Mahler ohne Mahler

Oskar Fried und Dmitri Schostakowitsch im Konzerthaus Berlin

Jens Schubbe, dem unermüdlichen Konzerthausdramaturgen, sei gedankt, dass Werke von Oskar Fried wieder eine Chance haben; jetzt das Melodram »Die Auswanderer« mit Jörg Gudzuhn als Sprecher und dem Konzerthausorchester unter Eliahu Inbal. Die Ausgrabung, 1912 geschrieben auf Worte des Belgiers Émile Verhaeren (Nachdichtung: Stefan Zweig), ist ein Fundstück erster Güte. In dem Werk schlägt die Uhr fünf nach zwölf. Der Text folgt minutiös dem Ticken des Zeigers. Ein schweres, ewiges, nervendes Ticken. Diesem folgt das Drama der Musik.

Da trotten Massen gleichsam um den Globus. Scharen von Elend, Gleichmut, Trostlosigkeit. Ein Vorgang voller Kanten und Schründe. Sie schreiten im Marschtakt, langsam, mutlos, bisweilen aufbegehrend, um Hilfe schreiend. Der Puls pocht stetig. Mal lauter, mal leiser, die Seele erdrückend. Der Ausdruck der Musik, einer in Kurven und Sprüngen, hat Maß und ist maßlos. Er heftet sich auf die Gemüter der Alleingelassenen, der Geschmähten, der Entrechteten.

Das sind die Vorboten der Millionen, die heute in endlosen Zügen um die Welt gehen: Vertriebene, Verachtete, Verfolgte, vor Hunger und Kriegen Flüchtende, eine Masse auf der Suche nach dem Mindesten. Sie suchen – paradox – ihr Heil in den großen Städten, diesen Giganten der Schwere und Überfülltheit, diesen stinkenden Symbolen des Elends und des Reichtums.

Die Komposition, sie blickt in die Zukunft, ist so heutig, dass es einem beim Hören friert. Ihre Kontur verdankt sie symphonischer Anregungen Mahlers. Beide waren ab 1905 befreundet. Neben Willem Mengelberg, Bruno Walter und Otto Klemperer soll Fried der vierte Mahler-Schüler gewesen sein. Aber das ist nicht sicher. Dass sie geistig stark verwandt waren, dokumentiert dieser erste Teil des Mahler-Zyklus des Konzerthauses auf imponierende Weise.

Mahler ohne Mahler. Aber wieviel von diesem Visionär, der in seiner Musik die Angst nicht nur seiner Epoche spiegelte, steckt in dieser glänzend vorgeführten Partitur? Weiß der Teufel, was den 1871 in Berlin geborenen Fried 1914 geritten hat, mit dem Komponieren aufzuhören. Der Weltkrieg? Zweifel am Metier? Kammermusik war zuvor entstanden, Chöre, Lieder. 1913 wurden »Die Auswanderer« von Fried selbst mit den Berliner Philharmonikern und der Schauspielerin Tilla Durieux uraufgeführt. Fortan begann seine Dirigentenkarriere, die im sowjetischen Exil – Fried machte aus seiner kommunistischen Gesittung nie ein Hehl – mit dem Tod 1941 endete.

Die Durieux war mit Rosa Luxemburg und Karl Liebkenecht befreundet und las in Arbeiterkreisen. Nun realisierte Jörg Gudzuhn den Sprecherpart. Brillant diese Rolle, rhythmisch sicher geboten, hochexpressiv. Gudzuhns Stimmkraft unterliegt kaum den mannigfachen expressiven Ballungen des Orchesterbegleitparts.

Nicht minder brillant sie Wiedergabe von Schostakowitschs 4. Sinfonie (1935/36). Es ist unglaublich, was diese Sinfonie an Farben, Agglomerationen, Klangdifferenzierungen, instrumentationstechnischen Finessen umfasst. Grausam aggressiv der erste Satz. Ein Sich-zur-Wehr-Setzen wider das Herannahen mörderischer Zeiten spricht sich darin aus. Reflex auf eine ökonomisch und kulturell so dynamische wie politisch finstere Zeit unter Stalin (die KPdSU begann, ihre bolschewistische Tradition nahezu komplett zu liquidieren). Das Werk entrollt in einem langen, gehetzten Atemzug gleichsam eine Anklageschrift, ist Liebeslied und zugleich Protokoll von Aufbegehren. Eine vielfach an Mahler anknüpfende Partitur voller Biss, Sarkasmus, Kollisionen und Expressionen. Und eine, die ungeheuer ökonomisch vorgeht, in der das kommunistische Prinzip, alle müssen reichlich Arbeit und interessante Arbeit haben, sich sehr anschaulich realisiert. Gegen Stalin und den Stalinismus.

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