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Grimms & Grass

Hermann Kant: Ein Vermittlungsschreiben nach Saratow

Liebe Nadja, der Steidl Verlag in Göttingen teilte mit, er habe »Grimms Wörter«, Untertitel »Eine Liebeserklärung«, von Günter Grass auf den Luftweg zu Ihnen gebracht. Deren Landung greife ich vor, damit Sie wissen, was bei der Post auf Sie wartet, und um Ihnen schon jetzt meine Meinung zum Ganzen und zu einem seiner Teile zu sagen.

Ich glaube, nein ich stelle fest, wir haben nun ein großes Buch mehr auf der Erde. Freilich eines, das die meisten ihrer lesenden Bewohner, nämlich jene, die des Deutschen nicht mächtig sind, nur vom Hörensagen kennenlernen können. Weil es seiner Natur nach unübersetzbar ist. Da hülfe auch keines der Nachdichter-Seminare, mit denen Grass seine Romane begleitet hat. »Grimms Wörter« handelt vor allem von den Wörtern, die im »Deutschen Wörterbuch« von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm versammelt sind. Jede Übertragung ginge an der Sache vorbei. Zwar ließe sich auch in anderen Sprachen sagen, dass die Liste der Grimms mit »Aal« beginnt und mit »Zwiebel« beinahe endet, mit zwei geradezu Grass-beladenen Vokabeln also. Aber der Spaß daran wäre einer Liebhaber-Gemeinde vorbehalten, zu der Sie, liebe Nadja, nach allem, was ich weiß, nicht gehören.

Womöglich ändert sich das durch dieses Buch. Es hat einen Gegenstand, der größer kaum zu denken ist. Größer sowohl im Sinne von umfassender als auch im Sinne von bedeutender. Dem Mut der Grimms, die Wörter der Deutschen samt herleitenden und erläuternden Literaturbelegen in ein (am Ende 32-bändiges) Druckwerk zu bringen, entspricht der Mut von Günter Grass, diese verzweigte Großtat der Sprachwissenschaft, diese wahrhaft nachhaltige Verlegertat in eine Erzählung zu holen. Und in wunderbare und – auch den Druckern sei Dank – wunderbar lesbare Literatur zu verwandeln. Es ist Grass gelungen, der Leistung der Grimms und ihrer Helfer, allen voran ihrer Verleger, historisch, politisch, philologisch, poetisch gerecht zu werden.

Was zum einen heißt, er hat mit erzählerischen Mitteln Voraussetzungen und Wirkungen des »Deutschen Wörterbuchs« gezeigt, hat Anschübe und Behinderungen, Fürsprecher und Gegner, Gehilfen und Kritiker benannt und wo nötig in persona vorgeführt. Zum anderen steht er als ein Autor da, der zugunsten des Kunstwerks das Kunststück vollbrachte, die Riesenmenge Stoff durch ausgewählte Proben gültig anzudeuten, mithilfe eingeschobener Gedichte und Berichte angenehm zu gliedern und seinen wohlgesetzten Worten wohltuend Graphisches hinzuzufügen.

Dass Grass mit Sprache alles kann, bedarf kaum der Erwähnung; dass er beim Umgang mit Anderen nicht alles wollen sollte, sei vorerst nur erwähnt. Weit vor den Tadel gehört das Lob. Diese Geschichte des Deutschen ist auch eine Geschichte der Deutschen. In ihr haben Potentaten und Demokraten Auftritt. Ein Herrscher kommt (leider nur in einem Satz) vor, der (was für ein ahnungsvoller Dummkopf) das Jubiläum des Buchdrucks zu feiern verbietet. Bettine von A. ist so enervierend wie nützlich. Fallersleben macht seine Über-alles-Strophe mit Kinderliedern wett. Charles Darwin leiht als Zeitgenosse nicht nur Tiefenschärfe, sondern mit der »Entstehung der Arten« auch einen Maßstab her. Die »Wörterbuch«- Kritik meines Strelitzer Nachbarn Daniel Sanders löst (auch bei Jacob Grimm) Antisemitisches aus.

Vielleicht hat nur die Unbildung der akademischen Bücherverbrenner Grimms Jahrtausendbuch, das ohne seine jüdischen Verleger nicht zustande gekommen wäre, vor den Scheiterhaufen von 1933 gerettet. Aber auch ohne den arischen Ernst August, dessen reaktionäre Besessenheit es vermochte, aus einem Häuflein niedersächsischer Professoren die glorreichen »Göttinger Sieben« zu machen, wäre es mit dem Wörterbuch der Grimms nichts geworden. Denn erst dank dieses gekrönten Kerls, der Eidbruch, Amtsentlassung und Vertreibung nicht scheute, waren die Gelehrten frei, freigesetzt, gepresst genug, die Entstehung eines Druckwerks ganz besonderer Art in Gang zu setzen.

Davon und von hundert anderen Dingen erzählt Günter Grass. So erfindungs- und fintenreich wie eh und je. Sagen die Grimms, welche Wörter es gibt, zeigt Grass, was man mit ihnen sagen kann. Ihrer alphabetischen Ordnung lässt er seine poetische folgen. Ihrer Schriftgelehrtheit gesellt sich seine Schreibkunst. Ihre Sorgfalt geht mit seiner Vielfalt überein. Dass er sich auch noch mit ihnen vergleicht – ach ja, was hat einer nicht manchmal für Träume. Wo es aber zu Zwecken der Erzählung geschieht, ist er in allem Recht, wenn er sich zu ihrem Gesellen macht. Da Grass gewusst haben dürfte, was dem passiert, der sich neben Leibniz und Hegel und anderen Nobilitäten ins Bild malt, muss er das Echo aushalten. Zumal er, der Nachbar und Nachfahr Fontanes, in dessen Weise sagen kann: Das ist ja auch schon was.

Internet-, also pressebewandert, wie sie sind, liebe Nadja, werden Sie im deutschen Feuilleton neben geflochtenem Lorbeer für »Grimms Wörter« auch verdrücktem Stroh, säuerlicher Pflaumerei und leicht angegangenen Tomaten begegnen. Das bringen gescheite Bücher allgemein und die von Grass besonders so mit sich. Es hat mit dem Links- oder nicht genug Linkssein des Autors und manchmal auch des Kritikers zu tun. Mit unverheilten Wunden oder unverhohlenem Neid. Oder einfach damit, dass nicht jeder Grammatiker zum Literaturkritiker taugt. Natürlich kommt es nicht wenig von jenem Grassismus her, der neben vielen Herrlichkeiten zu einer Herrscherlichkeit führt, die keinen Einspruch duldet. Altersstarrsinn? Nein, der Unsinn war dem Künstler früh schon eigen. – Um bei seinen und auch meinen Jahren zu bleiben: Beim Altern liegt er vorn, beim Alter ich.

Wodurch allerdings der sonst angenehm undumme FAS-Redakteur Weidermann veranlasst war, »Grimms Wörter« eine ebenso kümmerliche wie nörgelige Notiz zu widmen, sollte er uns in seinem Sonntagsblatt erklären. Falls ihm Grass einmal dumm gekommen ist, langt das nicht, dessen jüngstes Buch als unklug einzustufen. Was sollte ich da sagen, dem nicht erst in dieser Liebeserklärung mehrere dämliche Seiten gelten?

Hier geht es um ein Treffen der deutschen Schriftstellerverbände am Schwielowsee im Jahre 1988, dargestellt in einem Bericht an das Ministerium für Staatssicherheit. Kant, sagt Grass, könnte das Protokoll verfasst haben. Ich, sage ich, habe weder dieses noch irgendein anderes Protokoll des MfS verfasst. Kant, sagt Grass, habe den sowjetischen Teil der atomaren Hochrüstung, um die es bei der Begegnung ging, ausgeblendet. Ich, sage ich, hatte Jahre zuvor den »Appell europäischer Schriftsteller«, den Auftaktstext der literarischen Abrüstungkampagne, mitverfasst, den Grass als einer der Ersten unterschrieb und an den ich mich bis zuletzt halten werde. Kant, sagt Grass, habe sich anders als er nicht für Erich Loest eingesetzt. Ich, sage ich, habe zehn Jahre vor der Begegnung per Rücktrittserklärung den Weiterdruck eines Loest-Buches durchgesetzt. An seiner Seite, sagt Grass, »saß Anna Jonas als Vorsitzende unseres Verbandes«, und ich frage mich und die Literaturlexika immer noch: Wer war beziehungsweise ist Anna Jonas?

Falls aber Sie, liebe Nadja, zu deren Wohnstatt an der Wolga Grass' »Grimms Wörter«-Buch auf dem Luftwege ist, sich fragen, was der Grass-Bericht von einem Geheimdienst-Bericht über einen deutsch-deutschen Schriftstellerstreit an einem brandenburgischen See in einer Erzählung zu suchen hat, die von einem »Deutschen Wörterbuch« handelt, kann ich versichern: Auch das bringt Günter Grass, indem er – ein wenig eifernd, ein wenig schwindelnd zwar – Metternich-Zeit und Mielke-Zeit miteinander verwebt, ganz gut zuwege. Ansonsten findet sich die gleiche Episode in meinem »Abspann« ab Seite 409. Anders, wie nicht anders denkbar, aber insofern ähnlich, als beide Autoren – vielleicht, weil sie derselben Kulturnation angehören – ein und dieselbe nackte Tatsache verschwiegen haben: Grass warf, kaum war er einem Aktionsvorschlag von mir und gemeinsam mit Volker Braun einem herabfallenden Ast entgangen, vor allem verhandelnden Volke die Kleider ab, stieg in den See und sang einem Schwan, der ihn besehen kam, nach der Melodie von »Ist die schwarze Köchin da?« »Ah, die Stasi ist schon da!« entgegen.

Liebe Nadja, der Mann ist schwer auszuhalten. Wenn Sie »Grimms Wörter« lesen, sehen Sie, warum es dennoch geht.
Günter Grass: Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung. Steidl Verlag. 368 S. m. farbigen Vignetten, geb., 29,80 €.

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