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Glückssucher

Rose Tremain und Lev aus Osteuropa

Mit Rose Tremain und Lev, dem Protagonisten des Buches, steigen wir in die unteren Etagen der Gesellschaft, nicht in den Keller, sondern nur ins Parterre, zuweilen auch eine Etage höher. Mit Liebe und Verständnis zeichnet die englische Autorin die Menschen, die uns hier begegnen. Die meisten von ihnen sind Träumer, Glückssucher. Steckten sie nicht voller Ideen und Lebensmut, hätte sie das Glück wohl längst vergessen, aber irgendwie wirft es ihnen dann doch zuweilen wie zufällig ein bisschen von sich selbst in den Schoß. So ist das Leben eben – vor allem in Zeiten, in denen so vieles in die Brüche gegangen ist – in unserer Zeit.

Lev ist so ein Glückssucher. Den weiten Weg, den wir mit ihm gehen, könnte man auch »eine Reise weg wohin?« nennen. Der Dreiundvierzigjährige sitzt zunächst in einem Reisebus, mit dem er aus seinem osteuropäischen Heimatdorf nach London fährt, ausgestattet mit der nötigsten Kleidung, einem Visum, das ihn zum legalen Wirtschaftsimmigranten macht, und mit ein paar englischen Vokabeln im Kopf. Die stundenlange Fahrt schräg über den Kontinent wäre durch die Enge, den Abschied und die Ungewissheit schwer erträglich, gäbe es da nicht eine erste wertvolle Begegnung, die auch später hilfreich sein wird. Auch in der großen, fremden Stadt wird das Gefühl des Ausgesetztseins Lev nie verlassen, doch immer wieder findet er auch Menschen, die zu Freunden werden.

Lev hat in Baryn, einem osteuropäischen Dorf, seine kleine Tochter Maya und die Mutter zurückgelassen. Die Erinnerung an seine gestorbene Frau Marina ist eine Wunde. In seiner Heimat war alles zusammengebrochen. Die Sägemühle, wo er gearbeitet hatte, wurde geschlossen. Es gab für ihn keine Arbeit mehr. Da entschloss er sich, nach London zu gehen, dort zu arbeiten und der Familie ein bescheidenes, doch besseres Leben zu ermöglichen.

Der großen, fremden, lauten Stadt ist der Neuankömmling zuerst einmal völlig hilflos ausgesetzt, aber er kämpft sich durch. Zuerst verteilt er Werbeprospekte für einen arabischen Barbesitzer. Dann findet er eine Arbeit als Küchenhilfe bei Gregory, dem Besitzer von »GK« Ashe. Dort steigt er vom Tellerwäscher zum Gemüsezubereiter auf. Er schickt Geld und Geschenke nach Hause. Er findet sogar eine Liebe, aber wie das Leben so spielt, es geht mal auf und mal ab. Jedoch so schlimm, wie er im »Hamlet« liest, den ihm Lydia geschenkt hat, kommt es dann doch nicht. Es wird am Ende gut. Das dauert aber. Wir finden Lev als Spargelstecher und als Koch in einem Seniorenheim. Eines Tages hat er seine »große Idee«.

So viel sei vorweggenommen, denn der Buchtitel hat es schon gesagt: Er kehrt in seine Heimat zurück. Dort hat indessen ein großer Staudamm einen ganzen Landstrich samt seinem Dorf verschlungen. Aber die Rückkehr ist ein Neuanfang. Für sein Vorhaben hat Lev in London Erfahrungen gesammelt, Geld gespart und bei »GK« Ashe Rezepte aufgeschrieben. Wir erwähnten es zu Beginn: Das Buch ist voller liebenswerter, trauriger Glückssucher und deren Geschichten. Da ist zum Beispiel in London Christy, von Beruf Klempner, ein Unglücksrabe zuerst, ein Glücksfinder später. Und dann muss vor allem Levs alter Freund Rudi mit seinem »Tschevi», einem uralten Chevrolet, erwähnt werden. Der hat die tollsten Ideen, wie man im untergehenden Heimatland überleben kann, und gibt doch einmal beinahe auf. Irgendwann wird er vielleicht Fische für Levs Restaurant fangen, von denen wir mit ihm hoffen, dass sie nicht kontaminiert sind.

Rose Tremain: Der weite Weg nach Hause. Roman. Aus dem Englischen von Christel Dormagen. Suhrkamp Taschenbuch. 493 S., 14,90 €.

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