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Geschichte im Koffer

Der erzgebirgische Künstler Jörg Beier hat eine Ausstellung über jüdisches Leben und Leiden zusammengetragen, um – zum Missfallen mancher Mitbewohner – an dunkle Seiten auch der Schwarzenberger Geschichte zu erinnern

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Was verbindet das Schwarzenberg der »Freien Republik« und den Holocaust? Einiges, wie der Bildhauer Jörg Beier in einer detailreichen Ausstellung zeigt. In der Stadt macht er sich so freilich nicht nur Freunde.
Der Holzbildhauer Jörg Beier (unten) erinnert in seiner Galerie-Kneipe in Schwarzenberg nicht nur an die »Freie Republik«, sondern auch an jüdische Geschichte – in einer Ausstellung, die überaus reich an selbst gesammelten Dokumenten und Bildern ist.
Der Holzbildhauer Jörg Beier (unten) erinnert in seiner Galerie-Kneipe in Schwarzenberg nicht nur an die »Freie Republik«, sondern auch an jüdische Geschichte – in einer Ausstellung, die überaus reich an selbst gesammelten Dokumenten und Bildern ist.

Es ist erst die Kehrseite der Bilder, die für Entsetzen sorgt. Auf ihrer Vorderseite zeigen die Fotografien, die dicht an dicht auf die Innenseite eines alten Koffers geheftet sind, glückliche Familien. Eine Mutter hält ihren Jüngsten in die Kamera, Brautpaare lächeln unter glänzendem Zylinder und Tüllschleier, eine Festgesellschaft steht würdevoll in feierlichem Schwarz. Nur eines der Bilder ist so angebracht, dass die Aufschrift auf der Rückseite zu lesen ist. »Riga, den 6. 9. 1938«, steht dort geschrieben: »Da konnte ich noch lachen.« Die Jahre danach, sagt Jörg Beier, hat kaum einer der Porträtierten überlebt. Es waren Rigaer Juden: »Sie wurden fast ausnahmslos umgebracht.«

Ausnahmslos ermordet

Geschichte im Koffer

Der Koffer mit den Familienbildern hängt in einem Raum mit Gewölbedecke und kleinen Fenstern, die auf die Obere Schlossgasse im erzgebirgischen Schwarzenberg blicken. Er gehört zur Galerie »Silberstein«, in der Beier eigentlich Kunst präsentiert. Als er noch für den Kulturbund arbeitete, waren hier erstmals in der DDR Exponate von Christo zu sehen, des »Verpackungskünstlers aus Bulgarien«, wie es hieß. Nachdem Beier das Haus gekauft und oben eine urige Kneipe eingerichtet hatte, präsentierte er Werke regionaler wie internationaler Künstler, mit denen er oft persönlich befreundet ist.

Seit ein paar Monaten allerdings

ist aus der Galerie ein Ausstellungsraum geworden, in dem dank einer Fülle oft einzigartiger Exponate ein manchmal berührender, öfter aber erschütternder Einblick in jüdisches Leben und Leiden gegeben wird. Zu sehen sind Fotografien aus Familienalben und den Portfolios von Kriegsberichterstattern, die Deutschlands Wehrmacht bei der »Eroberung« der Ostgebiete begleiteten; Tickets für Schiffspassagen und KZ-Dokumente; ein kleiner Messing-Golem und Chanukka-Leuchter; ein Totenlied, das in Auschwitz auf grobes Papier gekritzelt wurde; die Armbinde eines Ghetto-Ältesten, ein Stück gestreiften Tuchs mit einem gelben Davidstern und einer Häftlingsnummer. Wie die Fotos aus Riga sind auch die anderen Ausstellungsstücke in alte Koffer geklebt. Mit Koffern, so Beier, »bestiegen die Menschen das rettende Schiff. Mit einem Koffer gingen sie auch ins Lager.«

Wie kommt eine derartig detailreiche Ausstellung nach Schwarzenberg? Was treibt einen Mann wie Beier, der für skurrile Holz-engel in ironischer Anspielung auf regionale Traditionen bekannt ist, dazu, sich auf die Suche nach Bildern, Briefen und jüdischen Nachlässen zu begeben? Gründe liegen in der Geschichte der Stadt wie in der des Künstlers.

Beier, Anfang 60 und seit frühester Kindheit ins Holz vernarrt, begann sich für jüdisches Leben zu interessieren, nachdem er ein Studium zum Holzbildhauer begonnen und dann anderthalb Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Vor einer Reise nach Bulgarien hatte ein Freund gescherzt, man werde eine Karte aus der Türkei schicken. Dazu ein Biermann-Buch und freche Künstlerpostkarten in seiner Wohnung – das reichte zur Verurteilung wegen staatsfeindlicher Hetze. Dabei fand Beier das faszinierend Andere nicht in geografischer Ferne, sondern in der reichen, faszinierenden, aber auch fremden jüdischen Kultur. Er knüpfte eine Brieffreundschaft mit Mirjam Michaelis, einer in den 30er Jahren nach Israel emigrierten Dichterin, die mit Erich Mühsam befreundet gewesen war, und ihrem Mann. Der bekannteste ihrer Gedichtbände trägt den Titel »Die kleine und die große Welt« – ein Titel, der für ihn zur Devise wurde, als er sich dem schwarzen Abgrund in der jüdischen Geschichte näherte: »Ich kam zu der Erkenntnis«, schreibt er im Begleittext der Ausstellung, »dass das Grauen des Holocaust nicht irgendwo weit weg war, sondern bis in unsere nächste Umgebung reichte.«

Das anhand von Fotos, Briefen und Akten anschaulich zu belegen, wurde ihm zum Anliegen angesichts der verqueren Debatte um eine besondere historische Episode, die Schwarzenberg weithin bekannt gemacht hat: die »unbesetzte Zeit« im Mai und Juni 1945, als die Gegend 42 Tage lang weder von sowjetischen noch amerikanischen Truppen besetzt wurde und sich in diesem »Niemandsland« eine Gruppe von Couragierten fand, die das alltägliche Leben organisierten. Zur Utopie gestaltete die geschichtliche Kuriosität erst Stefan Heym, der in seinem Roman »Schwarzenberg« der Frage nachspürt, wie sich ein befreites, aber unbesetztes Deutschland wohl hätte entwickeln können. Eine »Freie Republik« wurde daraus dann in der ungebärdig-verspielten Phantasie Beiers und seiner Freunde.

Die ausgelassenen Feste, mit denen diese »Freie Republik« gefeiert wurde, provozierten indes Widerstand und Kritik. In der unbesetzten Zeit sei Schwarzenberg keinesfalls frei gewesen, schrieb eine Lokalhistorikerin in einem 2004 erschienenen Buch. Vielmehr hätten Kommunisten und Sozialdemokraten die Macht an sich gerissen und ein Regime errichtet, das eine Vorstufe der späteren Diktatur in der DDR gewesen sei.

Beier war empört über diese Argumentation, nicht nur, weil Paul Korb, als KPD-Mann in der unbesetzten Zone für die Sicherheit zuständig, zu seinen hoch respektierten Freunden gehörte, sondern vor allem, weil als Kronzeuge für die Argumentation ausgerechnet Ernst Rietzsch diente, der Bürgermeister Schwarzenbergs, den der Aktionsausschuss im Mai 1945 verhaftete und der später von einem sowjetischen Militärgericht verurteilt und im April 1946 in Dresden hingerichtet wurde. Das diente als Beleg für vermeintliches Unrecht.

Die Geschichte, die Beier in der Ausstellung über Rietzsch erzählt, ist eine andere. Sie handelt von einem Verwaltungsmann, der vom Erzgebirge nach Weißrussland geschickt wurde und sich dort mit Eifer in einen Apparat einfügte, der den Holocaust umsetzte. Er stehe »mit Frische freudig hier draußen in der Arbeit«, schrieb Rietzsch im Juni 1942 in einem Brief aus Lepel, wo er als Kriegsoberverwaltungsrat eingesetzt war. Neben das Zitat hat Beier die Liste der in Lepel ermordeten Juden gestellt. Sie ist erschreckend viele Seiten lang.

Anonyme Anfeindungen

Es ist diese Drecksarbeit, für die Rietzsch zum Tode verurteilt wurde – ein Umstand, der belegbar sei, aber gern verdrängt werde, sagt Beier. Verdrängt wie die düstere Seite der Geschichte von Friedrich Emil Krauß, einem Schwarzenberger Waschmaschinenfabrikanten, der seine Fabrik zum NS-Musterbetrieb ausbaute und Nazi-Größen empfing. Heute wird er in der Region gelobt und gefeiert – für soziale Wohltaten und kulturelle Verdienste. In Beiers Ausstellung wird an eine andere Unternehmerfamilie erinnert: Max und Fanny Lewinsohn besaßen eine Handschuhfabrik in Johanngeorgenstadt. Sie starben wie ihre Tochter im KZ. Ihr Sohn kam als Mitglied einer jüdischen Brigade beim Kampf gegen Hitlerdeutschland ums Leben. Ihre Fabrik wird gerade abgerissen. Der Name ihrer Besitzer ist in der Gegend kaum noch bekannt.

Mit Geschichten wie diesen will Beier die kleine Welt in der großen zeigen. Gern gehört werden sie oft nicht. Kürzlich lagen in den Briefkästen der Stadt Zettel, auf denen mitgeteilt wurde, dass auch Beiers Vater als SS-Unteroffizier in Weißrussland diente. Ihm hätte »dasselbe Schicksal wiederfahren können wie Rietzsch«, heißt es in dem Pamphlet. Die Tatsachen hätten in jedem Lebenslauf gestanden, sagt Beier. Dennoch werden sie aufgewärmt – anonym. Die Botschaft sei klar, sagt Beier: »Ich soll mal lieber die Schnauze halten.«

Jörg Beier denkt nicht daran. Er zeigt seine Ausstellung den Touristen, Schülern und wenigen Einheimischen, die sich dafür interessieren. Im Herbst soll sie in Görlitz gezeigt werden. Später, hofft Beier, ist vielleicht ein Museum interessiert: an seinen berührenden, verstörenden Geschichten im Koffer.

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