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Vom »Auslöscher« zum Ordinarius für Kinderheilkunde

Leipzig plant eine Gedenkstätte für Kinder, die im NS ermordet wurden

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Im Leipziger Friedenspark soll eine Gedenkstätte errichtet werden. Sie erinnert an die Opfer des als »Euthanasie« getarnten faschistischen Kindermordprogramms in der einstigen Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen.

Auf dem Gelände im Südosten von Leipzig, vormals Neuer Johannisfriedhof, befanden sich nach dem Krieg etwa 100 Grabstätten von als »lebensunwert« abqualifizierten Kindern. Deshalb wurde dieser Ort für die Gedenkstätte ausgewählt.

Im Vergleich der deutschen Länder und Provinzen hatte Sachsen nach Berechnungen von Caris-Petra Heidel von der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität Dresden »eine der höchsten Opferzahlen an Psychiatriepatienten zu verzeichnen, die zudem aus den eigenen Anstalten stammten und fast ausschließlich im eigenen Land umgebracht worden sind«. Die 1811 gegründete Heilanstalt Sonnenstein in Pirna gehörte zu den sechs großen Mordstätten, die im Rahmen der »Aktion T 4« im »Reich« geschaffen worden waren. Allein hier ließ man 8000 Kranke verhungern oder ermordete sie mit Medikamenten.

Ein ganz eigenes Kapitel dieses Tötungsprogramms stellt die »Kinder-Euthanasie« dar, die vom Berliner »Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden« gesteuert wurde. Nach einem geheimen Meldepflichterlass vom 18. August 1939, der die Hebammen verpflichtete, Kinder mit Missbildungen, Lähmungen oder Mongolismus anzuzeigen, liefen bei dem dreiköpfigen »Reichsausschuss zur ärztlichen Begutachtung« die Meldebögen zusammen. Auf der Grundlage dieser Meldebögen entschieden die »Gutachter« über Leben und Tod der Kinder. Ein mit Rotstift gezeichnetes »+« im schwarzen Kasten des Meldebogens bedeutete das Todesurteil, das in speziellen »Kinderfachabteilungen« von ausgewählten Medizinern vollstreckt wurde.

Einer der drei »Obergutachter« war der Pädiater Werner Catel, seit Oktober 1933 Ordinarius und Leiter der Universitätskinderklinik Leipzig. Das »Auslöschen« von seiner Meinung nach »lebensunwerten« kranken Kinder betrachtete er nach eigenem Bekunden als Lebensaufgabe, weshalb er sich bereitwillig für die Aufgabe zur Verfügung stellte. Vor dem Landgericht Hannover erklärte er im Mai 1962: »Die Gesamtzahl der durch mich erfolgten Begutachtungen schätze ich auf etwa 1000 pro Jahr.«

Catel war aber nicht nur »Kreuzelschreiber«. Auf sein Betreiben hin wurde am 19. Oktober 1940 in der Heilanstalt Leipzig-Dösen eine kinderpsychiatrische Abteilung eingerichtet, zur »Behandlung« der vom »Reichsausschuss« eingewiesenen Kinder bis zum dritten Lebensjahr. Dorthin ließ er auch Kinder aus der Fachabteilung der von ihm geleiteten Leipziger Universitätsklinik verlegen, was, so Caris-Petra Heidel, »damit zu begründen ist, dass Catel eine Häufung von Todesfällen in seiner Klinik vermeiden wollte und daher ›hoffungslose Fälle‹ in Dösen töten ließ«. Für Leipzig-Dösen sind für die Zeit von 1940 bis 1943 550 Kindestötungen belegt.

Die Ermordung der Kinder erfolgte vornehmlich über eine stete Abgabe von Luminal, das den Tod erst nach wenigen Tagen durch Lungenstau und Kreislaufversagen eintreten ließ. Die getöteten »Reichsausschuss-Kinder« (»Ich gebrauche dafür vorläufig den Ausdruck ›Auslöschen‹« hatte Catel 1962 vor dem Landgericht diese Mordtaten umschrieben) wurden anschließend zu Forschungszwecken obduziert. Die Auswertung erfolgte unter Mitwirkung von Catel im Hirnforschungszentrum Berlin-Buch. Obwohl er vor Gericht zugegeben hatte, in seiner Klinik kranke Kinder auch eigenhändig »totberuhigt« zu haben, stellte das Landgericht Hannover-Celle am 30. Dezember 1964 alle Strafverfahren gegen ihn ein.

Zu dieser Zeit hatte der Kindermörder, der sich bei der Entnazifizierung vor der Spruchkammer in Wiesbaden als »überzeugter Antifaschist und Vertreter der Humanität« darstellte, bereits eine glanzvolle Nachkriegskarriere absolviert. 1946 aus der sowjetischen Besatzungszone geflohen, wurde er im April 1947 Leiter der Kinderheilstätte Mammolshöhe im Taunus. 1954 nahm er einen Ruf der CDU-geführten schleswig-holsteinischen Landesregierung an und wirkte bis 1960 als Ordinarius für Kinderheilkunde an der Kieler Universität. Da er wegen der laufenden Untersuchungen gegen ihn nicht wollte, »dass dem Herrn Kultusminister (Oberkirchenrat Edo Osterloh – H.C) durch meine Person weitere Schwierigkeiten entstehen sollten«, ließ er sich 1960 emeritieren.

Catel starb am 30. April 1981. In der Todesanzeige der Universität hieß es: »Durch seine wissenschaftlichen und publizistischen Aktivitäten hat er weit über den engeren Wirkungskreis der Klinik hinaus in vielfältiger Weise zum Wohle kranker Kinder beigetragen.« Als sich Wissenschaftler der Kieler Universität 2007 endlich des Skandals annahmen, war über Catel zu lesen: »Ein exzellenter Kinderarzt, wenn man von den Euthanasie-Dingen einmal absieht.«

Gebaut wird das Denkmal auf Vorschlag des Dezernats für Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule. Die Grundsteinlegung fand bereits Ende Juni statt. Bis zum 30. Oktober soll der Ort der Erinnerung fertiggestellt sein, von dem im Stadtbüro in der Katharinenstraße ein Modell zu besichtigen ist. Die Finanzierung, 35 000 Euro, soll aus Spenden, Fördermitteln und städtischen Mitteln erfolgen.

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