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Klischees des Kalten Krieges

Ein Band der Reihe »querstand – musikalische konzepte« macht Schluss mit der Ignoranz gegenüber Hanns Eisler

Ausgewiesen aus den USA: Hanns Eisler und seine Frau Louise warten 1947 im Emigrationsbüro von Los Angeles auf die Ausstellung ihrer Ausreisepapiere.
Ausgewiesen aus den USA: Hanns Eisler und seine Frau Louise warten 1947 im Emigrationsbüro von Los Angeles auf die Ausstellung ihrer Ausreisepapiere.

Glück, dass diese instruktive Schrift in der Reihe »querstand – musikalische konzepte« noch erscheinen konnte. Das Periodikum, ediert von Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, existiert nämlich nicht mehr. Es lebte nur kurz. Der renommierte Musikwissenschaftler und Kritiker Metzger war 2009 gestorben, und Ko-Editor Riehn wollte das Projekt allein nicht weiterführen, so dass der Stroemfeld Verlag Frankfurt am Main sich genötigt sah, es aus dem Programm zu nehmen. »querstand«-Vorläu- fer, das muss erwähnt werden, war die Reihe »Musik-Konzepte«, erschienen seit den 70er Jahren im Münchener Verlag »text + kritik«. »Musik-Konzepte« kam auf insgesamt 130 Bände. Das soll erstmal jemand nachmachen. Fundgrube immer noch für jeden, der Einblick nehmen will in Problemlagen der Musik von J. S. Bach, Beethoven, Schönberg, Berg, Webern, Zemlinsky, Bartók, Janácek, B. A. Zimmermann, Cage, Feldman, Lachenmann, Nono.

Mit einem Eisler-Band hätten sich, so ist zu hören, die Herausgeber durchaus schwergetan, politisch und ästhetisch. Nun bildet er das rühmliche Ende. Albrecht Dümling, gleichsam Subherausgeber der speziellen Schrift, konnte sich noch auf Anregungen seitens des bewährten Duos Metzger/Riehn stützen, was im Vorwort leider unerwähnt bleibt.

Erfreulich: Der Band macht mit der Ignoranz gegenüber Hanns Eisler endgültig Schluss. Solche erlebte der Komponist zeitlebens. Der bürgerliche Betrieb vor 1933 lehnte seine politische Musik weitgehend ab. Im US-Exil komponierte Eisler zumeist für die Schublade. Nach 1949, im Westen, wurde der Schöpfer der DDR-Nationalhymne lange Zeit totgeschwiegen. Später entdeckte der liberale Westen nach und nach den Schönberg-Schüler und verächtlichte, wie gehabt, den Schöpfer von Kampfmusik, während die »Neue Linke« und teils auch der DDR-Betrieb häufig genau umgekehrt verfuhren. Das ist vorerst zu Ende. Beliebt ist allerdings immer noch der Topos, den Kammermusikkomponisten gegen den angeblich schlechten Symphoniker Eisler auszuspielen, wohl wissend, dass dessen Kleine Sinfonie zum Gescheitesten gehört, was in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in dem Bereich entstand.

Hanns Eisler ist ja, was man auch nimmt, seine Werke, seine Schriften, seinen Enthusiasmus, seine Gedankenschärfe, selbst schon so substanzreich, dass man manche Abhandlung, manchen Diskurs über ihn schlicht beiseite lassen kann. Indes, der »quer- stand«-Band bietet so Vieles und Verschiedenes, dass man selbst als Kenner und Bewunderer seines Werks zum Überprüfen seiner Urteile und Vorurteile eingeladen ist. An die zwanzig Autoren versammelt das Buch und eine Fülle von Themen. Die Schlussdebatte und manche Spezialbeiträge wurden auf Symposien gehalten, die teils zwölf Jahre zurückliegen. Aber das bringt sie nicht um ihre Aktualität, auch nicht der hohe Anteil gestandener Eisler-Forscher, der in dem Band zum Zuge kommt. Um Nachwuchs brauche der Eisler-Forschung, so ist zu hören, nicht bange sein. Den gäbe es.

Zentral ist des Komponisten Beziehung zu Arnold Schönberg, zur Wiener Schule insgesamt – in all ihren Verästelungen bis zu seinem Tode. Ein aufschlussreicher Komplex, deutet er doch darauf, wie wenig bei Hanns Eisler avancierte Kompositionstechniken und ethisch-politische Kompositionshaltungen einander ausschlossen. Brillant Jürgen Schebera, Urgestein der Weill- und Eisler-Forschung, der das widersprüchliche Verhältnis zwischen Eisler und Adorno über vier Jahrzehnte im Spiegel von teils erstveröffentlichten Brief- und Textzeugnissen markiert. Der frühen Freundschaft gesellt sich die gegenseitige kritische Wertschätzung. Doch die konträren politischen Auffassungen – Eislers kommunistische Gesittung gefällt Adorno überhaupt nicht – reißen Wunden auf. Der Kalte Krieg trennt die beiden hochgescheiten Geister vollends. Schebera dokumentiert allseitig, vermeidet alles Parteiische, lässt die Fakten sprechen. Der Leser soll sich selber ein Bild machen. Erhellend, wie und wodurch es zur Trennung der ohnehin sensibilisierten Autoren kam. Den Anstoß gibt die Ko-Produktion des Buches »Komposition für den Film«, das, nachdem Hanns Eisler und Bruder Gerhard Opfer der McCarthy-Hexenjagd auf Kommunisten und Demokraten geworden waren, nur noch den Namen eines Autor trägt. Adorno, die mangelnde Loyalität Eislers beklagend, hatte seinen Namen zurückgezogen. Eisler gebot nun allein über die Geschichte des Büchleins und brachte es 1949 leicht verändert im Bruno Henschel Verlag Berlin heraus.

Im Kapitel »Eisler und die Vernunft« bricht Klaus Völker zu Recht eine Lanze für Eisler/Brechts »Die Maßname«, indem er die darin wohnende Tragödie antiken Ausmaßes betont. Die beinahe lieblose Abhandlung von Albrecht Bez über den musikalischen Philosophen Eisler beschränkt sich auf die »Ästhetik« Hegels und lässt die Marx-Rezeption des Komponisten als übergreifendes Denkgebäude völlig außen vor. Ideologentum huscht unvermeidlich durch die Schrift. Herumgehackt wird vereinzelt immer noch auf Eislers Kampfmusik, auf dem Lehrstück »Die Maßnahme«, worin angeblich die Liquidierungspolitik Stalins vorgezeichnet läge, was reiner Unsinn ist, ein Klischee des Kalten Krieges und der Nachwendezeit, dem selbst der gebildete Musikwissenschaftler Matthias Hansen aufsitzt. Gerhard Scheidt indes, sein Text über den Satiriker Eisler spottet jeder Beschreibung, tut sich in der Vernichtung von Werken wie den zeitkritischen Tucholsky-Liedern oder der »Deutschen Symphonie« besonders hervor. Scheidts Beitrag liegt weit unter dem Qualifikationsniveau, das nötig ist, um Eislerscher Musik, Eislerschem Denken intellektuell gewachsen zu sein.

»Eisler kontrovers« – eine Diskusssion aus dem Jahr 1998 mit Albrecht Bez, Konrad Böhmer, Reinhold Brinkmann, Günter Mayer, Jürgen Schebera, Friedrich Schenker, Matthias Hansen krönt gleichsam den Band. Die Runde reagiert auf teils provokante, teils fragwürdige Thesen, die der erwähnte Matthias Hansen ausgearbeitet hat, ein Mann, der Eislers Musik insgesamt – um es vornehm auszudrücken – nicht sonderlich zu mögen scheint. Gleichwohl ist die Debatte ungeheuer lesenwert. Kein Wunder angesichts der kapitalen Veränderungen, die seit 1990 eingetreten sind und das Bild über den Komponisten verändert haben.

Der Leser braucht jedenfalls nicht zu fürchten, dass da ein Meister in den Himmel gehoben wird. Vielmehr darf er erwarten, dass ein scharfsichtiger, widersprüchlicher Komponist durch die Brille der Kollisionen seiner Zeit und der Jetztzeit angeschaut wird.

Reihe querstand – musikalische konzepte, hg. von Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn. Bd. 5/6 HANNS EISLER, hg. v. Albrecht Dümling. Stroemfeld Verlag Frankfurt am Main 2010, 322 S., brosch., 48 €.

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