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»Ich will meinen Soli zurück!«

Heftige Reaktionen auf Platzecks Einheits-Kritik

Als Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck kürzlich in einem Interview den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik im Oktober 1990 als Anschluss bezeichnete und für die nachfolgenden gesellschaftlichen Verwerfungen eine westdeutsche Anschlusshaltung verantwortlich machte, war die Aufregung unter Politikern groß. Auch in den Leserkommentaren auf den Internetseiten diverser Zeitungen ging es hoch her. Im folgenden Lesermeinungen aus verschiedenen Blättern – auch das ein Spiegel der deutschen Einheit.

www.derwesten.de (Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Essen)

Ich will sofort meinen Soli zurück! Undankbares Pack! +++ Tatsächlich ist die DDR angeschlossen worden und musste alles bis ins kleinste Detail von der BRD übernehmen. Außer dem Ampelmännchen gibts nichts, was aus der DDR übrig geblieben ist. +++ Er (Platzeck - die Red.) schadet der SPD und er müsste sein Amt niederlegen. +++ Kohl wollte in die Geschichtsbücher – koste es, was es wolle. Dass er dafür das Volk veräppeln musste... sowas fiel ihm nie schwer.

www.tagesspiegel.de (Der Tagesspiegel, Berlin)

Jetzt macht er gemeinsame Sache mit der SED Nachfolgepartei, da kommt die Geschichtsverzerrung nicht überraschend. +++ Dass der Westen bei den notwendigen Reformen und dem Wiederaufbau – den er auch bezahlt hat – den Ton angab ist logisch: Wer bezahlt, schafft an! +++ Ein Großteil der Wessis – mich eingeschlossen – waren 1989 mit ihrem Leben und ihrem Land sehr zufrieden. Nur die wenigsten wollten viele Errungenschaften der DDR für ein gemeinsames Land übernehmen. Von daher gab es die Alternative einer »gleichberechtigten Vereinigung« überhaupt nicht, diese wäre im Westen in Bausch und Bogen durchgefallen. Die ehrlichen Alternativen waren: Alles wird Westen oder der Westen bleibt Westen und der Osten macht sein eigenes Ding.

www.nd-online.de (Neues Deutschland, Berlin)

Es wurde endlich einmal Zeit, dass einer die Wahrheit sagte. Platzeck hat genau das ausgedrückt, was der Wahrheit entspricht und was der größte Teil der Ostdeutschen auch so empfindet.

www.sueddeutsche.de (Süddeutsche Zeitung, München)

Viele Kommentare verbrämter Westdeutscher zeigen abermals – neben der eigenen Gefühlskälte –, dass die deutsche Einheit noch längst nicht »angekommen« ist. Die DDR wurde abgewickelt und es wurde mehr an Industrie vernichtet als notwendig war, zum Teil aufgrund falscher Annahmen! +++ Ich schlage vor, die ehem. DDR als eigenes Land Deutschland-Jammer in die EU zu entlassen. +++ Bei allem, was nach der getrockneten Vertragstinte war, ist der Gedanke an »Anschluss« klar näher, jedenfalls viel näher als an »Vereinigung«.

www.spiegel.de (Der Spiegel, Hamburg)

Es war ein Anschluss, daher darf man auch eine »Anschlusshaltung« haben. Was hat denn die DDR als Mitgift in die »Wiedervereinigung« gebracht? Eine »Rundumversorgungshaltung«, das Ampelmännchen und Rotkäppchensekt. Etwas dünn, um von einer Vereinigung unter gleichberechtigten Partnern zu sprechen. +++ Während die Infrastruktur im Westen immer weiter den Bach runter geht, erblüht der Osten in neuem alten Glanz. +++ Er hat ja Recht damit, dass bei der Vereinigung viel schief gelaufen ist, aber die Schuld allein dem Westen zu geben ist Unsinn, wir hier im Osten sind nicht ganz unschuldig.

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