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»Es geht um das Prinzip Amerika«

Rechte haben Moschee-Bau auf Ground Zero zu ihrem Thema gemacht

  • Von Max Böhnel, New York
  • Lesedauer: 4 Min.
Nur wenig entfernt von jenem Ort, an dem das World Trade Center stand, soll eine Moschee entstehen. Während ein Teil der US-Amerikaner dies als Ausdruck der Religionsfreiheit betrachtet, sehen andere das Andenken an die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 beschmutzt.
Wer dieser Tage die »Ground Zero Mosque« in Downtown Manhattan sucht, kommt an Matt Sky nicht vorbei. Der 26-Jährige steht seit Tagen vor dem mehrstöckigen und in den Hochhausschluchten dennoch unscheinbaren Gebäude mit der Adresse 45-51 Park Place. Hier soll das islamische Gemeindezentrum entstehen, das nach jüngsten Umfragen eine knappe Mehrheit der Manhattener Bevölkerung befürwortet, aber landesweit von zwei Dritteln der US-Amerikaner abgelehnt wird. Dass Matt Sky zu ersterer Gruppe gehört, macht er von frühmorgens um sieben bis nach Feierabend allen klar, die es wissen wollen. Die einfachen Worte, die er auf ein Schild gemalt hat, lauten »Support Freedom of Religion« – ein Ruf nach Religionsfreiheit. Um die Ernsthaftigkeit seines Anliegens zu unterstreichen, bindet sich der New Yorker täglich eine Krawatte um. Selbst Hitze oder Regengüsse halten ihn nicht davon ab, seine Überzeugung kundzutun.

»Das ganze Ding ist aus den Fugen geraten«, sagte er am Sonntag gegenüber ND. Das kurze Gespräch fand nicht vor dem geplanten Gemeindezentrum statt, sondern auf Polizeianweisung hinter einer Barrikade und in strömendem Regen. Dorthin hatte die New Yorker Polizei den Aufklärer, der nicht weniger als einen Verfassungsgrundsatz vor sich hertrug, kurzfristig verbannt. Auf Matt Skys Seite standen rund 200 Befürworter des Gemeindezentrums. Auf der anderen hatten sich zeitgleich mindestens doppelt so viele Gegner versammelt, in ihren Reihen auffällig viele Weiße und auffällig viele mit amerikanischen Fahnen. Auf Transparenten hieß es beispielsweise »Keine Terroristen-Moschee«, »Wir wollen eine Kirche in Mekka« oder »Stoppt die Besudelung von heiligem Boden«. Zu Übergriffen, von Beleidigungen oder einer drohenden Faust abgesehen, kam es zum Glück nicht.

Muslime »müssen sich nicht für 9/11 entschuldigen«, sagt Matt Sky tags darauf, erneut mit Krawatte angetan zwei Straßenzüge von Ground Zero entfernt, »auch Muslime sind damals umgebracht worden. Und wenn Muslime Amerikaner sind, dann haben sie dieselben Rechte wie alle anderen Amerikaner auch.«

Nach den Gesetzen stimmt das, aber die Realität sieht anders aus. Rund eine Million Muslime leben in und um New York. Muslimische New Yorker sind seit Jahrzehnten Teil der Stadt. Sie sind Geschäftsleute, Doktoren, Lehrerinnen, Studierende, Taxifahrer oder auch arbeitslos. Und dennoch schwebt über ihnen seit 9/11 der Generalverdacht, Anhänger einer 5. Kolonne zu sein, selbst im für seine Liberalität bekannten New York.

Der Bau eines muslimischen Gemeindezentrums zwei Straßenzüge von Ground Zero entfernt war bis vor zwei Monaten kein Thema. Nur ein paar ultrarechte Blogger hatten sich echauffiert. Doch mehrere Faktoren verschafften ihnen Auftrieb und dem rassistischen Geläster ein nationales Forum. Als die berühmt-berüchtigte Rechtsaußen-Politikerin Sarah Palin in zwei Sätzen auf »Twitter« ihren Senf dazu gab, berichtete die »New York Times« darüber. Palins »Botschaft« verbreitete sich dann in weiteren Medien. Das ereignisarme Sommerloch half den medienkundigen Rechten, die um die öffentliche Wirksamkeit von »Ground Zero«-Demonstrationen wissen. Nicht zuletzt finden im November Kongress- und Gouverneurswahlen statt – ein willkommener Anlass für Republikaner und konservative Demokraten, mit rechtem Populismus zu punkten. Das nationale Problem, so scheint es jetzt, ist weder die Finanzkrise noch die Langzeitarbeitslosigkeit, sondern ein Gebäude, das neben Schwimmbad, Restaurant und Veranstaltungsraum auch eine Moschee beherbergen soll. Dass hinter dem Projekt der schon von der Bush-Regierung unterstützte und gefeierte, als gemäßigt und friedfertig geltende Imam Feisal Abdul Rauf gehört, spielt in der Hysterie keine Rolle mehr. Imam Rauf befindet sich derzeit auf einer Verständigungstour in den Golfstaaten – um Muslimen dort die Situation ihrer Glaubensbrüder in den USA zu erklären. Das USA-Außenministerium finanziert seine Reise. Wann der Imam nach New York zurückkehrt, war von den zuständigen Stellen auf Nachfrage wegen »Sicherheitsbedenken« nicht zu erfahren.

Matt Sky hofft unterdessen, dass die New Yorker Behörden nicht nachgeben. »Es geht ums Prinzip Amerika«, sagt er völlig richtig, »wenn der politische Druck von rechts so stark wird, dass das Gemeindezentrum dort in der Nähe von Ground Zero nicht gebaut werden kann, dann frage ich mich, wer als nächstes drankommt«.

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