Werbung

Wechselbad der Gefühle in der Atacamawüste

Den verschütteten chilenischen Bergleuten werden die kommenden Wochen wie Jahre vorkommen

  • Von Gerhard Dilger, Porto Alegre
  • Lesedauer: 3 Min.
Die verschütteten Bergleute in Chile haben am Sonntag erstmals telefonischen Kontakt mit ihren Angehörigen aufnehmen können. Am Montag sollte die Bohrung für einen Rettungstunnel beginnen. Derweil machten sich die Kumpel daran, ihren Aufenthaltsort zu wechseln, nach Angaben der Behörden zu einer Stelle, die kühler und trockener ist.
Antenor Barros ist überglücklich: Eine Minute hat er mit seinem Sohn Carlos telefoniert, einem der 33 Kumpel, die seit fast vier Wochen in der Atacamawüste verschüttet sind. »Es war sehr bewegend, seine starke und klare Stimme zu hören, er ist guter Dinge«, berichtete der Vater. »Aber es war eines der kürzesten Gespräche meines Lebens.«

Die Telefonate am Sonntag haben den Menschen an der Gold- und Kupfermine San José neue Hoffnung gegeben. Das Telefonkabel wurde durch ein Rohr mit einem Durchmesser von elf Zentimetern eingeführt. Sonst wird der Kanal zum Transport von Wasser, Nahrungsmitteln, Medikamenten, Sauerstoffkapseln, Kleidern und schriftlichen Nachrichten genutzt. Auch eine kleine Kamera, mit der die Männer ihre erste, viel beachtete Videobotschaft aufnahmen, fand den Weg in 688 Meter Tiefe und zurück.

Erst am Sonntag vor einer Woche war der Kontakt hergestellt worden und damit die Gewissheit, dass die Kumpel leben. »Wir sind hier unter einem Felsenmeer und hoffen, dass ganz Chile die Daumen drückt, damit man uns aus dieser Hölle herausholt«, hatte Bergmann Luiz Urzúa Präsident Sebastián Piñera angefleht.

Die Familien harren im »Camp Esperanza« am Eingang der Mine aus. Die Männer drängen sich in einem 52 Quadratmeter großen Schutzraum. Sie wissen, dass sie sich auf eine lange Wartezeit einstellen müssen. »Wir haben ihnen mehr oder weniger sagen können, dass sie nicht vor dem Nationalfeiertag am 18. September gerettet werden können und dass wir hoffen, vor Weihnachten mit ihnen zusammen zu sein«, berichtete Gesundheitsminister Jaime Mañalich den Medien.

Nach der »Etappe der Euphorie« seit dem Kontakt mit der Außenwelt sei mit »Depressionen, Angst und Niedergeschlagenheit« zu rechnen, warnte der Minister. Am Freitag sagte er, bei fünf Kumpeln gebe es »Anzeichen von Depression«: »Sie sind isolierter, wollen nicht am Bildschirm auftauchen, essen nicht gut.« Doch zwei Tage später gab er Entwarnung.

Für das psychische Wohlbefinden der Kumpel soll ein Programm mit Singen, Karten- und Bewegungsspielen sorgen. Am Tag der Rettung müssen sie zudem in den rund 70 Zentimeter großen Schacht passen, mit dessen Bohrung noch am Montag begonnen werden sollte. Zehn bis 15 Meter könne man täglich vorankommen, schätzen die Ingenieure, Alternativen werden geprüft.

Die kommenden Monate »werden wie Lichtjahre sein«, sagte ein australischer Bergmann voraus, der 2006 zwei Wochen lang verschüttet war. Das Wechselbad der Gefühle dürfte also anhalten. Doch noch senden die Journalisten vom Zeltlager am Mineneingang aus überwiegend gute Nachrichten in alle Welt.

Die Angehörigen von Edison Pena schickten dem 34-Jährigen ein Foto von Elvis Presley mit der Botschaft: »Halte durch, bald bist du so berühmt wie Elvis.« Der frühere Fußballnationalspieler Franklin Lobos (53) erhielt ein Trikot der Nationalelf mit den Autogrammen der Spieler und ihres Trainers Marcelo Bielsa.

Der 44-jährige Esteban Rojas ging aus der Tiefe auf den zweiten Heiratsantrag seiner Frau Jessica ein: »Wenn ich hier rauskomme, kaufen wir ein Brautkleid und lassen uns kirchlich trauen«, schrieb er. Die beiden sind schon seit 25 Jahren standesamtlich verheiratet – doch nun konnte seine überglückliche Frau ihren Bekannten zurufen: »Ihr wisst schon, ich brauche einen neuen Herd, einen Kühlschrank, alles weitere schriftlich.« Telefonisch besiegelten die beiden den Plan.

Aus dem Desaster ziehen die chilenischen Behörden erste Konsequenzen: In der Region Antofagasta nördlich des Unfallortes werden 18 kleine Kupferminen geschlossen. Auch San José war nach zwei tödlichen Unfällen vorübergehend stillgelegt worden. Nun schieben sich die Funktionäre des Nationalen Geologie- und Bergbaudienstes, die 2008 die Wiederaufnahme des Förderbetriebs genehmigt hatten, gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Und die Anwälte der Bergleute haben die ersten Klageschriften eingereicht. Insgesamt arbeiten in Chile rund 20 000 Kumpel in kleinen Bergwerken, aus denen im Jahr etwa 60 000 Tonnen Kupfer gefördert werden.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!