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Martin Luther King löst Kulturrevolution aus

Geplantes Denkmal für US-Bürgerrechtler in Washington ist »Made in China« – und damit Streitobjekt

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Nach 47 Tagen auf hoher See ging dieser Tage im Hafen von Baltimore ein blau-weißes Schiff mit schwerer und heißer Fracht vor Anker. An Bord der »BBC France« trafen 159 vorbehauene Granitblöcke mit einem Gesamtgewicht von 1600 Tonnen an der Ostküste der USA ein. Sie wurden in Baltimore zwischengelagert, sollen aber schon bald die wenigen Kilometer in die US-Bundeshauptstadt Washington reisen und dort unter den berühmten Kirschbäumen am Tidal Basin, im Umfeld der National Mall, zum Denkmal für den Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King wachsen. Der afroamerikanische Prediger war im April 1968 bei einem rassistischen Anschlag ermordet worden.

Die Ankunft der Granitblöcke in Amerika ist ein Etappenziel auf dem steinigen Weg zur Errichtung des King-Memorials, dessen offizielle Einweihung nächstes Jahr vorgesehen ist. Ob es tatsächlich 2011 geschehen wird, bleibt abzuwarten. Denn nach den ursprünglichen Planungen, mehrfach von Geldmangel belastet, hätte das Denkmal für den Kämpfer gegen rassische Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit längst stehen sollen.

Größer als Jefferson-Statue

Die Kosten für das Denkmal Kings, der im August 1963 auf den Stufen des Lincoln Memorials seine berühmte Rede »I have a dream« gehalten hatte, werden mit 120 Millionen Dollar beziffert. Einige der nun eingetroffenen Steine sollen den »Stone of Hope« bilden, den Kern des Denkmals. Das Relief Martin Luther Kings soll am Ende über zehn Meter hoch sein und den Bürgerrechtsführer der 50er und 60er Jahre mit übergeschlagenen Armen im Anzug zeigen. Nach ihrer Fertigstellung wird die Skulptur größer sein als jene des 3. US-Präsidenten Thomas Jeffersons (6,5 Meter), im Jefferson Memorial und Abraham Lincolns (16. Präsident, 5,8 Meter) im Lincoln Memorial.

Was der Geschichte der Planung und Errichtung des Denkmals von Anfang an in der US-amerikanischen Debatte eine besondere Note verlieh, ist der Umstand, dass das Memorial an einen Meisterbildhauer aus der Volksrepublik China vergeben wurde. Manche Amerikaner sehen darin einen unpatriotischen Akt. Schlimmer: Einige halten die Vergabe durch die Martin Luther King Jr. National Memorial Project Foundation Inc., einer Stiftung, an den chinesischen Künstler Lei Yixin (53) für doppelt deplatziert zu einer Zeit, da die Rivalität zwischen USA und China auf vielen Gebieten gewachsen und das Gewicht der Volksrepublik in bestimmten Bereichen im Begriff ist, die USA zu übertreffen.

Ein früherer Berater für das Projekt hat der Stiftung laut »Washington Post« vorgeworfen, sie habe sich vor allem deshalb für den Chinesen entschieden, weil sie damit auf eine 25-Millionen-Dollar-Spende der Regierung in Peking spekuliere, mit der eine Finanzierungslücke geschlossen werden könne. Ed Dwight, US-amerikanischer Bildhauer und Schöpfer mehrerer King-Statuen, erklärte in seiner Kritik weiter, Leis King-Entwurf sei der einer »schrumpfenden, hutzeligen, unangemessenen Persönlichkeit«, die »mit Martin Luther King keine Ähnlichkeit besitzt«.

Harry E. Johnson, Präsident der Denkmalstiftung, bestritt, je Gespräche mit offiziellen chinesischen Vertretern geführt und um Geld gebeten zu haben. Berater der Stiftung hätten Lei Yixins Bildhauerarbeiten seinerzeit in einem Atelier in St. Paul (Minnesota) bemerkt und Kontakt zu ihm gesucht. Einzige Kriterien seien Leis künstlerische Kompetenz, seine bildhauerischen Fähigkeiten, die Expertise im Umgang mit Granit sowie seine Erfahrung mit großen öffentlichen Monumenten gewesen.

Erinnerung an Kings Traum

»Wir waren nicht der Ansicht, dass lediglich Afroamerikaner mit dem Auftrag betraut werden dürften. Wir schätzen die Vielfalt, auf die wir zurückgreifen konnten«, sagte Johnson. Er betonte, dass Lei Yixin von einem Designer-Team ausgewählt wurde, dem vorwiegend Afroamerikaner angehörten.

In Leis Heimatstadt Changsha Hauptstadt der Provinz Hunan, stiftet die Kontroverse in den USA um den chinesischen Künstler weniger Verärgerung als Verwirrung. Der Künstler selbst stellte die Frage, ob nicht Dr. Kings Traum gerade darin bestanden habe, allen Rassismus zu überwinden. »Er hat immer davon geräumt, dass die Menschen in aller Welt nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt, dass wir alle Brüder und Schwestern sein und uns gleicher Chancen erfreuen würden. Heute bin ich der Glückliche, der die Chance erhalten hat, ein Denkmal für Martin Luther King zu fertigen.«

Pikanterweise stammt Lei Yixin aus einer Intellektuellenfamilie und war während der »Kulturrevolution« zwischen 1966 und 1976 von der KP Chinas unter Mao Tsetung mit Millionen anderer Jugendlicher zur Zwangsarbeit in die Landwirtschaft geschickt worden. »Bürgerliche« Denk- und Verhaltensweisen sollten so ausgerottet werden. Sieben Jahre lebte Lei auf dem Lande. Zur Abwechslung begann er damals zu zeichnen. »Das war mein Tagebuch. Es bestand fast nur aus Bildern und nur wenigen Zeilen Kommentars«, erinnerte sich Lei Yixin. Es half ihm, einen späten Ausläufer der Kulturrevolution in den USA auszulösen.

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