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Vom Schmuddelviertel zum Edelstadtteil

Ein Museum soll die Geschichte St. Paulis dokumentieren

  • Von Reinhard Schwarz, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Museum für St. Pauli: Rund drei Millionen Erinnerungsstücke hat der Fotograf Günter Zint im Laufe der letzten 50 Jahre zusammengetragen. Jetzt finden sie endlich ihre Heimat – auf dem Kiez, wie St. Pauli in Hamburg genannt wird.
Günter Zint und Museumsvorstände Faerber und Zimmermann (v.l.) in der Großen Freiheit.
Günter Zint und Museumsvorstände Faerber und Zimmermann (v.l.) in der Großen Freiheit.

St. Pauli kommt ins Museum – zumindest Teile davon. Hamburgs berühmtester Stadtteil erhält demnächst seine eigene Kultstätte, unweit der ebenso legendären Davidwache. In einem leer stehenden früheren Fast-Food-Restaurant an der Ecke Davidstraße, Friedrichstraße soll ein Teil der Sammelstücke des Fotografen Günter Zint (69) endlich eine Heimstätte finden. Seit Anfang der 1960er Jahre hat Zint Tausende von Exponaten zusammengetragen, darunter etwa das Gästebuch des Sextheaters Salambo, das 1983 abbrannte. Zint hatte das voluminöse Werk mit Wasserschaden aus dem Schutt geborgen. Zahlreiche illustre Gäste wie Otto Waalkes, die Les Humphries Singers oder auch der Schauspieler Günter Pfitzmann hatten sich hier verewigt, teilweise sogar mit Autogrammkarte. Otto hat sogar seine berühmten Ottifanten hinein gekritzelt. Das Salambo war in die Räume des legendären Star-Clubs gezogen, der 1969 aufgrund von Querelen mit den Behörden schließen musste, wohl aber auch, weil die »Beatschuppen« damals durch das Aufkommen der Discos verdrängt wurden. Im Star-Club traten ab 1962 auch die Beatles auf, die vor 50 Jahren im Club Indra ihren ersten Auftritt hatten. »Im Museum kriegt ihr auch echte Sachen von den Beatles zu sehen«, versprach Zint. Er wollte aber noch nicht verraten, welche.

Auf 160 Quadratmetern soll die Geschichte des Stadtteils dokumentiert werden, vom Mittelalter bis in die Gegenwart, sagt Andreas Zimmermann, Vorstandsmitglied des Museumsvereins. Doch gerade die Gegenwart lässt viele Anhänger des bunten Stadtteils mit seinem ebenso eigenwilligen Fußballverein aufstöhnen. Denn immer mehr Gebäude des alten, eher kleinteiligen St. Paulis werden abgerissen und durch gesichtslose, überdimensionierte Büro- und Hoteltürme ersetzt – mit dem Segen der Behörden und der offiziellen Senatspolitik.

Möglich wurde die Einrichtung des Museums durch eine Finanzspritze der Hansestadt in Höhe von 190 000 Euro – lächerlich gering angesichts der enormen Summen, die die Hansestadt jährlich für die Museen der »Hochkultur« ausgibt. Den Antrag zur Förderung stellte die Grün-Alternative Liste (GAL). Die anderen Parteien, CDU, SPD und LINKE, unterstützten die Initiative. »Ich bin schon mal ins Grübeln gekommen: Plötzlich haben uns alle lieb – was haben wir verkehrt gemacht?«, sinnierte Zint vor den versammelten Medienvertretern. Die Ironie hat indes einen ernsten Hintergrund. Denn jahrelang zog der umtriebige Fotograf, der kein Blatt vor den Mund nimmt, mit seinen Exponaten von einem Domizil zum anderen und musste – meist aus Geldmangel – schon bald wieder umziehen. Derzeit ist ein Teil der Exponate in einem ehemaligen Laden in der nahegelegenen Hein-Hoyer-Straße untergebracht. Der größte Teil der insgesamt drei Millionen Ausstellungsstücke – darunter viele Dokumente – befinden sich in seinem Haus bei Bremervörde.

In dem Ladenbüro wurde ein Großteil der Erinnerungsstücke digitalisiert. Das Geld dazu kam von dem Mäzen und Sozialforscher Jan-Philipp Reemtsma. Nicht immer stieß Zint mit seinem St. Pauli Museum auf Gegenliebe bei der Politik. Ein altgedienter SPD-Politiker, erzählt der Fotograf, sprach gar von »Sperrmüll«, und der Fotograf sei doch »ein Messie«. Zint ficht so etwas nicht an: »Wenn schon Messie, dann Edel-Messie.« Mittlerweile wissen viele die Sammelwut des Fotografen zu schätzen. Das von ihm initiierte Museum, das voraussichtlich schon im Oktober eröffnet wird, soll sich selbst tragen. Die Eintrittspreise werden moderat sein und bei fünf Euro für Erwachsene liegen. Im Keller wird Platz für Historiker und Sozialwissenschaftler sein, die in der Datenbank forschen können. Letzten Endes ist das ein Erfolg für Günter Zint, der lange um Anerkennung für seine zusammengetragenen Schätze rang: »Der Kiez ist doch ein Dorf und Hamburg ein Vorort von St. Pauli.«

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