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Der Schildermacher aus Lichtenberg

Als Vu Trung Mitte der 1990er Jahre aus Vietnam nach Berlin kam, war er mittellos. Gut 15 Jahre später ist er ein erfolgreicher Unternehmer. Seine Produkte hat jeder schon gesehen, der in asiatischen Imbissen einmal etwas zu Essen bestellt hat

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Frisch aus der Druckerpresse: Eine neue Folie für eine Asiafood-Kette aus der Werkstatt von Vu Trung.
Frisch aus der Druckerpresse: Eine neue Folie für eine Asiafood-Kette aus der Werkstatt von Vu Trung.

»Der Meister baut noch bei einem Kunden das Ladenschild an«, sagt der Junge und schaut wieder auf seinen Computerbildschirm. Dort schreibt er gerade eine Speisekarte für ein asiatisches Restaurant. Der Junge ist Vietnamese, lebt erst seit wenigen Jahren in Deutschland und hat hier die Hauptschule abgeschlossen. Sein Wunsch ist es, Werbetechniker zu werden. Derzeit macht er ein Praktikum in der Werkstatt in der Herzbergstraße in Berlin-Lichtenberg bei Meister Vu Trung.

Einen deutschen Meisterbrief hat Vu Trung eigentlich nicht, der eine halbe Stunde später zur Tür hereinkommt. Aber hier nennt man ihn den Meister. Seine Werkstatt in Berlin-Lichtenberg mit den laut ratternden Druckmaschinen und Werkzeugen ist ganz Handwerkswerkstatt. Vu Trung kam zum ersten Mal 1992 nach Deutschland. Das war nur eine Stippvisite. Damals hatte er in seiner Heimatstadt Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam gerade ein Studium der russischen Sprache absolviert. Als er 1995 das zweite Mal nach Deutschland kam, beantragte er hier Asyl. Zu den Gründen will er nichts sagen. Vu Trung hat kein Asyl, aber seine große Liebe gefunden: Seine Frau war in der DDR Vertragsarbeiterin und kümmert sich heute in der Werkstatt um das Kaufmännische. Mit der Heirat erwarb Vu Trung ein Aufenthaltsrecht in Deutschland. Und das Recht zu arbeiten statt von Asylbewerberleistungen zu leben.

Ethnisch geschlossene Gesellschaft

Dass er Unternehmer wurde, ist nichts ungewöhnliches. Fast jeder fünfte Zuwanderer in den neuen Bundesländern, darunter viele Frauen, sind wirtschaftlich selbstständig tätig. Das sagt eine Studie der Brandenburger Ausländerbeauftragten Karin Weiss. »Zugewanderte entsprechen in der Realität ganz oft nicht dem negativen Bild, das in der Öffentlichkeit so gerne gezeichnet wird«, so Weiss. Viele schaffen Arbeitsplätze. Eine Statistik über die Selbstständigenquote von Vietnamesen gibt es nicht. Aber sie ist mit Sicherheit noch deutlich höher: Das ist ein Ergebnis der Situation in der Nachwendezeit. Damals bekamen die ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter nur dann ein jeweils auf höchstens zwei Jahre befristetes Aufenthaltsrecht, wenn sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienten. Da sie auf dem Arbeitsmarkt keine Chance hatten, blieb nur der Weg in die Selbstständigkeit. Nach der Wende hatten die arbeitslos gewordenen ehemaligen Vertragsarbeiter sich so eine ethnisch geschlossene Handelsstruktur aufgebaut und damit das wirtschaftliche Überleben gesichert. Viele haben kleine Wochenmarktstände oder Läden. Andere versorgen die Ladeninhaber mit Waren. Sie betreiben Import-Export-Firmen und holen ihre Waren oft von Verwandten in Vietnam. Und wieder andere versorgen die Händler mit allerlei Dienstleistungen.

Schließlich entstanden ab Ende der 1990er Jahre die großen Asiamärkte in Berlin, Dresden, Chemnitz, Erfurt, Leipzig und Magdeburg. Hier sind oft auch die Vermieter Vietnamesen. Mieter sind neben Vietnamesen auch Inder, Pakistani, Chinesen und neuerdings einzelne Deutsche und Türken. Rund um die Händler siedelten sich Dolmetscherbüros an, Fahrschulen, in denen man auf Vietnamesisch lernen kann oder Reisebüros, die Flugtickets nur nach Vietnam verkaufen. Die Asiamärkte haben für die dort ansässigen Händler den Vorteil von Synergieeffekten. Wer Ware für den Laden kauft, kann auch gleich eine Speisekarte für den Imbiss fertigen lassen, zu einer vietnamesischsprachigen Anwältin gehen oder mit Kollegen Geschäftsgeheimnisse austauschen. Sie haben aber auch Nachteile: Sie sind ethnisch geschlossene Gesellschaften. Wer hier arbeitet, muss nicht unbedingt Deutsch sprechen. Eine Integration in die deutsche Gesellschaft findet hier auch kaum statt. Es gelten auch andere Regeln als sonst in der Geschäftspraxis. Das geht mit eigenen Lösungen für Ratenkauf los und endet mit Kriminalität, die im Schutz ethnisch geschlossener Räume, in denen die Behörden solche Selbstverständlichkeiten wie das Ladenschlussgesetz oder die Lebensmittelhygiene besonders schwer durchsetzen können, gut gedeiht. Immer wieder sind Asiamärkte Orte von Polizeirazzien. Dabei geht es etwa um Produktpiraterie, Schwarzarbeit, Verstöße gegen die Lebensmittelhygiene, illegales Glücksspiel oder Messerstechereien.

»Die Werbetechnikfirma ist schon meine zweite Gründung«, sagt Vu Trung stolz. Sein erster Versuch, sich selbstständig zu machen, war ein Computerservice. Es war in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre. Viele Landsleute hatten ab 1997 endlich ein Daueraufenthaltsrecht für Deutschland erworben. Jetzt konnten sie für sich und ihre Kinder endlich ein Leben in Deutschland planen. Vu Trung: »Dazu gehörte auch, dass sie Computer kauften, damit die Kinder besser lernen konnten.« Doch die Software musste ihnen jemand installieren. Als Vietnamese konnte er besser auf die Bedürfnisse seiner Landsleute eingehen, sich etwa um eine Tastatur kümmern, die die zahlreichen Sonderzeichen der vietnamesischen Sprache enthielt.

Geschäftskontakte in die ganze Bundesrepublik

Als der Markt gesättigt war, entsann sich Vu Trung des Designlehrgangs, den er während seines Studiums der russischen Sprache in Ho-Chi-Minh-Stadt belegt hatte. Er lernte noch Werbetechnik an der Volkshochschule und gründete dann eine Werbetechnikfirma. Zuerst in einem Asiamarkt, denn das brachte Synergieeffekte. »Wenn meine Kunden, das sind Betreiber von asiatischen Bistros, Imbissen und Restaurants, ihre Waren holen, konnten sie auch gleich Leuchtwerbung und Speisekarten in Auftrag geben«, sagt er. Doch irgendwann zog er in die Herzbergstraße, rund einen Kilometer von einem der Berliner Asiamärkte entfernt in einen alten Gewerbehof. »Ich konnte mir eine große Druckmaschine leisten«, sagt er. Aber die würde immer so laut rattern, dass der Lärm direkten Nachbarn in einer Leichtmetallhalle des Asiamarktes nicht zuzumuten sei. Und hier, in der Peripherie, sei zudem die Miete viel günstiger als im Asiamarkt.

Fast jeder hat wohl schon die abfotografierten Asia-Gerichte in den Bistros gesehen, unter denen Name des Gerichtet und der dazu gehörige Preis stehen. Über den Geschmack der Bilder kann man streiten. Sie kommen fast alle aus Vu Trungs Berliner Werkstatt. Nicht nur in Berlin, bundesweit. Denn auf der Suche nach einem Platz für den eigenen Imbiss haben viele Vietnamesen das wirtschaftlich schwierige Berlin verlassen und sich in einem alten Bundesland angesiedelt. Ihre alten Geschäftskontakte und sozialen Kontakte haben sie aber mitgenommen. »Ich habe viele Kunden in Nordrhein-Westfalen und Hessen«, sagt Vu Trung stolz. Vu Trung versteht sich als Handwerker, nicht als Künstler. Einige Zeit hatte er eine vietnamesische Mitarbeiterin, die die Kunsthochschule in Burg Giebichenstein in Halle absolviert hat und in der Werkstatt designte. »Sie passte nicht zu den Wünschen meiner Kunden«, sagt er.

Wie viele zugewanderte Gewerbetreibende hat auch Vu Trung keine geradlinige berufliche Laufbahn hinter sich. Dass er ein Hochschulstudium absolviert hat, fließend Deutsch spricht und allerlei Kurse an der Volkshochschule besuchte, ist aber etwas besonderes. Ein Papier aus dem Berliner Bezirk Marzahn aus dem Jahre 2005 verweist gerade für vietnamesische Unternehmer auf eine sehr schwierige Situation: Sie wurden Unternehmer aus der Not heraus, haben kaum Wirtschaftswissen und kompensieren ihre fehlende Professionalität mit Arbeit rund um die Uhr. »Die Gruppe der Vietnamesen ist eine ethnisch geschlossene Gruppe, die nicht gewohnt ist, sich Hilfe von ihrem deutschen Umfeld zu holen, sondern sich die ausschließlich aus der eigenen Gruppe holt«, heißt es dort. Diese Hilfe sei nicht immer professionell. Und ein Vierzehnstundenarbeitstag über Jahre und ohne Urlaub hätte bei vielen schon zu ernsthaften sozialen und gesundheitlichen Problemen geführt. Die Rede ist von Verschuldung, Konflikten mit Vermietern wegen ausbleibender Mietzahlungen und Sucht. »Dauerhafte Übermüdung, Stress und einseitige Ernährung führen zu diversen Erkrankungen, die häufig zu spät oder gar nicht erkannt werden«, steht im Analysepapier.

Was Trung von vielen seiner Landsleute unterscheidet: Ihn reizt es nicht, Unternehmen zu gründen, die alle haben und womit sie sich gegenseitig Konkurrenz machen. Und er hat ein Team. Neben seinen drei Mitarbeitern gehören dazu ein deutscher Innenarchitekt, der die Bistros und Restaurants entwirft. Dazu gehört eine von Vietnamesen betriebene Lackiererei, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Berlin-Lichtenberg sitzt und seine Werbetafeln lackt. Und er arbeitet mit Elektrofirmen im ganzen Bundesgebiet zusammen, die die Leuchtwerbung vor Ort installieren.

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