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»Behörden haben uns in die Hölle geschickt«

Asylbewerber aus Eritrea wurden abgeschoben und entgingen im Gefängnis nur knapp dem Tod

»Kriegsdienstverweigerer und Deserteure aus allen Kriegsgebieten brauchen Asyl« – das ist für Rudi Friedrich von Connection e. V. die Konsequenz aus einer Fehlentscheidung des Bundesamtes für Migration mit beinahe tödlichen Folgen. Auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main stellte der Verein, der Militärgegner aus aller Welt betreut, gestern zwei Männer vor, die vor über zwei Jahren nach einer flüchtigen Prüfung ihres Asylbegehrens nach Eritrea abgeschoben worden waren. Dort wurden sie unter menschenunwürdigen Verhältnissen eingesperrt. Mit viel Glück und schwer erkrankt gelang ihnen eine zweite Flucht.

Offiziell dauert der »Nationaldienst« in dem ostafrikanischen Land 18 Monate, wird aber häufig willkürlich verlängert, weswegen Tausende desertieren. Yonas Haile Mehari, heute 28 Jahre alt, war sieben Jahre bei der Armee, ehe er floh. Er hatte Arreststrafen kassiert, weil er als Wachsoldat nicht streng genug gegen Kameraden gewesen war. »Du wirst zum Sklaven der Regierung«, so sein heute 23-jähriger Leidensgenosse Petros Aforki Mulugeta.

Abgelehnt nach drei Tagen

Beide kamen im November 2007 auf dem Frankfurter Flughafen an. Dort wurde ihr Asylantrag nach nur drei Tagen als »offensichtlich unbegründet« zurückgewiesen. Ihre Abschiebung in Linienmaschinen konnten sie zweimal vereiteln, bis die Bundespolizei sie mit einem Privatjet ausflog. Kosten: rund 100 000 Euro. In Eritrea wurden sie sofort festgenommen.

Friedrich erläutert dazu: »Die eritreischen Behörden sehen Kriegsdienstverweigerer nicht nur als Verräter. Jede Kritik am Militär, wie auch immer sie motiviert sein mag, wird als politischer Widerstand gegen das Regime gewertet.« Meharis Schilderungen der Haftbedingungen überschreiten schier die Vorstellungskraft: Sechs Monate lang war er in einer unterirdischen Zelle eingesperrt, mit 400 anderen Gefangenen auf nur 150 Quadratmetern. »Es war so eng, dass wir nur schlafen konnten, wenn wir übereinander lagen.« Hitze, Unterernährung und katastrophale Hygiene führten zu schweren Entzündungen.

Haft unter offenem Himmel

Es folgten weitere Monate oberirdischer Haft – unter offenem Himmel, der Witterung schutzlos ausgesetzt. Mulugeta wurde unter ähnlichen Bedingungen insgesamt 16 Monate eingesperrt. Beide kamen getrennt voneinander schließlich in ein Militärkrankenhaus, von wo aus sie fliehen konnten. Mulugeta ging in den Sudan, Mehari nach Äthiopien. Nach Bekanntwerden ihrer Inhaftierung war ihr Asylantrag nachträglich bewilligt worden, so dass sie seit wenigen Monaten wieder in Deutschland sind. Ihr Körper hat sich ansatzweise erholt, ihre Psyche noch lange nicht.

»Für all das, was uns geschah, sind auch die deutschen Behörden verantwortlich, die uns in diese Hölle schickten«, erinnerte Mulugeta. Bernd Mesovic von Pro Asyl wies darauf hin, dass die Fakten zur Behandlung eritreischer Deserteure schon im Frühjahr 2008 bekannt gewesen seien. Die Ablehnung des Asylantrages sei eine Folge des hastigen und »strukturell unfairen« Schnellverfahrens am Frankfurter Flughafen. Das Bundesamt habe zumindest so viel daraus gelernt, dass Eritreer jetzt in »ordentlichen« Verfahren angehört würden.

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