Trinkworkshop mit Lehreraufsicht

Alkoholprävention für junge Leute mit »Lieber schlau statt blau« geht weiter

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn es der Abschreckung dient, kann ein Jugendlicher in Brandenburg auch in Maßen Alkohol zu sich nehmen. Das Land beharrt auf dem von Berlin abgelehnten Präventionsprogramm »Lieber schlau statt blau«. Der Film »Die Feuerzangenbowle« hat das Problem schon vor Jahrzehnten ins Bild gesetzt. Jugendliche torkeln durch den Klassenraum, obwohl sie nach Annahme ihres Chemielehrers »nur einen wönzigen Schlock« zu sich genommen haben.

Was die Lausejungs im Film nur spielen, ist heute Realität. Um Jugendlichen die Risiken des Alkoholmissbrauchs vor Augen zu führen, führt das Gesundheitsministerium seit 2007 das Programm »Lieber schlau statt blau« durch. Wie die Landtagsabgeordnete Marie Luise von Halem (Grüne) in einer parlamentarischen Anfrage feststellte, habe man in »zahlreichen Jugendklubs und etwa 25 Schulen »Trinkworkshops« durchgeführt. Das auch schon einmal in einem Gaststättennebenraum. Dies habe unter Aufsicht von Lehrpersonal stattgefunden. Dabei seien den Schülern bis zu vier »Trinkeinheiten« verabreicht worden, die insgesamt einer Menge von 0,8 Litern Wein oder 1,33 Litern Bier entsprachen. Die Landtagsabgeordnete verwies auf den Berliner Senat, der das Verfahren von Suchtexperten begutachten ließ. Diese hätten »mit Nachdruck« von der Durchführung und der Übernahme abgeraten.

Dagegen beharrt Brandenburg auf diesem Projekt. Gesundheitsministerin Anita Tack (LINKE) erinnerte an die Einschätzung durch die Landessuchtkonferenz und einen entsprechenden Beschluss. Zugestimmt hätten Vertreter mehrerer Ministerien, Krankenkassen, des Landesjugend- und des Kriminalamtes sowie auch der Zentralstelle für Suchtprävention.

Ziel des kritisierten Programms ist es laut Tack, dem Jugendlichen den Glauben zu nehmen, der Genuss von Alkohol hänge mit positiven Wirkungen zusammen und die seien dadurch steigerbar. Aus diesem Irrglauben heraus werde immer mehr getrunken. Die jugendlichen Teilnehmer würden lernen, dass Alkohol negative Effekte hervorrufe und sich positive Effekte durch weiteres Trinken nicht steigern ließen.

Verabreicht werden dabei die maximal zulässigen Mengen für Mädchen und Jungen ab 16 Jahre. Laut Tack werden dabei die Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes streng beachtet. Das Programm wendet sich an Jugendliche, die schon Erfahrungen mit Alkohol gesammelt haben. Jugendliche können an dem Projekt auch als Beobachter teilnehmen.

Exzessiver Alkoholmissbrauch unter jungen Menschen ist auch in Brandenburg stark ansteigend. Unbeeindruckt von Fachkonferenzen, ordnungspolitischen Einschränkungen, ministeriellen Rundschreiben und Schullehrplänen bringen sich mehr Kinder und Jugendliche in Gefahr. Laut Gesundheitsministerin mussten im Jahr 2008 insgesamt 728 Menschen unter 25 Jahren wegen Alkohols im Krankenhaus behandelt werden. Im Jahr 2000 seien es 297 derartige Krankenhausaufenthalte gewesen. Weil sich die ansteigende Zahl auf zunehmend weniger Menschen beziehe, müsse sogar von einer Vervierfachung des Problems gesprochen werden.

Gerade im Kindeshalter sind Mädchen nicht weniger vom Alkohol bedroht als Jungen, geht aus der Antwort der Ministerin hervor. »Bis zum Alter von 15 Jahren sind etwa die Hälfte der Betroffenen Mädchen.« Einer Studie aus dem Jahr 2006 zufolge, mussten 35 Jungen unter 15 Jahren wegen einer gefährlichen Alkoholdosis ins Krankenhaus gebracht werden. Das betraf auch 32 Mädchen dieses Alters. In späteren Jahren neigen Männer deutlich mehr zu Alkoholmissbrauch als Frauen. Bei den 15- bis 24-Jährigen sind ein Drittel der aktuell ins Krankenhaus Eingelieferten Mädchen bzw. junge Frauen. »Das heißt, die meisten Krankenhausbehandlungen entfallen auf junge Männer zwischen 15 und 25 Jahren.«

Tack zufolge engagiert sich die Landessuchtkonferenz seit 2002 gegen den Alkoholmissbrauch in Brandenburg. Außerdem gebe es für alle Schulstufen verbindliche Rahmenpläne, die nach Alter differenziert Kenntnisse über den Umgang mit Alkohol und anderen Suchtmitteln vermitteln sollen.

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