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Noch immer schreibt er unsere Stücke

An der Quelle des modernen Theaters: »Shakespeare's Globe« in London

  • Von Ekkehart Krippendorff
  • Lesedauer: 6 Min.
Stehen muss man unbedingt – »Henry IV.« in »Shakespeare's Globe«
Stehen muss man unbedingt – »Henry IV.« in »Shakespeare's Globe«

Als 1997 auf der Londoner Bankside unmittelbar an der Themse in Nachbarschaft zur berühmten Black Friars Bridge das originaltreu rekonstruierte Shakespeare-Theater »Globe« eröffnet wurde, kommentierte die Presse dieses bemerkenswerte Ereignis keineswegs begeistert, vielmehr herablassend: Das Wort »Disneyland« und »Touristenattraktion« war rasch bei der Hand, renommierte Regisseure meinten, Shakespeare könne man da heute nicht mehr spielen, die Kritik nahm das Unternehmen nicht ernst.

Sie hat sich getäuscht. Zwar wird in London ständig irgendwo Shakespeare gespielt – aber die Aufführungen des »Globe« haben Maßstäbe gesetzt und gerade durch ihre sorgsam recherchierte Traditionsarbeit seine Stücke von den Verkrustungen und manchen Vorurteilen befreit. Der Vergleich mit der erfolgreichen, um nicht zu sagen »revolutionären« Musikbewegung der historischen Aufführungspraxis auf historischen Instrumenten und verkleinerten Ensembles bietet sich an. Ein Stück wie die »Merry Wives of Windsor«, von Literaturkritikern und Regisseuren gemieden als missglückter Shakespeare, erstrahlt in dieser unter dem Rahmenthema »Kings and Rogues« (Könige und Schurken) stehenden Saison so lebendig und spritzig im neu polierten Glanz der witzigen Rede als Triumph selbstbewusster Frauen über verklemmte und eifersuchtskranke Männer – vom Publikum mit befreiendem Lachen ohne Ende bedankt; im Herbst wird man damit auf US-Tournee gehen.

»Shakespeare's Globe« in London markiert nichts geringeres als eine Revolution des Theaters – nicht nur, aber ganz besonders der Stücke Shakespeares, die ohnehin das Größte sind, was das neuzeitliche Theater zu bieten hat. Wer am Theater leidenschaftlich hängt, der kann und darf sich diese in London zu machende Erfahrung nicht entgehen lassen – gespielt wird noch bis zum 9. Oktober, billige Flüge gibt es, Karten kosten nur fünf Pfund für die Stehplätze – und das sind die besten!

Stehen muss man unbedingt und zwar so nahe wie möglich an der nach drei Seiten offenen Bühnenrampe (keine Angst: die Aufregung, den Schauspielern hautnahe zu sein und von ihnen direkt mit Shakespeares Worten angesprochen zu werden, lässt keine Müdigkeit aufkommen), gespielt wird bei Tageslicht – und auf einmal versteht man die Shakespeareschen Monologe ganz anders, wird man als Publikum ins Spiel hineingezogen, wird man selbst zum Protagonisten, indem der komplottierende Politiker-König oder der zynisch-lebenslustige Falstaff uns seine geheimsten Gedanken mitteilt. Wir, das Publikum, nicht anonym im Dunkel an Stühle gefesselt, sondern miteinander körperlich und mit Blicken kommunizierend, machen für drei magische Theaterstunden eine ganz und gar einmalige Erfahrung; am Ende der Vorstellung – sei das Stück eine Tragödie oder eine Komödie – löst sich die kollektive Spannung im rhythmischen Tanz der ihre eigene Arbeit mit uns feiernden Schauspieler, und da fließt gar manche Träne der Rührung und Emotion.

In dieser Saison sind die beiden Teile von »Heinrich IV.« die Hauptattraktion. Der mögliche Einwand, was gehe uns schon ein Historienstoff aus dem späten 14. Jahrhundert an, verflüchtigt sich bereits in den ersten Minuten. Tatsächlich ist die Hauptfigur jener John Falstaff, der in den »»Lustigen Weibern« noch einmal auftaucht und dem Verdi seine letzte (und einzige komische) Oper gewidmet hat. Falstaff, das ist, wie Harold Bloom meint, die neben Hamlet wichtigste und komplexeste Shakespeare-Figur, der subversive Anti-Held, der Zyniker mit dem goldenen Herzen, der scharfsinnigste und unverblümteste Kriegskritiker der Weltliteratur, dessen großartiger Monolog über die verlogene Leere des Begriffes »Ehre« im Krieg spontanen Szenenbeifall erhält, den man so und nur so in der plötzlich hergestellten Zustimmung und Solidarität von Schauspieler und Publikum im Rundbau des »Globe«-Theaters erleben kann.

Manche Experten sind der Meinung, dass »Heinrich IV.« eines der größten Stücke Shakespeares überhaupt sei, zumindest aber der Historien. Die Erfahrung, beide Teile unter den magischen Bedingungen des »Globe« zu sehen, möchte das bestätigen. Und das Erstaunliche, was hier passiert, ist dies: Gerade weil in Shakespeare-historischen Kostümen gespielt wird (da man als »groundling«, also als Rampen-Stehpublikum die Schauspieler direkt vor sich hat, kann man die Sorgfalt bewundern, die auf die Kostümherstellung verwandt wird), wird man gewissermaßen gezwungen, für sich selbst das Bühnengeschehen in aktuelle Bezüge zu übersetzen.

Thema ist hier ein schwacher König, dessen Vasallen ihm Führungsschwäche vorwerfen, nachdem sie ihn selbst auf den Thron gebracht hatten, und die sich nun um die Aufteilung des Landes, um ihre eigenen Klientelen streiten – auf Kosten der kleinen Leute, die vom Streit der Großen nicht nur nicht profitieren, sondern schließlich in einen Bürgerkrieg mit hineingezogen werden. Der deutsche Kritiker konnte da nicht umhin, in diesem Sommer 2010 in dieser Konstellation das peinliche und konterproduktive Hick-Hack der schwarz-gelben Koalition wiederzuerkennen, den eitlen Machtstreit der politischen Klasse auf Kosten des Volkes.

Aber auch ganz andere historische Konstellationen werden von diesem Stück wiedererkennbar vorgeführt: Der aus Sicht seines Vaters scheinbar missratene Kronprinz Hal, der sich in den Schänken beim liederlichen Volk herumtreibt, aber, kaum selbst König geworden, seine Jugendfreunde – und allen voran Falstaff – verrät, sie verstößt und als Heinrich V. zum brutalen Kriegs- und Eroberungskönig wird; dieser Prinz Hal ist eine geradezu spiegeltreues Vor-Bild des Musenprinzen Friedrich von Preußen, vom Vater als verweichlicht verachtet und gequält – der aber, kaum König geworden, sich seiner Jugend- und Musenfreunde entledigte und als Friedrich II. sein Preußen sofort in einen blutigen Krieg führte, von einer Fülle weiterer biografischer Parallelen ganz zu schweigen.

Oder da wäre – nun ganz aktuell – der korrupte Waffen- und Menschenhandel Falstaffs, in dem heutige amerikanische Kriegsunternehmer in Irak wie »Blackwater Worldwide« wiedererkennbar sind: Die Politik operiert ständig mit vergleichbar primitiven Parametern, ihre handelnden Protagonisten unterliegen einer durchschaubaren Wiederholungslogik, weshalb Shakespeare, wie Heiner Müller bemerkte, noch immer unsere Stücke schreibt.

Aber natürlich gehen wir nicht ins Theater, um historisch-politischen Nachhilfeunterricht zu erhalten. Was die »Globe«-Erfah- rung so einmalig macht, ist die Begegnung mit Shakespeares Menschen, die zwar Schauspieler sind, aber im geschlossenen Rundbau mit dem Publikum für drei Stunden zu einer Gemeinschaft verschmelzen, indem sie mit uns reden und uns an ihren Sichtweisen der Welt teilnehmen lassen. Und darin liegt in einem tieferen Sinne das Politische dieser spezifischen Shakespeare-Erfahrung, dass wir in allen diskursiven Auseinandersetzungen alle Seiten eines gegebenen Problems zu sehen genötigt werden, dass keines von Shakespeares Geschöpfen ganz recht oder ganz unrecht hat, dass wir, das Publikum, zu einer Haltung der Toleranz, des Zuhörens, der Gesprächsbereitschaft erzogen werden, zu dem, was man wohl demokratische Tugenden nennen darf.

Man verlässt dieses Theater, dieses »wooden O«, das die Welt abbildet und darum nicht zufällig den Namen »Globe« – Globus – trägt, anders, als man hineingegangen war: Bereichert, gebildet, beglückt. Es ist eine Reise wert.

www.shakespeares-globe.org

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