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Heikle Operation am Kopf der Barbarine

Steinmetze versuchen den berühmten Sandsteinfelsen in der Sächsischen Schweiz zu retten

  • Von Harald Lachmann, Königstein
  • Lesedauer: 4 Min.
Restaurierung eines Naturdenkmals in luftiger Höhe
Restaurierung eines Naturdenkmals in luftiger Höhe

»Männer, wir haben nur einen Versuch, der muss sitzen!« So schärft der Dresdner Steinmetzmeister Andreas Hempel seinen beiden jungen Kollegen ein. Alles müsse zudem sehr zügig gehen, denn das Harz trockne schnell. »Und nehmt Euch was zu trinken mit hoch«, mahnt er noch.

Junior Paul Hempel und sein Partner Alexander Brock aus dem thüringischen Greiz – beide 29 und auch bereits Steinmetzmeister – nicken verstehend. Das kleine Team hat bereits den ersten schweißtreibenden Anstieg hinter sich, um das zwei Zentner schwere Equipment über einen steilen felsigen Pfad zum Fuß der Barbarine hinauf zu buckeln. Sie schauen respektvoll aufwärts. Für beide wird es nicht die erste prekäre Klettertour. Doch die 42,70 Meter hohe Barbarine sei schon etwas Besonderes, räumen sie ein. Es ist der bekannteste freistehende Felsen der Sächsischen Schweiz. Kaum eine Postkarte, auf der sie fehlt. Doch seit 1975 gilt für die Felsnadel ein generelles Besteigungsverbot. So musste sich Hempel am Morgen erst von einem Nationalparkmitarbeiter zwei Sicherungsringe für die steile Felswand geben lassen. Sie waren einst vorsorglich entfernt worden.

»Nach Blitzeinschlägen und fortschreitender Erosion wurde die oberen Gipfelköpfe zunehmend instabil«, erzählt der bärtige Steinmetz. Schon 1946 habe es erste Sicherungen gegeben. Seither schütze ein umlaufendes Stahlseil den gerissenen oberen Kopf. Dennoch nagt weiter der Zahn der Zeit an dem Felsen. Auch die wasserabweisende Kappe aus Kunstsandstein, die seit 1980 die Folgen von Regen, Frost und Tau mindern soll, bröselt offenbar. Denn bei einer turnusmäßigen Inspektion hatten Experten der Schutzgemeinschaft Sächsische Schweiz unlängst vom gegenüberliegenden Pfaffensteinmassiv aus einen Riss an der Spitze des geologischen Naturdenkmals erspäht.

Handeln tat not. So erreichte Andreas Hempel ein Hilferuf von der Nationalparkverwaltung: Ob er den Schaden fachmännisch reparieren könne? Man kannte den Obermeister der Dresdner Steinmetz- und Bildhauerinnung bereits von früheren Aufträgen. So hatte seine Werkstatt 2006 die äußeren Verankerungen an der Basteibrücke gesäubert, repariert und neu verfugt. Und 2008 erneuerten sie den 16 Meter hohen Obelisken auf dem Lilienstein, den vermutlich auch ein Blitz getroffen hatte.

Die Barbarine ist ihre heikelste Aufgabe. Deshalb engagierten sie sich mit dem Dresdner Baumpfleger und Industriekletterer Sven Schulze zusätzlich einen Profi. Das Trio klettert zügig den Fels empor. Auf der Felskuppe geht es für sie recht eng zu. Sie ziehen noch einen Rucksack mit Werkzeug, Arbeitsmaterial und Müllbeuteln hoch und beginnen zunächst, den Riss vorsichtig zu dehnen. Dann füllen sie ihn mit dem polymeren Harz und einem Härter aus und verschließen die Stelle zügig mit einer Gaze. Die deckt diese wie ein Wundverband ab und vergrößert zugleich die Haftfläche, so dass sich der Riss besser zusammenziehen kann. »Es verhindert auch, dass womöglich eine Flanke wieder aufreißt«, so Hempel sen. Als Letztes wird mit einer weiteren Schicht aus koloriertem Harz die Reparatur farblich an den Fels angepasst.

Überdies fotografieren sie jeden Arbeitsschritt wie zuvor auch das Schadensbild für eine Dokumentation, die auch für weitere Felsreparaturen nützen kann. Denn wie Axel Weber von der Nationalparkverwaltung erzählt, gebe es eine Reihe solcher Patienten, die man stets im Auge behalten müsse. Hierzu gehöre etwa die Schrammsteinnadel, die aus Sicherheitsgründen auch nicht mehr bestiegen werden soll. Forscher der TU Dresden messen zudem an den »Wehltürmen« über der Felsenbühne Rathen mit elektronischen Geräten regelmäßig die Felsbewegungen. »Aber keine Panik«, beschwichtigt er, »das besitzt vor allem wissenschaftlichen Charakter.«

Bestünde wirklich Gefahr, hätte man längst reagiert – so wie nun bei den 1912 stillgelegten Sandsteinbrüchen zwischen Wehlen und Rathen. Hier verlegte das Oberbergamt Freiberg unlängst den öffentlichen Wanderweg, da nicht auszuschließen sei, dass hier mal eine Steinbruchwand abgehe, so Weber. Immerhin wäre 2000 auch vom Wartturm an der Bastei ein Drittel heruntergekommen. Und nahe den Tyssaer Wänden auf böhmischer Seite stürzte 1981 der einst bedeutende Klettergipfel Neuberturm ein. Das Elbsandsteingebirge sei eben eine Erosionslandschaft.

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