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Dichtung und Wahrheit des Beschäftigungswunders

Statistiker entdecken die »Vollbeschäftigteneinheit« als neue Grundlage für die Erwerbslosenzahlen

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Die realen Erwerbslosenzahlen sind viel höher als es die offizielle Statistik Monat für Monat angibt. Nun hat der Staat eine neue Berechnungsmethode gefunden – sie ähnelt einer, die schon in der DDR angewendet wurde.

Seit über drei Jahrzehnten herrscht in Deutschland permanent Massenarbeitslosigkeit. Trotz statistischer Tricks existiert real eine sich verfestigende Sockelarbeitslosigkeit von über drei Millionen registrierten Arbeitslosen. Bei diesem Sachverhalt grenzt es schon an Komik, wenn behauptet wird, dass in der Bundesrepublik seit Monaten ein Beschäftigungswunder blüht. Begründet wird dieses Wunder auch mit der Mitteilung des Statistischen Bundesamtes, dass »im zweiten Quartal 2010 rund 40,3 Millionen Erwerbstätige ihren Arbeitsort in Deutschland hatten. Das waren 72 000 Personen oder 0,2 Prozent mehr als vor einem Jahr. Das ausgewiesene Niveau stellt den höchsten Erwerbstätigenstand in einem zweiten Quartal seit der Wiedervereinigung dar und kommt dem im vierten Quartal 2008 erreichten Höchstwert von 40,7 Millionen nahe.«

Diese Angabe von 40,7 Millionen Erwerbstätigen beruht auf einer sehr großzügigen Definition des Begriffes Erwerbstätigkeit. Im Prinzip gilt eine Person bereits dann als erwerbstätig, wenn sie in einer Woche lediglich eine Stunde gegen Entgelt gearbeitet hat. Das ist beispielsweise jeder, der nur einmal in der Woche eine Stunde leere Flaschen im Park sammelte, um sie anschließend zu verkaufen. Nach dieser Definition ist auch der Inhaber eines großen Finanzfonds erwerbstätig, wenn er einmal in der Woche mehr als eine Stunde seine Zinseingänge beobachtet.

Im August hat der Arbeitskreis »Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder« seine neuesten Berechnungsergebnisse zur Erwerbstätigkeit für die Jahre 1999 bis 2008 in einer etwas anderen Form präsentiert: Vollzeitige Erwerbsarbeitsplätze mit Sozialversicherungspflicht des Beschäftigten werden immer mehr zu Relikten des Industriezeitalters, so lauten die Schlussfolgerungen der vereinten Statistiker der Bundesländer, des Bundes und des Deutschen Städtetages. Teilzeitarbeit, Leiharbeit, Minijob, Zusatzjob (so genannter Ein-Euro-Job) und Gründungszuschuss lauten stattdessen die Begriffe der modernen Arbeitswelt.

Um diese Vielzahl von Erwerbspersonentypen zu bündeln, sei eine Neuberechnung zu »Vollzeitäquivalenten« erforderlich. Die verschiedenen Erwerbstätigengruppen werden dabei nach dem Maß ihrer Beteiligung am Erwerbsprozess gewichtet. Dabei erhalten Vollzeitbeschäftigte das Normgewicht 1,0 – und zwar unabhängig von tariflich unterschiedlich festgelegten Arbeitszeiten sowie abweichenden tatsächlichen Wochenarbeitszeiten von Selbstständigen. Halbtagsbeschäftigte erhalten das Gewicht 0,5. Allerdings wird Kurzarbeit bei den Berechnungen noch nicht berücksichtigt. Die hieraus resultierende verdeckte Arbeitslosigkeit beträgt laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 200 000 Personen.

Das Bild des deutschen Beschäftigungswunders verändert sich schlagartig, werden die auf diese Art und Weise berechneten Erwerbstätigenzahlen genutzt. Der bisher ausgewiesene Zuwachs von 1,9 Millionen Arbeitsplätzen im Zeitraum zwischen 1999 und 2008 schrumpft nach diesen Berechnungen auf etwa ein Viertel, nämlich nur noch auf 382 000 zusätzliche Vollzeitäquivalente. Betrachtet man den gespaltenen Arbeitsmarkt in der Bundesrepublik, so gab es im früheren Bundesgebiet (ohne Berlin) einen Zuwachs von 860 000 Vollzeitäquivalenten, in den fünf neuen Bundesländern dagegen einen Rückgang von fast einer halben Million (487 000 Vollzeitäquivalenten). Leider liegen aktuellere Daten für 2009 und 2010 nicht vor. Angesichts dieser Zahlen von einem Beschäftigungswunder zu sprechen, ist pure Heuchelei.

Dabei ist zu fragen, warum die Behörden der Bundesrepublik erst jetzt eine derartige Präzisierung der Erwerbstätigenrechnung vornehmen. Bei der Übernahme der DDR ist ihnen sicher der damals geläufige Begriff »Vollbeschäftigteneinheit« begegnet. Bei der in der DDR knappen Ressource Arbeitskraft kämpfte jeder Kombinatsdirektor und jeder Verkaufsstellenleiter um mehr Vollbeschäftigteneinheiten. Hinzu kam, dass vernünftige Produktivitäts- und Lohnvergleiche erst sinnvoll durchgeführt werden konnten, wenn die unterschiedliche Länge der Arbeitszeiten der Erwerbstätigen bei der Berechnung von Pro-Kopf-Angaben berücksichtigt wurde. Jetzt gibt es anscheinend neben dem Grünen Pfeil in der vereinigten Bundesrepublik auch die Vollbeschäftigteneinheit als ein weiteres Erbe der DDR.

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