Macht der Vorstandspatriarchen

Andrea Ypsilanti über verantwortungslose Politik von alten Männern und Frauen als bessere Aufsichtsräte

Andrea Ypsilanti scheiterte als SPD-Spitzenkandidatin nach der hessischen Landtagswahl 2008 mit dem Versuch einer rot-grünen Minderheitsregierung unter Tolerierung der LINKEN. Seit Anfang des Jahres istdie Landtagsabgeordnete als Vorstandssprecherin für das Institut Solidarische Moderne (ISM) unterwegs. Der rot-rot-grüne Think Tank initiierte den Aufruf »Demokratischer Rechtsstaat oder Atomstaat«. Mit Ypsilanti sprach Ines Wallrodt.

ND: Ihr Aufruf ist eine Antwort auf den »Energiepolitischen Appell« der Atomstromkonzerne, der zunächst ausschließlich von Männern unterzeichnet wurde. Ihrer hat dagegen nur Frauen als Erstunterzeichnerinnen. Die Kritik ist berechtigt, aber die Antwort klingt doch sehr nach der nicht ganz so modernen These von »Frauen würden eine sanftere Politik machen«.
Ypsilanti: Nein, das ist nicht unser Ansatz. Aber es muss der Hinweis gestattet sein, dass ausschließlich Männer für die Atomkraft unterschrieben haben. Schon die Wirtschafts- und Finanzkrise wurde maßgeblich von Männern verursacht. Das ist mehr als ein bloßer Zufall. Sie belasten die nächsten Generationen mit Risiken, die sie aus reinem Profit- und Renditedenken eingehen. Wäre so etwas passiert, wenn viele Frauen in den Vorständen säßen? Ich halte das für eine legitime Frage. Die Initiative »Mütter gegen Atomkraft« war in den 80er Jahren ein wesentlicher Faktor für die Mobilisierung eines breiten und erfolgreichen Widerstands gegen die atomare Wiederaufarbeitsanlage in Wackersdorf.

Sind Frauen also doch die verantwortungsvolleren Politiker?
Ich denke schon, dass das Handeln von Frauen im Augenblick noch mehr an Verantwortung für die nächste Generation orientiert ist als das der Männer. Das hat nichts mit ihren Genen zu tun, sondern ist Ergebnis jahrhundertelanger gesellschaftlicher Arbeitsteilung und also sozialisationsbedingt. Die zentrale Frage ist: Wer hat die Macht in diesem Land? Wie es aussieht, ist es das Patriarchat in den Vorstandsetagen.

Lenkt die »Geschlechterkarte« nicht zu sehr vom Konflikt um die Laufzeiten ab?
Wir haben diesen Aspekt mit zwei Sätzen vermerkt und eine Antwort mit den Erstunterzeichnerinnen gegeben. Im Mittelpunkt unseres Aufrufs steht die Kritik am geplanten Ausstieg aus dem Atomausstieg. Er legt zudem einen Schwerpunkt auf die Rechtsstaatlichkeit. Denn es geht nicht nur um die Energiefrage, sondern auch um die Demokratie.

Die Energiekonzerne haben einen Ausstiegsvertrag unterschrieben und dafür finanzielle Entschädigungen bekommen. Wird jetzt auf den Ausstieg verzichtet, haben sie ohne jede Gegenleistung eine Summe von etwa 50 Milliarden Euro kassiert. Man muss das klar thematisieren: Einige mächtige Herren sind dabei, sich die Republik Untertan zu machen. Sie eignen sich ein politisches Mandat an. Das darf nicht unwidersprochen bleiben.

Ihr Aufruf hat nach einer Woche rund 6000 Unterschriften. Der Konzernappell liegt bei 13 000. Das ist wahrscheinlich nicht das Zeichen, das Sie setzen wollen?
Der Pro-Atom-Appell läuft schon deutlich länger als unserer. Bis vor ein paar Tagen hatte auch er erst ein paar Tausend Unterschriften. Zudem darf nicht vergessen werden, dass die Stromkonzerne enorme Machtmittel an finanziellen Ressourcen für ihre Initiative bereit gestellt haben. Mindestens eine Million Euro sind in die Verbreitung gesteckt worden. Unser Aufruf hat dagegen nichts gekostet, außer unserem ehrenamtlichen Engagement. Wir können uns also durchaus sehen lassen.

Was soll mit dem Aufruf weiter passieren?
Der Aufruf bleibt im Netz und wird laufend weiter unterschrieben. Wir erhoffen uns davon auch eine Mobilisierung für demokratische und gewaltfreie Proteste im November gegen den nächsten Castortransport sowie die Anti-Atom-Großdemonstration am 18. September in Berlin.

www.solidarische-moderne.de

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