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»Uns bleibt keine Wahl«

Textil-Gewerkschafterin Jeaneth Pineda auf Infotour in Deutschland

Die Outdoor-Hersteller werben mit Freiheit und Naturverbundenheit, vor sozialer Verantwortung drückt man sich aber, kritisiert Jeaneth Pineda. Die 36-jährige Gewerkschafterin aus Santa Ana in El Salvador arbeitet in der Textilfabrik Esmodica, die derzeit viel für die Modefirma Unifashion arbeitet. Mir ihr sprach Knut Henkel.
»Uns bleibt keine Wahl«

ND: Frau Pineda, Sie sind derzeit in Deutschland unterwegs, um auf Arbeitsbedingungen in der Textilbranche Ihres Landes aufmerksam zu machen. Was sind Ihre ersten Eindrücke?
Pineda: Oh, das erste, was ich gemacht habe, ist in ein Outdoor-Geschäft zu gehen. Da habe ich zum ersten Mal gesehen, dass so eine Jacke dreihundert und mehr Euro kostet. Das hätte ich nicht erwartet.

Warum?
Weil solche Jacken auch in El Salvador genäht werden und weil wir Näherinnen so schlecht bezahlt werden, dass wir uns nicht mal vernünftig ernähren können.

Arbeiten Sie auch in so einer Fabrik?
Nein, ich bin Näherin in der Textilfabrik Esmodica und habe als Gewerkschaftlerin Interviews mit Näherinnen gemacht, die in Fabriken arbeiten, wo Kleidung für die Outdoor-Branche hergestellt wird.

Wie sind die Arbeitsbedingungen?
Schlecht. Die Frauen erhalten in der Regel den Mindestlohn von rund 173 US-Dollar. Der reicht nicht zum Leben. Das ist auch ein Grund, weshalb ich zum Beispiel abends noch drei bis fünf Stunden arbeite, um etwas Geld dazu zu verdienen, um meine Kinder vernünftig ernähren zu können.

Wie steht es mit Arbeitsrechten?
Frauen, die sich so wie ich engagieren, landen schnell auf schwarzen Listen und sind von Entlassung bedroht. In unserem Betrieb sind schon einmal sechzig Näherinnen entlassen worden, weil sie sich organisierten – aber wir haben sonst keine Chance. Auch wenn viele Angst haben sich zu organisieren, uns bleibt keine Wahl.

Sie haben an einer Studie einer Bekleidungsfirma mitgearbeitet, die für North Face, Patagonia und viele andere arbeitet. Wie sind Sie zu den Informationen gekommen?
Wir haben mit Angestellten gesprochen und uns berichten lassen, wie die Bedingungen in dem Betrieb sind. Einige Frauen haben uns berichtet, dass Sie morgens eine Stunde früher zur Arbeit kamen, weil sie Angst hatten, die Tagesquote nicht zu erfüllen. Die ist extrem hoch und wir waren überrascht, dass ein derartiger Druck auf die Frauen ausgeübt wird. In der Fabrik werden Produkte für Patagonia, North Face, Marmot, Colombia und andere hergestellt. Wir hatten mehrere Treffen mit jeweils rund zehn Näherinnen von Brooklyn, die uns en détail berichteten wie es dort zugeht.

Aber die Unternehmen nehmen doch für sich in Anspruch, dass sie ihren Auftragnehmern klare Vorgaben machen. Spielen da die Arbeitsrechte keine Rolle?
Ich habe mal in einer Fabrik einen derartigen Zettel gesehen, aber er war leider in einer anderen Sprache verfasst. Ich konnte nichts lesen.

Also wird sich an die Vorgaben nicht gehalten?
Ich glaube nicht, denn es wäre doch nur sinnvoll, wenn die Arbeiter etwas davon wüssten. Das ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil: Es werden unbezahlte Überstunden erzwungen, die Arbeiterinnen erhalten keinen Bonus und haben kein Recht, eine Gewerkschaft zu gründen. Alle Frauen, die sich organisieren, werden entlassen. Es heißt, weil bei Brooklyn die Arbeitsrechte eingehalten würden, sei eine Gewerkschaft nicht nötig.

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