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Der Kiezklub lebt

St. Paulis Spagat zwischen Kult und Kommerz

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Von Alexander Ludewig, St. Pauli

Hundert Jahre gibt es ihn nun, den Kultklub vom Kiez. Und pünktlich zum Jubiläum hat der FC. St. Pauli zum fünften Mal den Sprung in die 1. Bundesliga geschafft. Als Kapitän Marius Ebbers die Mannschaft am vergangenen Sonnabend zur legendären Einlauf-Musik »Hells Bells« von AC/DC zum ersten Heimspiel der Saison gegen 1899 Hoffenheim auf den Rasen führte, schien der Traum wieder Wirklichkeit geworden zu sein. Der Traum vom Kampf des klammen Stadtteilklubs, den Freibeutern der Liga, gegen das Establishment.

Auch der Gegner passte dafür perfekt ins Bild. Die Emporkömmlinge aus dem Kraichgau, die mit den Millionen von Mäzen Dietmar Hopp in kürzester Zeit aus der Provinz in die deutsche Eliteliga gestürmt sind. Und tatsächlich, auf dem Platz sah man leidenschaftlich kämpfende Gastgeber, die das Spiel bis zur 87. Minute offen hielten. »Dann ist es natürlich sehr bitter, nach einer Standardsituation noch ein Tor zu bekommen«, ärgerte sich Fabian Boll über den späten Treffer durch Isaac Vorsah zum 1:0-Auswärtssieg der Hoffenheimer.

Aber St. Paulis Mittelfeldspieler, der selbst zwei gute Torchancen nicht nutzen konnte, stand an diesem Tag exemplarisch für sein Team: technisch dem Gegner unterlegen, fehlende Souveränität am Ball, unsicherer und oft ideenloser Spielaufbau, Schwächen im Abschluss. Die Niederlage war letztlich verdient.

Und die Fans mit den Totenkopf-Fahnen? Sie können mit alldem leben. Als Matthias Lehmann in der 20. Minute den Ball statt aufs Tor über das Tribünendach jagte, feierten sie ihn lautstark. Nach dem Gegentreffer war der Jubel aus der Hoffenheimer Ecke kaum zu hören, die Anfeuerungen aus der Südkurve waren einfach lauter. Doch restlos glücklich sind sie in diesen Tagen nicht. Mit dem sportlichen Aufstieg und der einhergehenden Professionalisierung des Vereins ist gleichzeitig die Angst gewachsen, Unverwechselbarkeit und Tradition zu verlieren.

Dank der neuen Haupttribüne war das Stadion gegen Hoffenheim mit 24 000 Zuschauern so voll wie lange nicht mehr. Nun gibt es VIP-Logen und smartes Service-Personal, das während des Spiels zwischen den Sitzreihen Getränke und Snacks serviert. Vor dem Spiel haben die Fans ihre Angst manifestiert und ein einseitiges Flugblatt hundertfach im großzügigen Verpflegungsbereich der neuen Haupttribüne ausgelegt. Mit der Anrede »Liebe Neu-St. Paulianerinnen auf den Business-Seats« beginnend, liest man dort einen sechspunktigen Verhaltensplan für den Fan im Stadion. Unterschrieben ist er mit »Eure neuen Nachbarn«. Es ist ein Aufruf zum Miteinander, allerdings zu Bedingungen wie sie »über viele Jahrzehnte« am Millerntor waren.

»Wir müssen uns auch als Wirtschaftsunternehmen begreifen«, sieht Trainer Holger Stanislawski eine zwingende Notwendigkeit. »Was nützt der ganze Mythos, wenn nicht professionell gearbeitet wird«, beschreibt Manager Helmut Schulte den schwierigen Grat zwischen Kult und Kommerz. Die Angst der Fans wäre sicher noch größer, würden nicht eben diese St. Pauli-Urgesteine den Verein führen und solche Sätze formulieren.

Stanislawski, seit 1993 im Verein, und Schulte, 1987 erstmals im St. Pauli-Trikot auf dem Platz, stehen für den neuen sportlichen Erfolg sowie die Hoffnung, die Seele des Klubs auch in modernen Zeiten nicht zu verhökern.

Dass es funktionieren kann, zeigte die 26. Minute im Spiel gegen Hoffenheim. Lautstark forderte die Südtribüne den Schlachtruf, ein langgezogenes »St. Pauuuliii« von den »neuen« Stadionbesuchern auf der Haupttribüne. Er kam mehrfach und ebenso lautstark zurück. Es war der emotionale Höhepunkt der Partie.

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