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»Der Kapitalismus richtet den Planeten zugrunde«

Vor 30 Jahren wurden die ersten »Alternativen Nobelpreise« vergeben / ND-Gespräch mit der kanadischen Biologin Rosalie Bertell

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Rosalie Bertell, geboren 1929 in Kanada, ist promovierte Biologin und katholische Ordensschwester. Sie arbeitete in der Krebsforschung und war u.a. Beraterin der US-amerikanischen Nuclear Regulatory Commission. Für ihre Aufklärungsarbeit zu den Gefahren geringer radioaktiver Strahlung erhielt sie 1986 den Right Livelihood Award (»Alternativer Nobelpreis«). Mona Grosche sprach mit ihr auf der Konferenz »kursWECHSELN« in Bonn.
Rosalie Bertell
Rosalie Bertell

ND: Doktor Bertell, was sagen Sie angesichts der Gefahren von niedriger radioaktiver Strahlung zur Verlängerung der Laufzeiten für deutsche Atomkraftwerke?
Bertell: Ich glaube, das ist ein falscher Schritt, der dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Wenn man alte Kraftwerke weiterlaufen lässt, dann führt das zu Schwierigkeiten – solche Anlagen werden ja nicht effizienter mit der Zeit. Stattdessen wird es mehr Austritte gefährlicher Stoffe in die Luft und ins Wasser geben. Man sieht ja schon, dass Kraftwerke Probleme verursachen, wenn sie neu sind – was soll man da erwarten, wenn diese alt sind? Ich denke, das ist ein wirklich ernstes Problem. Die Deutschen sollten um die Gesundheit ihrer Kinder besorgt sein.

Mit dem Argument des Klimaschutzes sprechen in der Politik viele von einer »Renaissance« der Atomkraft. Wie sehen Sie das?
Ich glaube, das macht keinen Sinn, denn man tauscht damit doch nur eine Verschmutzung durch eine andere aus. Man kann nur behaupten, dass die CO2-Bilanz der Atomkraft besser ist, wenn man sich ausschließlich die Kraftwerke selbst ansieht. Aber der Abbau, der Transport, die Anreicherung des Materials – selbst wenn man es wieder aufbereitet – produzieren eine Menge CO2. Man kann nicht nur einen kleinen Teil eines ganzen Systems anschauen und behaupten, alles sei in Ordnung. Außerdem lässt das völlig außer Betracht, wie viel Energie man braucht, um den Atommüll aus der Biosphäre herauszuhalten – und das nicht nur für wenige Jahrzehnte, sondern für Tausende von Jahren. Es ist dumm, nur einen kleinen Ausschnitt von wenigen Jahrzehnten zu betrachten und zu ignorieren, was danach kommt.

Sie sind eine von rund 80 Trägern des »Alternativen Nobelpreises«, die an der Konferenz »kursWECHSELN« teilnehmen. Was erhoffen Sie sich davon?
Hier sind Leute versammelt, die alle an grundlegenden Fragen arbeiten. Deshalb hoffe ich, dass wir aus unserer gemeinsamen Perspektive heraus einige Empfehlungen entwickeln können, die für einen wirklichen Politikwechsel in der Welt sorgen. Die Welt verwandelt sich in einen wirklich hässlichen, egozentrischen, selbstsüchtigen Kapitalismus, der brutal zu den Menschen ist. Dieser Kapitalismus richtet den Planeten zugrunde. Und jeder weiß, dass es so nicht besser wird – warum sollten wir diesen Weg also weitergehen? Irgendetwas muss geschehen, damit wir die Richtung ändern. Dies ist unsere Aufgabe, denn jeder von uns fand sich irgendwann an dem Punkt, wo es klar war, dass wir etwas tun müssen, damit sich etwas ändert. Hier ist so viel produktive Energie versammelt – und meine Hoffnungen liegen besonders auf den Teilnehmern der »Dritten Welt«, die an der Basis arbeiten.

Und was sind Ihre persönlichen Pläne für die Zukunft?
Ich werde mich bestimmt nicht zur Ruhe setzen, und zum Glück bekomme ich viel Unterstützung bei meiner Arbeit. Im Moment suche ich für mein Buch »Planet Earth«, das nun fast komplett ins Deutsche übersetzt ist, einen Verlag. Ich hoffe, es kommt dann als Taschenbuch raus, damit es viele Leute lesen können.

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