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Abgesang der letzten Aufrechten

Vor 20 Jahren verabschiedete sich die Fußballauswahl der DDR in Belgien – ohne viele ihrer Stars, aber mit Erfolg

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Es war das letzte Mal, dass im ND von einem Spiel der Fußballnationalmannschaft der DDR zu lesen war – am 14. September 1990, zwei Tage nach dem 2:0-Sieg in Belgien, hieß es auf der Sportseite: »Auch wenn es um nichts mehr ging, wird dieses Resultat haften und festgeschrieben bleiben. Dass die Spielnummer 293 mit einem Sieg ... endete, muss für die Freunde dieser Mannschaft wie Balsam wirken.« Zwei Monate zuvor war beschlossen worden, das Team der DDR wegen der bevorstehenden Vereinigung aus der EM-Qualifikation zurückzuziehen.

Beinahe hätte Matthias Sammer das letzte musikalische Hurra für die DDR-Fußballer gestört. Der Kapitän setzte bei der Teamvorstellung im Brüsseler Stadion Vanden Stock nach den üblichen zwei Strophen der Nationalhymne schon zu Applaus und Aufmunterung für die Kollegen an, als auch noch die dritte Strophe als Zugabe ertönte. »Die belgischen Gastgeber meinten es gut mit uns«, erinnert sich der damalige ND-Sportredakteur Eckhart Galley, der mit einer Handvoll Journalisten nach Brüssel gereist war, an die Szenerie im Stadion. Einmal noch »Auferstanden aus Ruinen«. Der Abgesang in voller Länge.

Was nach dem Anpfiff in den letzten 90 Spielminuten gegen die damals höher eingeschätzten Belgier um ihren europäischen Spitzenspieler Enzo Scifo folgte, las sich damals im ND so: »Wenn in der DDR-Sportära oft von Teamgeist gesprochen wurde, hier wurde er von den Fußballern in der allerletzten Minute der internationalen Ära nochmal anschaulich. Die 14 Spieler im DDR-Dress trotzten mannhaft dem großen Favoriten.«

Das 2:0 war »eine kleine Sensation«, erzählt Galley. Vor allem, weil Trainer Eduard Geyer nur mit Müh und Not überhaupt eine Nottruppe für das Spiel zusammenbekam. Auch Matchwinner Matthias Sammer hätte um ein Haar die Chance ausgelassen, die zwei historischen letzten DDR-Treffer in Belgien zu erzielen. Beim Treffen am Vorabend in Berlin »wollte ich eigentlich nicht bleiben, aber es ging kein Flugzeug mehr«, erinnert sich Sammer. Der Kapitän war wenige Wochen zuvor von Dynamo Dresden zum VfB Stuttgart gewechselt und wollte zurück zum Bundesligaklub. In der Nacht überredete ihn Geyer, mit nach Belgien zu fliegen. Sammer stieg an Bord, spielte und traf.

Andere Stars sagten reihenweise ab, so wie Andreas Thom, Ulf Kirsten oder Thomas Doll. »Das war ein bisschen schade, aber manche wurden von ihren Vereinen wohl gedrängt, nicht zu spielen«, blickt Jörg Schwanke auf jenen Mittwochabend in Brüssel zurück, an dem er zum ersten und einzigen Mal für die DDR-Auswahl auflief. Andere wie Kollege Dariusz Wosz vermuteten, dass einige angesichts der Karriereaussichten einfach keine Verletzung riskieren wollten. Nicht in einem Spiel für eine Republik, die es knapp drei Wochen später schon nicht mehr gab.

Bei den verbliebenen »14 Aufrechten«, wie Trainer Eduard Geyer sie nannte, kam trotz der Absagen keine Tristesse auf. »Für uns war es eine freudige Sache. Wir haben das Spiel ernst genommen«, sagt Schwanke. Die Motivation war groß – auch, weil alle wussten, dass viele Späher finanzkräftiger Klubs aus dem Westen auf der Tribüne saßen. Wosz sprach später von der »Scouting-Zeit«, die bereits unmittelbar nach der Grenzöffnung begann.

Schon bei der WM-Qualifikationspartie am 15. November 1989 in Österreich, bei der derlei abgelenkte DDR-Kicker mit einem 0:3 die Teilnahme an der Endrunde in Italien verspielten, suchten Abgesandte der Klubs die ersten Kontakte. »Ich bin direkt nach dem Spiel in Wien von Bayer Leverkusen angesprochen worden«, erinnert sich Andreas Thom, der als erster im Januar 1990 in die Bundesliga wechselte.

Die turbulente Wendezeit veränderte auch im Fußball vieles. »Spielervermittler oder Berater gab es bei uns nicht. Das war nach dem Mauerfall alles Neuland«, sagt Thom und auch bei Schwanke hinterließ das monatelange Gerangel um die besten DDR-Kicker einen bleibenden Eindruck: »Es ging zu wie bei einer Fleischbeschau«, erzählt er von zahllosen vermeintlichen Beratern, die die Spieler umgarnten und nicht immer seriös wirkten. »Sie haben einen überall angesprochen. Da musste man schon aufpassen.«

Die meisten gingen ihren Weg erfolgreich. Dariusz Wosz, Heiko Bonan und Jörg Schwanke fanden ihren Platz beim VfL Bochum. Heiko Scholz spielte in Leverkusen und Bremen, Heiko Peschke in Uerdingen. Uwe Rösler schaffte den Sprung nach England zu Manchester City und die Erfolge von Matthias Sammer sind bekannt: Champions-League-Sieger mit Dortmund, Europameister 1996 in England und heute Sportdirektor beim Deutschen Fußball-Bund.

Aber nicht bei allen klappte die Umstellung ins Profigeschäft. Jörg Stübner, der in Belgien sein 47. Länderspiel bestritt und als Mittelfeldwühler jahrelang die besten Spieler Europas zur Verzweiflung brachte, konnte sich in Dresden und Leipzig nicht durchsetzen, ließ sich gehen und rutschte in die Verbandsliga ab. Nach dem Rauswurf 1995 in Neubrandenburg verschwand er. »Es ist schade um Stübner, er war einer der Talentiertesten«, meint Schwanke. Nur einmal tauchte Jörg Stübner noch auf. Beim Abschiedsspiel von Ulf Kirsten 2003 in Dresden lief er unerwartet auf und erzielte ein Tor. Ein Jahr später berichtete er von Problemen mit Alkohol und Tabletten und tauchte wieder ab.

»Das neue System des Fußballgeschäfts musste man erstmal begreifen«, sagt Schwanke. »Es ging um ganz andere Zahlen.« Das galt nicht nur für die Spieler, auch für die Vereine. Investoren und Sponsoren aus der Privatwirtschaft zu finden und von der Attraktivität der Ostklubs zu überzeugen, war nicht einfach. Oft vertraute man windigen Spekulanten, die nur das eigene kurzfristige finanzielle Wohl im Sinn hatten. Vielerorts mangelte es an Geld, um die Klubs auf ein hohes Niveau zu hieven. Ein Problem, das sich bis heute fortsetzt: Spielten 1991 nach der Eingliederung des neu gegründeten Nordostdeutschen Fußballverbandes mit Hansa Rostock und Dynamo Dresden noch zwei Ostklubs in der Bundesliga und fünf in Liga zwei, gibt es heute mit Cottbus, Aue und Union Berlin nur noch drei zweitklassige Vereine.

Den Wettbewerbsnachteil spüren die Klubs früh. »Schon in der A- und B-Jugend bezahlen Vereine im Westen viel mehr Geld«, klagt Schwanke über die vielen abwandernden Talente. Er kennt das Problem. Der 41-Jährige ist heute Trainer – wie einige seiner früheren Mitstreiter: Wosz betreut die Junioren in Bochum, Bonan den Oberligisten BFC Dynamo, Scholz den Fünftligisten Germania Windeck und Rösler Norwegens Erstligisten Molde FK. Schwanke kümmert sich um den Nachwuchs bei Lok Elstal und den Landesligisten Club Italia Berlino. Die Aufgaben nimmt er wie schon als Nationalspieler ernst. Und gegen Veränderungen hätte er auch nichts: »Ich möchte in höherklassigen Ligen arbeiten«, sagt Schwanke. Am besten wie damals – Ziel Bundesliga.

  • Dem ersten Länderspiel der DDR am 21. September 1952 in Polen (0:3) folgten bis 1990 weitere 292 mit insgesamt positiver Bilanz. 138 Siegen stehen bei 69 Remis nur 86 Niederlagen gegenüber, 501 erzielten Toren 345 Gegentreffer.
  • Größte Erfolge der DDR-Elf waren der Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal (3:1 im Finale gegen Polen) und zwei Jahre zuvor die einzige WM-Endrundenteilnahme.
  • Bei der WM '74 kam es zum einzigen Duell mit der BRD. Die DDR gewann das Vorrundenspiel am 22. Juni in Hamburg durch das legendäre Tor von Jürgen Sparwasser 1:0. In der Qualifikation für die EM 1992 sollten beide nochmal aufeinandertreffen, das Team der DDR wurde aber vorher zurückgezogen.
  • Die meisten Länderspiele für die DDR absolvierte Joachim Streich mit 102 Einsätzen. Hans-Jürgen »Dixie« Dörner streifte sich 100 mal das Trikot über, Jürgen Croy lief 94 mal für die DDR auf.
  • Rekordschütze ist ebenfalls Joachim Streich. Mit 55 Treffern steht er in der ewigen gesamtdeutschen Liste immer noch an zweiter Stelle – gemeinsam mit Miroslav Klose. ND
Videoausschnitt: Ausschnitt ais dem Film »Lenin kam nur bis Lüdenscheid«, Quelle www.youtube.com

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