pleiten ist in den USA auf den höchsten Stand seit fünf Jahren geklettert. Im zweiten Quartal dieses Jahres wurden mehr als 420 000 Insolvenzanträge gestellt, im Jahreszeitraum zwischen Ende Juni 2009 und 2010 waren es knapp 1,6 Millionen.

Als es den Amerikanern noch gut ging und billige Kredite jederzeit zu haben waren, stopften sie ihre Häuser und Garagen voll mit Artikeln der Kaufhauskette Wal-Mart oder des Baumarktes Home Depot. Das war alles gestern. Heute stehen die zunehmende Zahl von Zwangsversteigerungen, eine dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit um die zehn Prozent, eine Pleitenwelle wie seit 2005 nicht mehr und als Folge eine spürbare Kaufzurückhaltung der Amerikaner im Blickpunkt.

»Für die Verbraucher wird es schlimmer und nicht besser«, meint David Strasse, Analyst bei Janney Capital Markets in Philadelphia. Die Zahl der Insolvenzanmeldungen ist zum Ende des Fiskaljahres am 30. Juni in Jahresfrist um 20 Prozent gestiegen auf knapp 1,6 Millionen Bankrott-Fälle. Das ist die höchste Zahl seit 2005, wie die US-Justizverwaltung mitteilte. Im zweiten Quartal 2010 wurden mehr als 420 000 Insolvenzanträge gestellt. Die höchste Quartalszahl war 2005 erreicht worden mit 667 000 Anträgen.

Über die Gründe vor allem für die Privatinsolvenzen macht man sich in den Vereinigten Staaten keine Illusionen. Die Arbeitslosigkeit bewegt sich seit Monaten an der Zehn-Prozent-Marke. Allein im Juli gab es 100 000 Zwangsversteigerungen von Wohnhäusern, sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie Realty Trac festgestellt hat. »Wir wissen, dass die Gründe für den Bankrott vor allem im Verlust des Arbeitsplatzes und in der Krankenversicherung liegen, überlagert von den Zwangversteigerungen«, sagt die Soziologin Deborah Thorne von der Universität Ohio. »Das ist sehr beunruhigend und ich bin nicht überrascht, dass die Zahlen nach oben gehen. Bevor wir nicht wieder festen Boden unter den Füßen haben, gut bezahlte Jobs zur Verfügung stellen und etwas gegen die Wohnungsmarktkrise unternehmen, wird die Zahl der Insolvenzen zunehmen.«

Die jüngsten Zahlen von Immobilienpfändungen zeigen eine besorgniserregende Entwicklung auf. Amerikaner, die jetzt ihre Häuser verloren haben, wiesen eigentlich eine gute Bonität auf. Aber sie hatten ihren Arbeitsplatz verloren. Sie gehören häufig nicht zu der Kategorie der unverantwortlichen Kreditnehmer, denen ebenso unverantwortliche Kreditinstitute Hypotheken gegeben hatten, die weit über ihre finanzielle Leistungsfähigkeit hinausgingen. Das war beim Aufblähen der Immobilienblase in den USA landesweit sehr häufig der Fall. Jetzt trifft es auch die soliden Kreditnehmer, die im Rahmen ihrer Möglichkeit blieben, aber als Arbeitslose ihre Hypotheken nicht mehr bedienen können.

In diesem Umfeld überrascht es nicht, wenn Ketten wie Wal-Mart oder Home Depot – die man praktisch in allen amerikanischen Städten findet – schlechtere Verkaufszahlen als erwartet melden. Beide gaben am Dienstag ihre Zahlen bekannt. Wal-Mart wies im letzten Quartal fast drei Prozent Plus bei den Verkäufen aus. Der Umsatz stieg auf 104 Milliarden Dollar, der Gewinn belief sich auf 3,6 Milliarden. Die Zahlen erscheinen gut, aber sie wurden nur durch drastische Kostensenkungen und durch gute Geschäfte in China, Brasilien und Mexiko möglich. Die Verkäufe in den Läden innerhalb der USA gingen im fünften aufeinander folgenden Quartal zurück.

Und das »trotz ziemlich dramatischer Preissenkungen«, wie Wal-Mart-Finanzdirektor Thomas Schoewe vor der Presse sagte. Die »Käufer sind unter Druck« und deshalb hätten die Sonderangebote nicht den erwünschten Erfolg gebracht.

Die große Baumarkt-Kette Home Depot hat ihre Wachstumserwartung für dieses Jahr von 3,5 Prozent auf 2,6 Prozent gesenkt, obwohl die Gewinne im letzten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 6,8 Prozent auf 1,2 Milliarden Dollar gestiegen sind. Finanzchefin Carol Tomé hat festgestellt, dass die Käufer in der Krise nicht mehr Billigware, sondern Qualität suchen. Billige Sonderangebote ziehen trotz knapper Kassen nicht.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung