Von Reinhard Schwarz, Hamburg

Hamburg kommt in die Gänge

Mit der erfolgreichen Besetzung des Gängeviertels wurde Gentrifizierung zu einem zentralen Thema in der Hansestadt

Das Projekt Gängeviertel ist seit Jahrzehnten die erste erfolgreiche Hausbesetzung in Hamburg. Seit einem Jahr schwimmen die Künstler auf einer Welle breiter Sympathie. Jetzt will der Senat Millionen in die Sanierung investieren.
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»Keiner hat am Anfang daran geglaubt, dass wir das wuppen können«, erinnert sich Künstler Florian Tampe. »In Hamburg gilt seit über zwanzig Jahren die Regel, dass eine Besetzung binnen 24 Stunden zu beenden ist.« Auch andere Großstädte verfahren nach dem gleichen Muster. Im Hamburger Gängeviertel konnte erstmals dieser Automatismus durchbrochen werden. Schon seit einem Jahr befinden sich die zwölf historischen Häuser in der Hand einer kreativen Protestszene. Die Polizei kommt nur gelegentlich wegen Ruhestörung, die zuständige Senatorin zu Freundschafsbesuchen. Nur das Bauprüfamt sorgt für Ungemach, wenn es mangelnden Brandschutz reklamiert oder Räume wegen Einsturzgefahr sperrt.

Die rund 200 Aktivisten der Initiative »Komm in die Gänge!« sind Hausbesetzer eines neuen Typs: Stereotype Anti-Parolen sind bei ihnen Mangelware, auch die sonst szenetypischen Kapuzenshirts in Schwarz eine Seltenheit. Äußerlich fallen die Aktivisten eher durch ihre Unauffälligkeit auf. Die Männer tragen bevorzugt Bärte und Mützen, die Damen eine lockere Freizeitkleidung. Der softe Hippie-Revival-Look überwiegt. Besucher sind in den Gängen tatsächlich willkommen und werden nicht erst auf ihre politische Gesinnung hin abgeprüft, der Spitzelei verdächtigt oder schlicht ignoriert. Künstler, Studenten, Erwerbslose, Angestellte und Menschen mit Behinderung machen mit. Der Verzicht auf Berührungsängste dürfte wohl das Erfolgsrezept gewesen sein, mit dem die Initiative im vergangenen Jahr die 300 Jahre alten Häuser vor dem Kahlschlag gerettet hat.

Bereits lange vor der Besetzung hatten sich Künstler in die seit Jahrzehnten vor sich hin rottende Siedlung eingemietet. Nachdem 2006 der niederländische Investor Hanzevast die Gängebauten übernehmen wollte, um dort Büros und Eigentumswohnungen zu errichten, wurden die Gänge immer leerer. Als im August 2009 das Quartier an den neuen Eigentümer übergeben werden sollte, feierten die letzten Kreativen ein Abschlussfest, das nicht wieder beendet wurde. Das polizeirelevante Wörtchen Besetzung wurde tunlichst vermieden, stattdessen schon im Vorfeld erfolgreich um Sympathien bei Museen, Kulturschaffenden, Medien und Behörden geworben.

Die Springer-Zeitung »Hamburger Abendblatt« schlug sich auf die Seite der Künstler, der schwarz-grüne Senat vollzog die Kehrtwende. Die Stadt kaufte die Häuser von Hanzevast zurück und gewährte den Besetzern die weitere Nutzung. Seitdem steht in Hamburg eine Art Allparteienkoalition für den Erhalt des Gängeviertels. Stadtentwicklungssenatorin Anja Hajduk (Grüne) bekundet eine »hohe Gemeinsamkeit in der Zielsetzung« mit der Initiative. Sie will einen zweistelligen Millionenbetrag für die Sanierung der Häuser bereitstellen. Damit sollen nicht nur Ateliers hergerichtet, sondern auch günstiger Wohnraum sowie Räume für kulturelle und soziale Angebote instandgesetzt werden. Obwohl die jetzigen Nutzer bereits Öfen installiert, feuchte Wände saniert und die Stromversorgung wieder in Gang gebracht haben, rechnet die Senatorin mit einer Sanierungsdauer von vier Jahren.

Für die neue Bewegung Recht auf Stadt ist dies der größte Erfolg. Das breite Bündnis protestiert seit vergangenem Jahr gegen den Ausverkauf der Stadt an Investoren, den der frühere Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) bereits 1983 mit dem Slogan »Unternehmen Hamburg« verkündet hatte. Die Stadt müsse für Besserverdienende attraktiver werden, forderte er. Seitdem blüht die Umwandlung von sanierten Altbauten in Eigentumswohnungen. Stadtteile wie Eimsbüttel oder Ottensen wurden zu Goldgruben für Spekulanten und Makler. Mit Leuchtturmprojekten wie der über 300 Millionen Euro teuren Elbphilharmonie und dem Millionärsgetto Hafencity sollen die Schönen und Reichen nach Hamburg gelockt werden, während im armen Stadtteil Wilhelmsburg für eine Garten- und Bauausstellung 3000 Bäume gefällt wurden.

Der Konflikt um das Gängeviertel brachte das Fass zum überlaufen. Auch etablierte Künstler protestierten gegen den Ausverkauf der Stadt, Kleingärtner kämpften für den Erhalt ihrer Scholle und auf St. Pauli wehrten sich Anwohner gegen den Bau einer neuen Schickimicki-Zone. Das Thema Gentrifizierung hatte zwischenzeitlich in Hamburg einen Stellenwert erlangt wie sonst nur der Klimawandel. Auch der Senat kam daran nicht vorbei und hat vor Kurzem in einigen der am meisten betroffenen Gebiete auf St. Pauli und St. Georg die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen erschwert. Selbst der über Jahre hinweg fast zum Erliegen gekommene soziale Wohnungsbau soll wieder angekurbelt werden.

Zumindest in den Köpfen der Hamburger haben die Besetzer des Gängeviertels vieles in die Gänge gebracht.

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