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Die Niere der Nation

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Neuen Deutschland
Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Neuen Deutschland

Letzte Woche hatte Deutschland für einen Moment ein Vorbild, dessen Großherzigkeit viele Zeitungsspalten füllte. Schon lange nicht mehr las man so oft das Wort Liebe auf Politikseiten; beinahe konnte man glauben, Jesus habe im Regierungsviertel vorbeigeschaut.

Es war aber nur Frank-Walter Steinmeier, der ankündigte, dass er für ein paar Wochen aus der Politik verschwindet. Er werde – was inzwischen geschehen ist – seiner Frau eine Niere spenden. Der SPD-Fraktionschef ist bisher mit seinem Privatleben kaum hausieren gegangen; einige Homestories gab es während seiner Kanzlerkandidatur 2009, und damals war seine Frau ein paar Mal bei öffentlichen Terminen dabei. Auch diesmal tat er nur das Mindeste, was eine öffentliche Person wie er angesichts der heutigen Medienwelt wohl tun muss, um lästigen Nachstellungen aus dem Wege zu gehen: eine kurze Mitteilung des Sachverhalts, verbunden mit der Bitte, die Familie in Ruhe zu lassen und »von Eigenrecherchen abzusehen«.

An diesen Wunsch haben sich die Journalisten weitgehend gehalten, wenngleich die Agentur dpa mitteilte, dass sich Steinmeiers Mitarbeiter über Einzelheiten nicht äußern wollten – herumgefragt hat man also doch. Was unabhängig davon in diversen Redaktionsbüros ausbrach, war eine Art journalistischer Rinderwahnsinn. Statt eine sachliche Nachricht über die Auszeit eines Politikers zu bringen, wurden in etlichen Zeitungen ganze Seiten für die »Heldengeschichte« (»Rheinische Post«) abgeräumt, als sei die Regierung zurückgetreten. Alle verfügbaren Details über Steinmeiers Politkarriere, über seine Kindheit, Jugend und Ehe wurden zusammengekratzt, um den Menschen Steinmeier vorzuführen, den es zum offensichtlichen Erstaunen der Medien auch noch gibt. »Die Geschichte einer großen Liebe aus dem sonst so kalten Berlin« beschrieb die »Süddeutsche Zeitung«, und angesichts solcher Kitschattacken fragt man sich, ob sich schon jemand die Filmrechte an der Story gesichert hat.

Die alberne Entdeckung des Menschen Steinmeier ist auch das Ergebnis einer Selbsttäuschung im immer stärker affektorientierten Medienbetrieb. Das schlägt auf die Betrachtung der Politiker durch: Oft genug werden sie als machtgeile, gewissenlose, geldgierige Figuren beschrieben – von den gleichen Journalisten, die dann mit der gleichen Emphase feststellen, »dass Spitzenpolitiker keine Automaten sind« (»Westdeutsche Allgemeine«). Extreme lassen sich besser vermarkten, Zwischentöne werden seltener, und am Ende bleiben Stereotype übrig, die sich in den Köpfen ihrer Produzenten und Konsumenten festsetzen.

Das Private sei politisch, das Politische privat, liest man gelegentlich. Wie der platteste Ausdruck dieser These aussieht, ließ sich am Fall Steinmeier studieren: Für zwei Tage waren die Deutschen dank der Medien ein Volk der Nierenspezialisten – Protokolle von Transplantationen wurden veröffentlicht, das Problem der Organspende wurde diskutiert. Alles schon wieder vorbei – mit Steinmeiers Operation verschwand auch dieses in der Tat wichtige Thema aus den Schlagzeilen.

Dennoch hat die kurzzeitige Steinmeiermania Folgen: »Nach seiner Nieren-Spende rückt der SPD-Fraktionschef unter den zehn beliebtesten Politikern auf Platz zwei vor«, erfuhr man in der »Welt«. Welche politischen Taten mag er im Krankenbett vollbracht haben? Keine; auch seine Ansichten dürften sich nicht geändert haben. Aber seine Glaubwürdigkeit, raunt es, sei erheblich gestiegen. Nach der Rückkehr in den Politikalltag werde Steinmeier »stärker, wichtiger und mächtiger« sein, orakelte die »Neue Westfälische«. Und die »Berliner Zeitung« beglückte uns mit Offenbarung, dass wir in Steinmeier »nicht uns, sondern unser besseres Ich« erkennen, das auch einmal das Richtige tun könnte. Da würde selbst Jesus vor Neid erblassen.

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